Kultur : Wo Blutsauger wiedergeboren werden

Weltenbummler und Voodoo-Fan: Das Ethnologische Museum Berlin würdigt den großen Fotografen Pierre Verger

Philipp Lichterbeck

So viel Auflauf war selten im Ethnologischen Museum Berlin Dahlem. Rund 400 Besucher drängelten sich im Foyer, um einen Mann zu sehen und zu hören: Gilberto Gil, Bossa Nova-Legende und Kulturminister Brasiliens, seit Lula da Silva von der Arbeiterpartei Präsident ist. Nicht alle Tage erlebt man einen solchen Minister. Die Dreadlocks trägt er schulterlang, die rechte Hand steckt lässig in einem gut sitzenden silbernen Anzug, die goldbraune Haut verbirgt Gils 62 Lebensjahre und lässt ihn aussehen wie einen Vierzigjährigen.

Gilberto Gil war gekommen, um die Ausstellung „Schwarze Götter im Exil“ mit Fotografien des Brasilianers Mario Cravo Neto und des französischen Abenteurers und Forschers Pierre Verger zu eröffnen. Mit ihm waren erschienen: Christina Weiss, Staatsministerin für Kultur, und Andreas Schlüter, Generalsekretär des Goethe-Instituts, das die Ausstellung koproduziert hat. Sie beschworen die neue Kulturbrücke zwischen Berlin und Lateinamerika, der erst am Vortag mit der Eröffnung des Festivals „Berlin- Buenos Aires“ in der Staatsoper ein großer Stein hinzugefügt worden sei. Der Geist des „zweiten Entdeckers Lateinamerikas“, Alexander von Humboldt, wehte schon durch die Halle. Dann Gil: Er redete frei und sehr persönlich, blickte nach Worten suchend gen Decke und umarmte, küsste anschließend seine neben ihm stehende Übersetzerin zart auf die Stirn. Er sei kein Fachmann für Fotografie und fühle sich nicht in der Lage, kompetent darüber zu sprechen, überraschte Gil zunächst die Gäste. Um dann über die tiefe Zuneigung und Liebe zu reden, die Pierre Verger (1902– 1996) für die Menschen empfunden habe, die er bis in die Fünfzigerjahre überall auf der Welt fotografierte. Ab 1960 lebte Verger, der mittlerweile zu den zehn wichtigsten Fotografen der Moderne gerechnet wird, in Salvador do Bahia im Nordosten Brasiliens. Er interessierte sich besonders für die Voodoo-Religion Candomblé, die schwarze Sklaven aus Westafrika dorthin gebracht hatten. Der Kult faszinierte ihn als „Strategie der Identitätsfindung“, so dass er sich 1953 initiieren ließ und mit dem Namen Fatumbi „wiedergeboren“ wurde.

So abenteuerlich Vergers Lebensgeschichte ist, seine Bilder sind fotografisch eher eine Enttäuschung. Zu beliebig scheinen seine Schwarzweißaufnahmen aus Brasilien, Westafrika und New York. Sie sind nicht zu vergleichen mit dem kompositorischen Gespür eines Cartier-Bresson oder der bewegenden Dramatik von Robert Capa. Aber so gewöhnlich Vergers Bildorganisation auch scheint, es ist die dokumentarische Qualität, die seine Bilder einzigartig macht. Wenn er etwa westafrikanische Krieger aus den Dreißigerjahren zeigt, die nur mit weißen Muscheln bekleidet sind oder Transvestiten aus dem Salvador der Vierzigerjahre, die im Minirock posieren, dann sind das vor allem auch erste Blicke. Nie zuvor hat jemand diese Außenseiter so gesehen. In einer Serie hat Verger unter Bäumen und auf Brücken dösende Brasilianer fotografiert und notiert: „Ich sah Leute, die zu allen möglichen Tageszeiten schliefen, häufig in akrobatischen Stellungen.“ In einer anderen Bildfolge ist der Ablauf eines Candomblé- Rituals zu sehen. Ein glatzköpfiger Mann saugt das Blut aus dem Hals eines geköpften Hahns. Trotz der Drastik: eine unaufgeregte Reportage über Candomblé.

Mit der Religion beschäftigt sich auch der Fotograf Mario Cravo Neto in einer Ton-Dia Installation. Der 57-Jährige hat zu Trommeln und Gesang Nahaufnahmen montiert, die ein Ritual nachstellen: Ein Fuß, der über eine Blutlache huscht, ein verbrannter Vogelkadaver, glühende Kohlen. Die 160 farbigen Aufnahmen, eine Hommage an Verger, zeugen von einer kunstvollen Handhabung von Licht und Tiefenschärfe, haben fast skulpturale Qualitäten. Wo Verger die Welt gelassen betrachtet, schafft Cravo eine Aura des Mysteriösen.

Ethnologisches Museum (Lansstraße. 8, Dahlem) bis 7. November

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