Kultur : Witwensitz der Musen

Candida Höfers Fotografien aus Weimar: eine Auswahl in der Galerie Johnen Berlin

Bernhard Schulz

Die politische und die geistige Bedeutung Weimars klafften stets auseinander – je weiter, umso besser für Letztere. „Deutschland? Aber wo liegt es?/ Ich weiß das Land nicht zu finden,/ Wo das gelehrte beginnt,/ hört das politische auf“, dichteten Goethe und Schiller 1796 in ihren spottlustigen „Zahmen Xenien“. Es ist dies die beste Beschreibung für das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, eines jener Duodezfürstentümer, das sich, und sei’s nur seiner Bedeutungslosigkeit halber, über das Ende des Alten Reiches 1806 hinaushalten konnte. Seit den Zeiten der Weimarer Dichterfürsten wird die Stadt an der Ilm denn auch verklärt, als Sitz der Musen, was schon Heinrich Heine zum Spottwort vom „Musenwitwensitz“ veranlasste.

Schwierig also, ein objektives Bild von Weimar zu gewinnen; durchaus auch in der Gegenwart, da von Weimar jeder politische Anspruch abgefallen ist. Wenn es überhaupt möglich ist, so hat es Candida Höfer in ihrem Medium, der Fotografie, zuwege gebracht. Und zwar, indem sie wie stets Distanz hält zu ihren Motiven und sie dadurch zum Sprechen bringt. Höfer war im Sommer 2004 eingeladen, die Anna-Amalia-Bibliothek zu fotografieren, jenen mythischen Ort, in dem die Besonderheit Weimars als beschauliches Residenzstädtchen von gleichsam überschießender geistiger Potenz besonders anschaulich wird. Drei Wochen danach ereignete sich der furchtbare Brand, der die Rokoko-Bibliothek aufs Schwerste beschädigte. Drei Jahre später konnte der wiederhergestellte Bau eröffnet werden, und Candida Höfers Fotografien, ergänzt um die Ergebnisse eines weiteren Aufenthaltes im Jahr 2006, werden seit dem Herbst im Neuen Museum der Stadt präsentiert (bis 17.2.).

Nun ist eine Auswahl von Weimaraufnahmen in der Berliner Galerie Johnen zu sehen. Sie zeigen natürlich nicht das Leben und Treiben Weimars, sondern die mit Bedeutung aufgeladenen Örtlichkeiten der Kultur. Zuvorderst die Anna-Amalia-Bibliothek, die in Höfers Bildern bereits Erinnerung ist; denn so, wie die Fotografin es im Sommer 2004 gesehen hat, ist das Gebäude nicht wiedererstanden. Eine ältere, historisch richtigere Farbfassung wurde für die zum Glück rasche Rekonstruktion gewählt.

2006 hat sich Candida Höfer im Residenzschloss umgetan, das vom politischen Anspruch des Fürstenhauses erzählt, und in den Theatern, die in und rings um Weimar das kulturelle Leben markieren. Und als Pendant zur höfischen Bibliothek darf natürlich Goethes Wohnhaus, das heutige Goethe-Nationalmuseum, nicht fehlen. In diesem Bau und seiner Innenausstattung ist Goethe zum Vorbild des Bürgerlichen schlechthin geworden, und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil der Wohlstand des kunstsammelnden Dichterfürsten von keinem Bürger nachgeholt werden konnte. Der geistige Anspruch, der hier Gestalt gewonnen hat, wirkt bis ins unscheinbare Regal eines jeden Literaturfreundes hinein. Höfers Fotografien schlagen genau diese Brücke und zeigen Goethes Haus als unser aller bildungsbürgerliche Heimstatt. Viel mehr Tageslicht scheint hineinzufallen, als es das menschliche Auge beim Besuch im weimartypischen Schummerlicht bemerkt. Kraftvoll das Blau des Eingangsraums mit dem machtvollen Juno-Kopf, ebenso das Gelb eines zierlicheren Zimmers weiter hinten. Es ist dies eine Folge der fotografischen Technik, aber es kommt zugleich dem bürgerlichen Gedanken der Aufklärung ganz nahe.

Bürgerlich ist auch das Theaterchen in Bad Lauchstädt, mit harten Bankreihen unter dem reizenden, halbrund geschlossenen Zeltdach. Candida Höfer gelingt es in ihren Aufnahmen – von denen Johnen acht Stück zeigt –, die Bedeutung Weimars in Anspruch und Grenzen zu veranschaulichen, in lakonischer Direktheit als das, was ein ungetrübtes Auge sieht.

Am schönsten ist in diesem Sinne die Aufnahme „Residenzschloss Weimar III“, die einen Arbeitsplatz am unpassenden Ort zeigt: Schreibtisch, Computer und Metallregal auf dem Parkett des Schlosses, ein Ausdruck der Raumnot, unter der die Klassik Stiftung Weimar leidet, auch wenn der betreffende Mitarbeiter sich über sein hochherrschaftliches Zimmer freuen mag. Getrübt wird eher die Freude des potenziellen Sammlers, denn die Preisskala von 30 000 bis 60 000 Euro – je nach Größe der bis zu 200 mal 270 Zentimeter messenden Abzüge – spiegelt die unaufhörlich steigende Wertschätzung des Marktes für die Arbeiten Höfers wider.

„Wo das geistige anfängt“: Zum Glück geht es weiter in Weimar. Dafür steht der Neubau des Studienzentrums der Anna- Amalia-Bibliothek, von außen kaum sichtbar in den verschachtelten Schlosskomplex hineinkomponiert. Die streng rechtwinkligen Fluchten der Regale und Emporen kommen Höfers strengem Blick sehr entgegen. Sie sprechen aber, gemeinsam mit den Aufnahmen des Rokoko-Refugiums, von der Kraft oder, besser vielleicht, der Möglichkeit des geistigen Weimar, das das politische längst überdauert hat.

Johnen Galerie, Schillingstraße 31; biszum 15. März, Dienstag bis Samstag von 11–18 Uhr.

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