Kultur : Wo Blicke töten

Zum Tod der Film-Ikone Ann Savage

Frank Noack
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Ann Savage

Not macht erfinderisch, kein Film belegt das so eindrucksvoll wie Edgar G. Ulmers Road-Movie „Detour“ („Umleitung“). Sechs Drehtage und 117 000 Dollar standen dem Regisseur 1945 zur Verfügung, und in keiner der insgesamt 67 Minuten vermisst man ein höheres Budget. „Detour“ ist ein armer Film über einen armen Mann, dessen Freundin ihn wegen einer Hollywoodkarriere verlassen hat. Al Roberts folgt seiner Liebsten per Anhalter. An dem Autofahrer, der ihn mitnimmt, fällt die zerkratzte Hand auf. Mit wem er gekämpft habe, will Al wissen. Der Mann antwortet: Mit dem gefährlichsten Tier der Welt, einer Frau. Nachdem der Fremde tödlich verunglückt ist, nimmt Al dessen Identität an und eine Anhalterin mit – jene Frau, die die Hand zerkratzt hat. Sie heißt Vera, wird von Ann Savage gespielt und ist eine der faszinierendsten Frauen des Film Noir. Der Ulmer-Biograf Stefan Grissemann würdigt sie als Darstellerin „von unerhörtem Naturalismus und roher Energie“. Das „Time Magazine“ rechnete sie kürzlich zu den zehn besten Kinoschurken aller Zeiten.

Den eigenartigen Künstlernamen – „savage“ heißt „wild“, „brutal“, „primitiv“ – hat sich die Offizierstochter Bernice Maxine Lyon offenbar zugelegt, ohne ein entsprechendes Image zu kultivieren. Nach ihrer Ausbildung an Max Reinhardts Schauspielschule war sie eine nette, hübsche Nachwuchdarstellerin von vielen, verheizt in obskuren Billigfilmen wie „Two Senoritas from Chicago“, „Klondike Kate“, „Renegade Girl“ und „Satan’s Cradle“. Auch für „Detour“ ist ihr nicht viel gezahlt worden: 2100 Dollar. Aber sie spürte sofort, dass hier ein besonderes Projekt anstand. Eigentlich ist Veras Sündenregister bescheiden; Bette Davis und Barbara Stanwyck haben in ihren Filmen schlimmere Verbrechen begangen. Vera ist eine kleine Betrügerin und als solche nicht einmal erfolgreich. Sie ist außerdem schwer lungenkrank und raucht pausenlos. Aber sie hat einen bösen Blick, den macht ihr niemand so leicht nach. Eine unvergessliche Einstellung zeigt sie auf dem Beifahrersitz: Wenn sie nach einer längeren Profilaufnahme plötzlich das Gesicht zur Kamera wendet, erstarrt der Zuschauer.

Als Filmschauspielerin ist Ann Savage damals kaum wahrgenommen worden, aber sie war ein beliebtes Pin-Up-Girl, engagierte sich in der Truppenbetreuung und posierte für den Starfotografen George Hurrell. Sie hatte sich längst ins Privatleben zurückgezogen, als „Detour“ Kultstatus erlangte. Zu den Bewunderern gehören Martin Scorsese, Wim Wenders und die Coen-Brüder, deren „The Man Who Wasn’t There“ einige „Detour“-Zitate enthält. Ann Savage wurde zu Wiederaufführungen eingeladen, gab Interviews und präsentierte sich als reizende alte Dame ohne die geringste Spur von Veras Zynismus. Eine schöne Altersrolle vertraute ihr der kanadische Regisseur Guy Maddin in seiner autobiografischen Doku-Fantasy „My Winnipeg“ an, die auf der letzten Berlinale das Forum eröffnet hat. Savage verkörperte darin seine dominante Mutter. Nach einer Reihe von Schlaganfällen ist die 87-jährige Darstellerin am ersten Weihnachtsfeiertag im Schlaf gestorben. Frank Noack

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