"Wischera" von Warlam Schalamow : Glückswellen, Pechwellen

Das Lager ist das ganze Leben: Warlam Schalamows Gulag-und Antiroman „Wischera“, der sechste Band der Schalamow-Werkausgabe.

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Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36, heute Gulag-Museum, das bis 1989 von der Sowjetunion als Gefängnis fuer Dissidenten und andere Häftlinge benutzt wurde, aufgenommen am 24.07.2009.
Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36, heute Gulag-Museum, das bis 1989 von der Sowjetunion als...Foto: picture alliance / dpa

Das Lager stellt nicht die Hölle gegenüber dem Himmel dar, sondern es ist ein Abdruck unseres Lebens, und nichts anderes kann es sein", hat Warlam Schalamow geschrieben und die Begründung geliefert: „Das Lager aber ist – die ganze Welt. Hier gibt es nichts, das es in Freiheit nicht gäbe, in seinem Aufbau, sozial wie geistig.“ Und schließlich: „Wie auch in Freiheit besteht das Leben des Häftlings aus Wellen von Glück und Pech, nur in ihrer Lagerform, die nicht weniger blutig und nicht weniger blendend ist.“

Zeitlich liegt "Wischera" vor den Kolyma-Erzählungen

Schalamow gilt längst als bedeutender, vielleicht bedeutendster Erzähler der stalinistischen Repression. 1982 starb er in Moskau im Alter von 74 Jahren, von denen er 17 in Lagern zugebracht hatte. Er wäre gerne Dichter geworden, ja er hat Gedichtbände veröffentlicht; doch er musste mehr und mehr über seine Lagerzeit schreiben, obwohl er keine Veröffentlichung mehr erleben durfte. Seit den achtziger Jahren erscheinen seine „Erzählungen aus Kolyma“, benannt nach dem Gulag-Komplex im äußersten Osten Sibiriens, erst als Samisdat noch in der Sowjetunion und dann im Westen, seit 2007 in einer vorbildlichen Werkausgabe bei Matthes & Seitz. Darin ist nun als sechster Band „Wischera. Antiroman“ erschienen, der zeitlich vor die umfangreichen Kolyma-Erzählungen gehört, denn er behandelt Schalamows erste Haftzeit zwischen 1929 und 1931.

"Wischera" behandelt Schalamows erste Haftzeit von 1929 bis 1931

„Behandelt“ ist nicht ganz richtig, wie nichts bei Schalamow ganz richtig sein kann. Bereits der Untertitel „Antiroman“ deutet darauf hin. Es vermengen sich einzelne Skizzen – der Band besteht aus 19 unverbundenen Kapiteln – mit grundsätzlichen Überlegungen wie jener unter dem Titel „Im Lager gibt es keine Schuldigen“, aus der die oben zitierten Sätze stammen und die eine Reflexion darstellen über die Lagererfahrung im Ganzen. 1929 aber, als Schalamow verhaftet wurde, war der „Kältepol der Grausamkeit“, von dem Kolyma handelt, noch längst nicht erreicht. „In diesem Tag und dieser Stunde sehe ich den Beginn meines gesellschaftlichen Lebens – die erste wahre Prüfung unter harten Bedingungen“, hält er rückblickend fest. Schalamow kommt nach Wischera am Ural, in ein Konzentrationslager. Dieses schildert er in biografischen, dabei immer wieder einzelne Personen auf- und abtreten lassenden Skizzen. Typische Schlusssätze sind dabei „Ich habe Kusnezow nie wieder gesehen“ oder „Schtofs weiteres Schicksal kenne ich nicht“. Zugleich sind in seinen Stil meisterhafter Lakonie Grundaussagen über „das“ Leben, das heißt das Lager, eingeflochten, oft abrupt die Ebenen wechselnd. Alles ist dem Gedächtnis abgerungen, und in einem seltenen Wechsel der Chronologie schreibt Schalamow mit einem Mal über Kolymas Bergwerke, doch der Satz bleibt unvollständig: „Dass die Arbeit in der Kälte bei -60° C, dass der Hunger, die Schläge, der vielstündige Arbeitstag – es war niemand da, dem ich all das erzählen konnte.“

Nach seiner Haft kehrte Schalamow zunächst nach Moskau zurück

Während in den Goldbergwerken von Kolyma die Zeit still steht, sind die Jahre der ersten Haft noch bewegt. Die rasante Stalinisierung der Sowjetunion zeigt sich am schärfsten in der Umwandlung der Lager zu Orten brutalster Ausbeutung, zu Orten der Vernichtung durch Arbeit. Die Lagerleiter geraten in dieselben Mühlen von Verhaftung, Urteil und Tod – sie, die den Bau des „Giganten des ersten Fünfjahrplans“ befehligt hatten, wie Schalamow ironisch den aus dem Boden gestampften Industriekomplex von Wischera bezeichnet, das „Chemiekombinat Beresniki“. 1937 und 1938 sind die magischen Daten: die des „Großen Terrors“, dem Schalamow selbst zum Opfer fiel, „denn der NKWD irrt sich nie". Seine Leser wissen, dass damit die trotzkistische Opposition gemeint ist, die der Autor als junger Jurastudent noch so trotzig und naiv gerechtfertigt hatte und mit der er in den Akten für immer identifiziert blieb.

Die erste Haft dauerte knapp drei Jahre. Danach konnte Schalamow nach Moskau zurückkehren. Er schreibt: „Es war still, ein leichter warmer Schnee fiel, und ich brach in Tränen aus am Bahnhof von der Begegnung mit meiner geliebten Stadt, in der alles war – meine Fehler, meine Erfolge, meine Verluste.“ Es ist die einzige Stelle, an der sich Schalamow eine solche Gefühlsregung erlaubt, und dann geht es in der betreffenden Erzählung gleich weiter mit dem Lagerleben und seinen mitunter komischen Absurditäten.

Lässt sich mit Dostojewski und Solschenizyn vergleichen

Denn neben der Lakonie gibt es auch Humor. Die Teilerzählung über das Gastspiel des Moskauer Künstlerkollektivs im Lager ist geradezu ein Kabinettstück an Satire. Im Lager bot man nämlich auch Kultur an, und Schalamow, in diesen ersten Haftjahren selbst zum Mitverwalter der Haftanstalt ausgewählt, ist an der Auswahl eines Kollektivs beteiligt, vermittelt vom „Tourneebüro der Moskauer Gewerkschaften“. „Neben mir saß Pawel Kusnezow, unser Techniker, der Theaterliebhaber, Stammgast des Bolschoj-Theaters, und fiel um vor Lachen.“

Das war im Sommer 1930. Zwei Jahre darauf begegnet der freigelassene Schalamow dem Impresario der Gastspieltruppe in Moskau, in eben diesem Gewerkschaftshaus. Damit schließt die Erzählung. „Wir sahen uns eine Minute in die Augen. ,Nein, das kann nicht sein!', sagte der Impresario.“ Nein, das kann auch nicht sein, was Schalamow schreibt. Doch, es kann sein. Schalamow schreibt große Literatur, nicht über das Lager oder andere Ereignisse, sondern – wie bei Dostojewski, wie bei Solschenizyn – über das Leben. Nur eben ganz anders.

Warlam Schalamow: Wischera. Antiroman. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. 272 Seiten, 22,90 €.

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