Kultur : Wo bist du, Adam? - Ein Mann, sieben Frauen

Harald Martenstein

Den Familienpolitikern von der CSU kann dieser Film unmöglich gefallenHarald Martenstein

Rudolf Thome hat einen zärtlichen, utopischen Film gemacht, über die Sehnsucht nach Familie. Unter "Familie" versteht er etwas anderes als, sagen wir ein Familienpolitiker von der CSU. Für Thome bedeutet Familie: Aufgehobensein. Geborgenheit. Gemeinschaft. Klingt konservativ, aber Thomes Traumfamilie ist eine hochmoderne Patchwork-Konstruktion. Sie schlagen sich, beinahe kommt es zum Gruppensex. Den Familienpolitikern von der CSU kann "Paradiso" unmöglich gefallen.

Adam (Hanns Zischler) wird sechzig, ein erfolgreicher Komponist. Er hat ein Haus am See, eine junge Frau namens Eva und zwei kleine Kinder. Zum Geburtstag lädt er die wichtigsten Frauen seines Lebens ein. Es sind sieben. Drei davon hat er geheiratet. Eine ist Nonne geworden -Irm Hermann als Grenzgängerin zwischen Innigkeit und Sinnlichkeit. Außerdem hat er seinen Sohn aus erster Ehe eingeladen, den er seit 30 Jahren nicht gesehen hat. Und seinen besten Freund - Marquard Bohm.

Der Film handelt davon, wie aus dieser befangenen, eifersüchtelnden, zusammengewürfelten Menschengruppe im Verlaufe einer sonnigen Sommerwoche eine harmonische Gemeinschaft entsteht - wodurch? Durch die Kraft der Liebe, durch Gnade vielleicht, der Film heißt schließlich "Paradiso". Er spielt in freier Natur. Einmal finden die Kinder eine Schlange und lassen sie leben.

Eine Männerphantasie. Ein Harem! Ja, aber warum sollen die Männer keine Phantasien haben dürfen? Man kann "Paradiso" als eine Antwort auf "Das Fest" von Thomas Vinterberg verstehen, wo ebenfalls ein Familienpatriarch die Seinen zum Geburtstagsfest ruft. Während bei Vinterberg die Dämonen der Vergangenheit aus ihren Ritzen kriechen, siegt bei Thome der fromme Wunsch von heute über die Schuld von gestern. Die Personen scheinen aus der Zeit herauszufallen, sie werden mit wenig Psychologie ausgestattet, wie in Trance bewegen sie sich interessiert aufeinander zu. Aus vielen wird eins. Ein Paradies, ohne Eifersucht. Sex hat ohnehin nur der alte Herr, das macht die Sache leichter.

Der Himmel sind immer die anderen: "Paradiso" hat etwas Traktathaftes, das allerdings durch Ironie erträglich gemacht wird. Der verlorene Sohn ist Pazifist, trotzdem verprügelt er mit SFOR-hafter Selbstgewissheit seinen treulosen Vater. Die Schlägerei verbessert das Vater-Sohn-Verhältnis deutlich. Gewalt ist manchmal doch eine Lösung.

Auch Rudolf Thome ist kürzlich sechzig geworden, und er bevölkert "Paradiso" mit den Darstellerinnen seiner früheren Filme - Cora Frost, Adriana Altaras, die wunderbare Sabine Bach aus "Berlin Chamissoplatz". Uschi Obermeier fehlt leider; sie war zu teuer. Für Thome ist es die erste Teilnahme am Wettbewerb der Berlinale, in einem Jahr, in dem die älteren Herren des Jungen deutschen Films als Terzett antreten - Schlöndorff, Wenders und er. Vielleicht ist Thome am frischsten, weil er die alten Fragen stellt. Warum sind die Menschen nicht glücklicher? Was können sie tun, um glücklicher zu sein? Rudolf Thome gibt keine Ruhe, er sucht immer noch das Paradies auf Erden, und dafür muss man ihn lieben.Heute 18 Uhr (Berlinale-Palast), morgen 18.30 Uhr (Royal), 22.45 Uhr (International)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben