Kultur : Wo bitte geht’s nach Westen?

Istanbul lesen: zum Start der Edition „Türkische Bibliothek“

Jörg Plath

Achtung, die Türken kommen! Einst lagen sie vor Wien, jetzt stehen sie vor den Toren Brüssels, und manch einer hierzulande scheint zu glauben, es handele sich noch immer um Sultane, Kalifen und Paschas. Mit geologischen, geopolitischen, historischen, wirtschaftlichen und religiösen Argumenten, mit Hinweisen auf Folter und Verletzungen der Menschen- und Minderheitenrechte wird gegen die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union argumentiert. Nur von ihrer Kultur, die oft in erbitterter Auseinandersetzung mit der westeuropäischen entstand, ist kaum die Rede. Sie ist weitgehend unbekannt.

Das will die Edition „Türkische Bibliothek“ ändern, die heute in der Berliner Bosch-Repräsentanz vorgestellt wird. In zwanzig bis 2009 erscheinenden Bänden präsentiert sie erstmals ins Deutsche übersetzte Romane und Memoiren, außerdem in Anthologien Erzählungen, Gedichte, volkstümliche anatolische Geschichten sowie Dokumente zur Landesgeschichte und zur Literatur. Die ersten drei Bände legt der Züricher Unionsverlag jetzt vor: Leyla Erbils „Eine seltsame Frau“ (1971), die frech die Befreiung von der Last des unversehrten Jungfernhäutchens und anderen Patriarchalismen probt, Ahmet Ümits „Nacht und Nebel“ (1996), ein Roman über Folter und Lynchjustiz des Geheimdienstes, und die Prosaanthologie „Von Istanbul nach Hakkari“, die in das Gepäck jedes Türkei-Urlaubers gehört.

Erika Glassen, die die Reihe gemeinsam mit Jens Peter Laut herausgibt, erklärt die Konzeption: „Als Historikerin benutze ich die Literatur auch als Quelle. Mit ihr können wir die Geistesgeschichte der Türkei verfolgen.“ Anfang der Neunzigerjahre baute sie als Direktorin des Beiruter Orient-Instituts eine Zweigstelle in Istanbul auf, um dem libanesischen Bürgerkrieg zu entkommen. Sie war fasziniert von der literarischen Szene der Metropole und erstand in Antiquariaten zahlreiche Erstausgaben. Die Sammlung erwies sich nach ihrer Rückkehr an die Freiburger Universität als wertvoll. Denn nur wenige türkisch schreibende Autoren wie Orhan Pamuk, Yasar Kemal, Nedim Gürsel, Nazim Hikmet und Aras Ören sind übersetzt. „Und viele Übertragungen sind furchtbar schlecht“, schüttelt die inzwischen emeritierte Professorin den Kopf. Leider hat auch Wolfgang Scharlipps Übersetzung von Ümits „Nacht und Nebel“ Schwächen („Zwischen uns dehnt sich ein Schweigen aus“).

Die „Türkische Bibliothek“ will Quantität wie Qualität bieten. Sie ist unverkennbar vom westlichen Blick geprägt. Der fest im Alltag des Landes verankerten Lyrik ist nur eine zweisprachige Anthologie gewidmet – allerdings eine pfiffige: Persönlichkeiten des öffentlichen Leben stellen in Kurzessays ihr liebstes Gedicht vor.

Der Schwerpunkt aber liegt auf dem Roman, einer westeuropäischen Kunstform, die türkische Autoren erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen. Der älteste Titel der „Türkischen Bibliothek“, Halit Ziya Usakhgils „Verbotene Liebe“ von 1900, zeigt die osmanische Oberschicht am Vorabend des Untergangs. Der nächste Band präsentiert die 1926 erschienenen Memoiren der Frauenrechtlerin Halide Edip Adivar, einer Mitstreiterin von Kemal Atatürk. „Die Alphabetreform von 1928, die die arabische durch die lateinische Schrift ersetzte, und die rigoros forcierte Sprachreform sorgten für einen Bruch mit der osmanischen Tradition“, sagt Erika Glassen. „In der laizistischen Republik entsteht eine völlig neue Literatur. Die von uns ausgewählten Bände folgen im Abstand von etwa zehn Jahren aufeinander und zeigen den Verwestlichungsprozess. Die Identitätskrise zwischen Ost und West ist der rote Faden dieser Klassischen Moderne.“

Kein Wunder, dass die meisten Romane in Istanbul oder der Hauptstadt Ankara spielen; die Dorfliteratur ist in zwei Bände mit Kurzprosa verbannt. Erst in den fünf Büchern aus den Jahren nach 1996 gewinnt die anatolische Provinz größeres Gewicht. Mit ihr erleben religiöse und mystische Traditionen, die von Republikgründer Kemal Atatürk als Modernisierungshindernis verdammt worden waren, eine Renaissance.

Das Vorbild der „Türkischen Bibliothek“ sind die bei Suhrkamp erschienene 50-bändige Reihe zur polnischen Literatur und die 33-bändige „Tschechische Bibliothek“ der DVA. Initiiert und gefördert werden sie alle von der Robert Bosch Stiftung. Weil die Projekte bisher viel Aufsehen, aber wenig Käuferinteresse erregten, finanziert die Stuttgarter Stiftung Lesereisen türkischer Autoren und Unterrichtshilfen. Auch die in Deutschland, Österreich und der Schweiz lebenden Türken sollen als Leser gewonnen werden. Die „Türkische Bibliothek“ füllt eine Lücke. Sie bringt uns die Türkei näher, und manch einer wird erstaunt das Klischee von Krummschwert und Fez vermissen.

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