Kultur : Wo Cranach seinen Glanz erhält

DOROTHEA HANTELMANN

"Hier geht es zu wie in einem Bienenkorb", kommentiert Gisela Helmkampf, Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerie, den Medienrummel."Eigentlich arbeiten wir im Verborgenen.Eine Restaurierung ist dann gelungen, wenn man sie nicht bemerkt." Die Kunst mag unsterblich sein, die Kunstwerke aber sind es nicht.Vom Augenblick der Entstehung an beginnt der fortschreitende Weg ihrer Zerstörung.

Das "Jahrhundertwerk" Eröffnung der Gemäldegalerie im Neubau stellt die Restauratoren vor allem vor das Problem, die Bilder klimatisch sichern zu müssen.Modernsten Klima-Anlangen zum Trotz können alte Gebäude in der Regel Temperatur und Feuchtigkeit besser konstant halten als die neuen Zementbauten.Die Tafelmalerei ist da besonders betroffen, denn Holz reagiert empfindlicher auf Klimaschwankungen als Leinwand.Es zieht sich zusammen oder dehnt sich aus; die darauf liegenden Malschichten machen die Bewegungen des Holzes nicht mit, was zu Spannungen, Rissen, Blasen führt.Diese notdürftig zu kitten ist eine Sache; eine andere ist hingegen die Restaurierung.Viele Bilder der Sammlung - vor allem aus dem Bestand des Bode-Museums - sind in den vergangenen hundert Jahren kaum restauriert worden.Ihnen wird mit Ultraviolett-Bestrahlung, Infrarot-Reflektographie, Röntgenbildern und Audioradiographien auf den Leib gerückt, um sämtliche Bildschichten, Farbmaterialien, unterliegende Zeichnungen bis zum Bleiweißskelett sichtbar zu machen.

Sind Firnisse, Retuschen und Verunreinigungen erstmal abgetragen, kann unter Umständen ein völlig neues Bild entstehen.Das macht den Reiz der Arbeit aus, aber auch die Angst vor der Verantwortung - und es hält die Kunsthistoriker auf Trab.Soll man das Bild durch Retuschen möglichst nah an seinen Originalzustand heranführen oder es im Sinne eines Zeitdokuments lediglich konservieren? Objektivität gibt es nicht.

Vorsicht und Kennerschaft sind äußerstes Gebot, denn eine verlorene Materie läßt sich im Grunde nicht ersetzen.Anders liegt der Fall, wenn nur die Oberflächen falsch behandelt wurden, etwa wenn ein gefärbter Firnis als Schutzschicht aufgetragen wurde.In den fünfziger Jahren entsprach es dem Zeitgeschmack, dem Firnis Pigmente beizumischen, die eine künstliche gold-braune Färbung hervorriefen, den sogenannten "Galerieton".Die versiegelnde Schutzschicht kann die Transparenz der Farben erheblich verändern und damit dem Bild einen anderen Ausdruck verleihen."Einen Cranach muß man fast polieren", so Gisela Helmkampf, "ein El Greco darf eigentlich nicht gefirnißt werden, sonst wirkt er vulgär".

Den größten Ärger bereiten den Restauratoren die Fehler ihrer Kollegen und Vorgänger.Oftmals wurden die Bilder mit zu scharfen Lösungsmitteln "verputzt", wie zum Beispiel im Fall zweier Altartafeln von Rogier van der Weyden.Ist der Schmelz des Bildes verloren, kann man nur ein bißchen Dreck wieder draufgeben, um das wiederherzustellen, was letztlich kaum beschreibbar ist: die Atmosphäre, die Aura.

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