Kultur : Witz & Weide

Drei Kuh-Musicals im Atze-Musiktheater.

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Foto: Jörg Metzner
Foto: Jörg MetznerFoto: joerg metzner

„Schick mir mal ein Gänseblümchen rüber“, sagt der Kopf der Kuh zu ihrem Hinterteil. „Schon unterwegs“, ertönt es von hinten, die ganze Kuh wackelt, dann schmatzt der Kopf zufrieden. Eine Kuh im Zwiegespräch von Kopf und Bauch: Im Atze-Musiktheater werden in Zusammenarbeit mit der Berliner StaatsPOPerette Kopf und Hinterteil einer Kuh zu Helden gemacht. Dabei hofft das Haus auf einen ähnlichen Erfolg wie bei bekannten Seriengeschichten, etwa „Pettersson und Findus“. Dieses Serienprinzip probiert Regisseur Matthias Witting nun erstmalig für das Theater aus – und es funktioniert. Das Publikum erlebt, wie die Kuh – gespielt von Laura Leyh und Eva Blum – aktuelle Fragen aufwirft. Amüsant wird dem Zuschauer die Kluft zwischen Verstand und Bauchgefühl vor Augen geführt. Die Ratio, der Kopf, erklärt dem emotionalen Hinterteil Fremdwörter oder pocht auf Vernunft. Und doch – das Hinterteil behält meistens Recht.

In den parabelhaften Tiergeschichten „Die Wutkuh“ und „Am Anfang war die Kuh“ sieht sich die Kuh mit der Bedrohung ihres Lebensraums durch die Autobahn 21 und mit Fremdenangst konfrontiert, als der aus einem Mastbetrieb entflohene Macho-Hahn Chick auf ihrer Wiese Asyl sucht.

Die Jüngsten im Publikum begeistern sich für die naiven Fragen des Hinterteils, dessen Empathie ansteckend wirkt. Humorvoll werden die Kinder für Massentierhaltung, Fremdenfeindlichkeit und Umweltschutz sensibilisiert. Der schnoddrige und unkomplizierte Witz spricht Erwachsene und Kinder auf unterschiedlichen Ebenen an. Die Musikstücke, die dramatische Szenen mit einem Augenzwinkern begleiten, reichen vom Protestlied des Kuhbauches: „Wird unsere Milch etwa ranzig? Schuld ist die A 21“ bis hin zu „Freude schöner Freiheitsfunken, was für ein Gefiederheld“, als der mit spanischem Akzent sprechende Hahn Chick schließlich mit gebatiktem T-Shirt und Peace-Kette glücklich verkündet, er habe Zuflucht auf einem Freilandhof gefunden.

Gespielt werden die Tierhelden mit einer erfrischenden Leichtigkeit, ohne dass der Ernst der Themen in den Hintergrund gerät. Falk Berghofer wechselt geschmeidig die Rollen und begeistert als Hahn, der Angst im Dunkeln hat, als asthmatischer Hase mit Pollenallergie und als berlinernder Punk-Igel mit Arbeiterseele, der die Kuh aus ihrer Lethargie reißt. Von der Schöpfungsgeschichte aus Kuh-Sicht (Gott ist die „große Wiese“) bis zu Atemübungen und Kuh-Yoga ist alles dabei. Eins ist sicher: Die zweiköpfige Kuh wird man nicht so schnell vergessen, egal wie alt. Annika Brockschmidt

Termine: http://www.atzeberlin.de/seiten/repertoire/seiten/musicals-am-anfang-war-die-kuh.php

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