Kultur : Wo blaue Tränen fließen Sabine Groß in der Galerie magnusmüller

Laura Weißmüller

Haben auch Kunstwerke Feierabend? Die Frage kann sich der Betrachter bei Videoarbeiten stellen, wenn die Leinwand schwarz und der Ton abgedreht wird, sobald der Ausstellungsraum schließt. Auch einige der neuen Arbeiten von Sabine Groß, die zum ersten Mal in der Galerie magnusmüller ausstellt, verlieren ihren Sinn, wenn die Galerie um 18 Uhr das Licht löscht. Dabei haucht die Berliner Künstlerin Kunstwerken, die schon lange im allgemeinen Bildgedächtnis verwurzelt sind, neues Leben ein. Wie bei der Installation „Happy Tears“: Hinter einer weiß lackierten Holzwand mit kleinen kreisrunden Öffnungen, die rot glühen, setzt sich in einer Endlosschleife das weinende Auge aus dem gleichnamigen Roy-Lichtenstein-Bild in einer Videoprojektion zusammen. Der intakte Moment währt nur einen Augenblick, schon beginnen die blauen Tränenpunkte unter dem Geräusch von Wasserplätschern sturzbachartig über die Wangen zu fließen. Die roten Pixel lösen in immer schneller werdender Bewegung endgültig das weibliche Comicgesicht auf (4500 Euro).

Die roten Punkte ähneln dem Blick durchs Mikroskop auf ein Blutbild, und tatsächlich erinnert die Herangehensweise der 1961 in Ulm geborenen Künstlerin an medizinische Vorgänge. Sie zerlegt und analysiert die großen Werke der Kunstgeschichte von Albrecht Dürer bis Lucio Fontana. So unterschiedlich die zitierten Künstler, so verschieden sind die benutzten Medien: von der schwarzen Skulptur „Melancholie Modern (after Dürer) II“, die scheinbar mit dem grauen Galerieboden verschmilzt und auf den bekannten Holzschnitt des Altmeisters anspielt (9500 Euro), bis zur Videoarbeit „Black Scream“, die Edvard Munchs „Schrei“ in ein augenschmerzendes Flimmern verwandelt und die im Bild eingefrorene Bewegung dank Computeranimation zum Laufen bringt (4500 Euro).

Indem Sabine Groß Altbekanntes neu zusammensetzt, eröffnet sie einen Dialog mit der Erinnerung des Betrachters. Bekannte Bilder bekommen plötzlich eine Hintergrundmusik. Die Berlinerin begnügt sich nicht mit der bloßen Analyse der Kunstwerke, sondern spinnt die Arbeiten in ihrem Kontext weiter. Gezielt zieht sie den Betrachter in ihr Spiel aus Dekonstruktion, Wiederzusammensetzung und Neuschaffung künstlerischer Arbeiten. Wobei Groß den persönlichen Blick des Betrachters unterstreicht. Ein einfacher, aber durchaus wesentlicher Gedanke: Schließlich sind es unsere Augen, die die Kunstwerke sehen, und unsere Gedanken, in denen sie ihre Fortsetzung finden, unabhängig von Öffnungszeiten und Lichtschalter (1500 bis 9500 Euro).

Galerie magnusmüller, Weydingerstraße 10 / 12, bis 24. Juni; Dienstag bis Sonnabend 12 – 18 Uhr

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