Kultur : Wo das Chaos Spaß macht

Sasha Waltz begeistert Frankreich – und kämpft in Berlin um ihre Tanz-Compagnie

Sandra Luzina

Sasha Waltz tanzt – in Bordeaux. Seit der Geburt ihrer Tochter Sofia stand die Co-Direktorin der Berliner Schaubühne das erste Mal wieder selbst auf der Bühne. In Frankreich wird die deutsche Choreografin verehrt wie eine Königin. Sasha Waltz & Guests sorgten in Bordeaux für einen viertägigen Ausnahmezustand. Frankreich und Sasha Waltz – das ist eine Liebesbeziehung, eine liaison amoureuse.

Eric Bernard, Chef des Festivals „Les Grandes Traversées“, hatte den Berlinern freie Hand gegeben. Sasha Waltz und Jochen Sandig, ihr Lebensgefährte und Schaubühnen-Co-Direktor, luden Weggefährten und Freunde aus der Berliner Szene ein. Das Grand Théâtre von Bordeaux, ein neoklassizistisches Bauwerk mit vergoldeten Säulen und hohem Musenaufgebot, wurde von Sasha Waltz & Guests spielerisch in Besitz genommen. Am Ende stürmte das begeisterte Publikum die Bühne. Eine Volksbewegung. Der Traum von einer tanzenden Commune. Zu Hause, an der Schaubühne, ist es indessen mit der Commune nicht mehr weit her.

Herzstück von „Les Grandes Traversée“ waren die fünf „Dialogues". Tänzer und Musiker trafen sich zu offener Improvisation auf der Bühne, und man weiß ja: Der Dialog zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen von Sasha Waltz, deren steile Karriere vor gut zehn Jahren im Künstlerhaus Bethanien in Berlin begann.

Reibung, Widerstand, Zärtlichkeit, Hitze, der Magnetismus der Körper – daran entzündet sich ihre choreografische Fantasie, daraus schöpft sie Material für ihre Stücke. Verrückt und verspielt, meditativ, herausfordernd und auch sexy waren die „Dialogues“ von Bordeaux. Die Lust am Experiment hat Sasha Waltz nie verloren. Sie genoss es sichtlich, der Fixpunkt inmitten eines kreativen Chaos zu sein. Bei ihren Auftritten erlebte man sie befreit wie selten und hochkonzentriert. Sie ist eine begnadete Improvisationskünstlerin. Und ganz die Matriarchin: Nimmt sich ihren Bühnenpartner zur Brust, küsst ihm zärtlich den Rücken, teilt handfest aus – und empfängt noch die zartesten Impulse.

Auch Constanza Macras, der neueste Star der Berliner Tanzszene, feierte vergangenes Wochenende in Bordeaux einen Triumph. Ihre Performance „Cocina Erotica“ war Stadtgespräch. Wie die Macras auf der Bühne ein Hühnchen ausnimmt und sich selbst zum Schnitzel macht in ihrer pornografischen Performance, davon waren nicht nur die Besitzer des Restaurants „Le Boudoir“ angetan. Wie Sasha Waltz wurde nun auch Constanza Macras zum Festival nach Avignon eingeladen. Doch ist sie keine Rivalin. Denn Sasha Waltz schafft es, alle zu umarmen.

Schwankend zwischen Euphorie und Ernüchterung, so fühlt sich Sasha Waltz in diesen Tagen. Denn in Berlin spitzt sich die Krise an der Schaubühne zu. Obwohl der Senat lange schon eine „strukturelle Unterfinanzierung“ in Höhe von 900 000 Euro anerkannt hat, muss die Schaubühne in diesem Jahr mit rund 11, 9 Millionen Euro auskommen. Einen Nachschlag gibt es nicht. Am Lehniner Platz ist die Utopieblase geplatzt. Hier macht das Chaos keinen Spaß.

Tanz und Schauspiel unter einem Dach vereint, sich gegenseitig befruchtend – das war vor vier Jahren der Traum von der neuen Schaubühne. Und nun streiten sich Thomas Ostermeier und Sasha Waltz nur noch um die knappen Mittel. Organisatorische Unabhängigkeit innerhalb des Hauses – das erscheint Waltz und Sandig derzeit als einziger Ausweg aus dem Dilemma. Ihnen schwebt ein ähnliches Kooperationsmodell vor wie beim Wuppertaler Tanztheater. Jochen Sandig macht eine einfache Rechnung auf. Mit den zahlreichen Gastspielen und 130 Aufführungen pro Spielzeit spielt der Tanz prozentual mehr ein, als er aus dem Schaubühnen-Etat bekommt. Solche Zahlenspiele sind allerdings innerhalb der Direktion umstritten. Das Schauspiel bestreitet die Schlechterstellung des Tanzes. Künftig will Sasha Waltz über die Einnahmen aus den Gastspielen selbst verfügen. Das Geld braucht sie dringend, um die Company von derzeit 12 auf 22 Tänzer aufzustocken. Doch dazu bedarf es noch zusätzlicher Mittel. Woher die kommen sollen, weiß niemand.

„Wir sind am Limit angelangt“, lautet das deutliche Signal. Bei dem von Alice Ströver (Bündnis 90/Grüne) veranstalteten Berliner Kultursalon zum Thema „Tanz und Ballett am Wendepunkt“ sagte Sasha Waltz am Donnerstag: „Wir können so nicht mehr weitermachen. Ich bin nicht länger bereit, auf Kosten meiner Tänzer zu arbeiten."

Vor zehn Jahren feierte die Choreografin mit „Twenty to Eight“, dem ersten Teil der „Travelogue“-Trilogie, den ersten überwältigenden Erfolg in Berlin. Schnell war klar: Sasha Waltz & Guests gehört die Zukunft. In diesem Jahrzehnt hat Sasha Waltz den Tanz in Berlin geprägt wie keine andere Künstlerin. Das steht nun alles auf dem Spiel.

In Bordeaux konnte man erleben, welche künstlerischen Energien Waltz zu mobilisieren versteht. Sie ist künstlerisch immer noch unterwegs. Ob sie ihre Expeditionen auch künftig von Berlin aus unternehmen wird, ist die entscheidende Frage. Noch laufen an der Schaubühne die Verhandlungen, aber das Risiko des Scheiterns ist groß. Und zum ersten Mal verhandeln Waltz und Sandig auch mit einem anderen Theater: mit der Oper von Marseille.

Berlin sollte alarmiert sein. Sasha Waltz zu halten, das ist nicht allein eine Schaubühnen-interne Angelegenheit, das liegt im Interesse der Hauptstadt. Zwar hat Kultursenator Thomas Flierl Schaubühnen-Direktor Jürgen Schitthelm bereits zu verstehen gegeben, dass eine Schaubühne ohne Tanz nicht vorstellbar sei. Doch dass der Tanz in Schitthelm nicht unbedingt einen Förderer gefunden, ist längst kein Geheimnis mehr. Die international gefeierte Schaubühnen-Choreografin sieht sich nun in der Position der Bittstellerin. Kein guter Ausgangspunkt für eine Einigung.

Sasha Waltz und die Schaubühne: Eine liaison dangereuse war das von Anfang an. Hoffentlich keine Mesalliance.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben