Kultur : Wissen schafft Licht

Weltstar Olafur Eliasson arbeitet in Berlin an einer Werkschau für das MoMA New York. Ein Atelierbesuch

Bernhard Schulz
Olafur Eliasson
Im Frühjahr widmet das Museum of Modern Art in New York Olafur Eliasson eine eigene Ausstellung -Foto: dpa

BerlinDas surrende Geräusch hakte sich im Ohr fest. Und die Bewegung in den Augen: Mit dem an langer Leine im Kuppelraum des ehemaligen Postfuhramtes an der Oranienburger Straße befestigten Ventilator wurde Olafur Eliasson berühmt. Der in luftiger Höhe herumschwingende, durch den von ihm selbst entfachten Luftstrom in Bewegung gehaltene Ventilator bot das herrliche Bild einer zweckfreien Maschinenästhetik, in der der Gegenstand und die von ihm hervorgerufene Bewegung miteinander verschmolzen. Eliassons Windmaschine wurde zum Emblem der ersten Berlin-Biennale von 1998.

In den Jahren seither ist Olafur Eliasson zu einem Weltstar der Gegenwartskunst aufgestiegen. Sein „Weather Project“ von 2003 in der haushohen einstigen Turbinenhalle der Londoner Tate Modern wurde ihrer suggestiven Kraft wegen ungezählte Male abgebildet. Zuletzt schmückte die gelbrote Lichtflut der simulierten Sonne das Titelblatt der Hauszeitschrift der American Academy Berlin. Einfach so. Anlass zu weiteren Bildern dieser Art wird im Frühjahr gegeben sein, wenn das New Yorker Museum of Modern Art Eliasson eine Ausstellung widmet, die mit insgesamt 34 Installationen sowohl im Stammhaus an der 53. Straße als auch in der Außenstelle, dem P.S.1 drüben in Long Island City, zugleich Retrospektive sein wird wie Einblick in die aktuelle Produktion.

Sechs Installationen werden eigens für die New Yorker Räumlichkeiten geschaffen, ältere auf die Verhältnisse im Museum neu abgestimmt. Dieser Tage weilte MoMA-Chef Glenn Lowry in Berlin, um das Projekt vorzustellen, das von Klaus Biesenbach, dem Gründer und langjährigen Leiter der Berliner Kunstwerke und jetzigen Chefkurator des Media Department am MoMA, betreut wird.

Was damals im Postfuhramt als spielerische Übung in „ortsbezogener Skulptur“ wahrgenommen werden mochte, folgt tatsächlich einem höchst ambitionierten Arbeitsprogramm. Der 1967 in Kopenhagen geborene, in Island aufgewachsene und später an der Kopenhagener Akademie ausgebildete Eliasson stellt mit seinen manchmal kleinen, bisweilen jedoch gigantischen Installationen die Sinneswahrnehmungen auf die Probe. Es geht um Licht, Klang, Luft, Temperatur, mithin um Sehen, Hören und Fühlen. Dabei gibt sich Eliasson nicht damit zufrieden, die Sinne herauszufordern. Zugleich untersucht er die Bedingungen ihrer Wahrnehmung in geradezu naturwissenschaftlich-experimenteller Weise.

Der Besuch in seinem Atelier beim Hamburger Bahnhof zeigt weniger ein Künstlerstudio als vielmehr ein Labor. Das Hauptgeschoss in der ehemaligen Lagerhalle hat die Dimensionen eines großen Museumssaales. Staunen macht der Gang ins betonstützengetragene Untergeschoss. Hier finden sich Werkstätten aller Art, wird in gespannter Ruhe gesägt, geschweißt, lackiert, werden Objekte, Instrumente, Maschinen aller Art zusammengebaut, Dutzende von Vorhaben zugleich erprobt und verwirklicht. 35 Mitarbeiter der verschiedensten Disziplinen beschäftigt Eliasson, wie er beiläufig mitteilt, und dazu passt, dass das Atelier rechtlich als „Studio Olafur Eliasson GmbH“ organisiert ist.

Eine Kunstmanufaktur? Eliasson, der sich gänzlich uneitel zwischen seinen Angestellten bewegt, benötigt gewiss keine Assistenten, die ihm Pinsel reichen oder ganze Leinwände bemalen, wie so mancher Großkünstler der Gegenwart. Nur ist der handwerkliche und technische Aufwand seiner Projekte so immens, dass sie nach manufakturmäßiger Ausführung verlangen. Kein bloßer Gigantismus ist die Triebfeder, sondern der Wunsch, in immer weitere Dimensionen der Sinneserfahrung vorzustoßen. „Ich habe die besten Leute auf den verschiedensten Gebieten“, sagt Eliasson, und es klingt kein bisschen nach Angeberei, sondern nach schierer Notwendigkeit: „Wir machen unentwegt Experimente.“

Die Arbeit geht konzentriert und doch, so scheint es, entspannt vonstatten. Einzig die Raumpläne von MoMA und P.S.1 an der Wand der lichtdurchfluteten Atelierhalle lassen ahnen, dass ein striktes Zeitregiment herrscht. Zudem können einzelne Räume der beiden New Yorker Häuser mit Hilfe von Schiebewänden im Maßstab 1:1 simuliert werden.

Eliasson wird den 1997 ersonnenen „Ventilator“ erneut zum Schwingen bringen: im 33 Meter hohen Lichthof des MoMA-Neubaus von 2004. Das anschließende Treppenhaus wird von gleißend gelbem Licht erfüllt werden. „Ich möchte die Orientierung der Besucher zerstören“, sagt Eliasson in seinem dänisch singenden Tonfall. Das gilt besonders für die neun Meter breite Spiegelscheibe, die im Berliner Atelier langsam unter der Decke rotiert. Die Arbeit unter dem – auch der Ausstellung ihren Titel gebenden – Motto „Take your time“ soll im P.S.1 nochmals größer ausfallen. Der im Untergeschoss eingerichtete Raum „Natural light setup“ kann aus seiner Lichtdecke 250 Variationen von weißem, schattenlos gleichmäßigen Licht über die Besucher ausgießen, von der Simulation eines wolkenverhangenen Tages in Venedig bis zum blaustichigen Kaltlicht Islands. „Ich möchte einige Dinge in Frage stellen, die wir als gegeben hinnehmen“, erklärt Eliasson, und nichts anderes tut ja die experimentelle Naturwissenschaft. Nein, ein ausgebildeter Wissenschaftler sei er nicht, wehrt er ab, doch habe er großes Interesse entwickelt, denn man „stolpert andauernd über Naturwissenschaft“.

MoMA-Direktor Glenn Lowry bringt Eliassons Arbeit zum Abschluss des Rundgangs auf einen griffigen Punkt: „Was ist die eine, einfachste Geste, die die größtmögliche Erfahrung ermöglicht?“ Mit Eliassons Arbeiten bewege man sich „von der Kunst zur Wissenschaft, ohne es überhaupt zu bemerken“. Und tatsächlich, Eliasson führt die seit dem 19. Jahrhundert getrennten Sphären der Kunst und der Wissenschaft wieder zusammen und zeigt, dass sinnliche und geistige Erkenntnis derselben Wurzel entspringen: der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Olafur Eliasson führt uns Qualitäten dieser Wirklichkeit vor Augen, die wir allein dem Überschwang der Fantasie zutrauen mochten.

Ausstellung „Take your time: Olafur Eliasson“ in New York, Museum of Modern Art und P.S.1, 20. April bis 30. Juni. Mehr unter www.moma.org.

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