Kultur : Wissenschaft

Bas Kast

Warum erregt es uns, wenn eine schöne Frau oder ein unwiderstehlicher Mann zärtlich an unseren Ohrläppchen knabbert? Wie entstehen Phantomschmerzen? Gibt es eine Erklärung für Fußfetischismus? Ja, es gibt eine Erklärung dafür, sagt der aus Indien stammende, in Kalifornien lebende Neurologe Vilayanur S. Ramachandran und meint: Alle drei Phänomene haben etwas miteinander zu tun. Es gibt sozusagen einen gemeinsamen neurologischen Nenner für Fußfetischismus, Ohrläppchenknabbern und Phantomschmerzen - und das ist die "Körperkarte" in unserem Gehirn.

Fragen zu Fußfetischismus - das hört sich nicht gerade nach einem seriösen Wissenschaftsbuch an. Dabei ist Ramachandrans "Die blinde Frau, die sehen kann" eines der faszinierendsten Bücher über das Hirn, die es derzeit gibt (geschrieben mit der "New York Times"-Reporterin Sandra Blakeslee, Rowohlt-Verlag 2001, 511 Seiten, 24 Euro). Wer es liest, sieht die Welt und sich selbst plötzlich mit anderen Augen.

Eines Tages (der Neurologe sitzt in seinem Büro, er ist Direktor des "Zentrums für Hirn und Kognition" an der Universität San Diego) klingelt Ramachandrans Telefon, am Apparat ein Ingenieur aus Arkansas: "Vor zwei Monaten habe ich mein Bein unterhalb des Knies verloren, aber da ist noch etwas, wozu ich gern Ihre Meinung hören würde." - "Was ist es?", fragt der Arzt - "Na ja, es ist ein bisschen peinlich, darüber zu sprechen ... Jedes Mal, wenn ich Geschlechtsverkehr habe, sind da merkwürdige Empfindungen in meinem Phantomfuß. Wie erklären Sie sich das? Mein Hausarzt sagt, es ergebe keinen Sinn."

Ramachandran sagt, der Hausarzt irrt. Im Hirn, führt der Neurologe aus, gibt es eine "Karte", die unseren ganzen Körper "abbildet". Wenn jemand Ihren Fuß berührt, dann aktiviert das bestimmte Hirnzellen - erst diese Aktivität führt dazu, dass Sie die berührte Stelle spüren (man könnte die Zellen auch direkt elektrisch reizen, dann würden Sie eine Berührung fühlen, die es eigentlich gar nicht gibt!). Im Hirn liegen die Fußzellen direkt neben den Zellen, die für unsere Geschlechtsorgane zuständig sind. Ramachandran vermutet, dass es zwischen den beiden Hirngebieten Querverbindungen gibt: Wenn man den Fuß berührt, aktiviert das über diese Verbindungen auch Hirnzellen, die uns unsere Genitalien spüren lassen - der Grund dafür, "warum es uns soviel Vergnügen bereitet, wenn man an unseren Zehen lutscht".

Wilde Spekulation? Vielleicht nicht. Ramachandran berichtet von einem weiteren Patienten namens Tom, der nach einem Autounfall seinen linken Arm verloren hatte. Im Hirn aber war sein Arm als Phantom noch vorhanden ("Tatsächlich schien sein Pantomarm in der Lage zu sein, alles zu tun, was der richtige Arm automatisch verrichtet hätte - Schläge abwehren oder dem kleinen Bruder auf die Schulter klopfen.") Nun kam dem Arzt der Gedanke für ein ebenso einfaches wie geniales Experiment: "Ich bat Tom, auf einem bequemen Stuhl in meinem Kellerlabor Platz zu nehmen, und verband ihm die Augen ... Dann nahm ich ein Wattestäbchen, strich damit über verschiedene Bereiche seiner Körperoberfläche und bat ihn, mir zu sagen, wo er die Berührung spürte."

Etwas höchst Eigenartiges passierte, als Dr. Ramachandran Toms Wange berühte: Plötzlich spürte Tom die Berührung nicht nur auf der Wange, sondern auch auf seinem Phantomarm! Der Neurologe ließ einen Tropfen warmes Wasser auf Toms Gesicht fallen, woraufhin sich seine Phantomhand warm anfühlte. "Einmal lief der Wassertropfen zufällig sein Gesicht hinab. Ziemlich überrascht rief er aus, er könne deutlich spüren, wie das warme Wasser an seinem Phantomarm entlanglaufe."

Der Grund für das Phänomen: Auf der Körperkarte in unserem Hirn liegt das Gesicht direkt unter Hand und Arm. Reizt man das Gesicht, aktiviert das - über die Querverbindungen - auch die Handzellen. Als der Arzt Toms Gesicht berührte, spürte der Mann eine Hand, die es nur noch in seinem Hirn gab! Ramachandran vermutet, dass die Querverbindungen im Normalfall unterdrückt werden - weshalb wir keine Berührungen in unserem Arm spüren, wenn man uns an die Nase fast.

Womit wir bei den Ohrläppchen wären. Denn ganz schafft es das Hirn offenbar nicht, die Querverbindungen auszuschalten. So untersuchte der italienische Neurologe Salvatore Aglioti Frauen, die nach einer Brustentfernung eine Phantombrust spürten. Bei einem Drittel der Frauen führte eine Reizung der Ohrläppchen zu erotischen Empfindungen in den Brustwarzen. Agliotis Vermutung: Ohrläppchen und Brustwarze sind neuronale Nachbarn - eine perfekte Vorlage also für jedes Vorspiel!

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