Kultur : Wo das Sandmännchen wohnt

40 Jahre Rundfunk in der DDR im Neubau des Deutschen Rundfunkarchivs in Potsdam

Frank Peter Jäger

Der Kummer ist groß, und er beschränkt sich nicht auf das Gebiet der ehemaligen DDR: Das Sandmännchen droht vom Bildschirm zu verschwinden. Der ziegenbärtige Wicht, der die Kinder östlich der Elbe allabendlich mit seinen Abenteuertrips an die Schlafengeh-Zeit erinnern sollte, zäht zu den erfreulichsten Erinnerungen an das Fernsehen der DDR. Ob Sandmännchen, „Polizeiruf 110“, „Aktuelle Kamera“ oder Gewandhausorchester – das flimmernde Vermächtnis von mehr als 40 Jahren Rundfunk aus der DDR und der sowjetischen Besatzungszone wanderten unlängst vollständig von Berlin-Adlershof in die Medienstadt Potsdam-Babelsberg. Dort bildet es nun die Ost-Abteilung des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA). Für die 450000 Tonträger und zirka 150000 Filmrollen ließ der Ostdeutsche Rundfunk ein eigenes Haus errichten. Entworfen hat es Georg Taxhet, ein noch junger Mitarbeiter des Büro Busmann und Haberer, das sich mit prominenten Vorhaben wie dem Kölner Museum Ludwig einen Namen gemacht hat.

Das viergeschossige Haus, Arbeitsort für 50 Archivmitarbeiter, ist ein langrechteckiger Solitär. Seine doppelte Bestimmung, einerseits zur „passiven“ Lagerung und Konservierung, andererseits zur „aktiven“ Sichtung und Veröffentlichung der Mediendokumente, entspricht Taxhet architektonisch durch den Kontrast zwischen einem geschlossenen Backsteinkubus, der die hinteren zwei Drittel des Gebäudes umschließt, sowie einem gläsernen Korpus im vorderen Drittel. Beide Hälften ruhen auf einem transparenten, teilweise zurückgesetzten Sockel.

Hinter der fensterlosen Klinkerfront befindet sich das eigentliche Archiv. Dem klaren Schnitt zwischen geschlossenen und offenen Fassadenpartien entspricht die innere Aufteilung in einen öffentlichen Teil mit Bibliothek und Besucherarbeitsplätzen und den nur den Mitarbeitern zugänglichen Archivräumen. Sie bilden innerhalb des Baus eine zweite Umhausung. Die innere Schale macht es möglich, dass das übrige Haus so leicht und transparent wirkt.

Ein paar Meter hinter dem Eingang öffnet sich ein Atrium, das bis zum Dach reicht und die Halle in taghelles Licht taucht. Eingestellt in das glasbedachte Atrium ist eine stählerne Freitreppe, auf der man in die oberen Etagen gelangt. Ihr unterster Abschnitt knickt aus der Gebäudeachse schräg zum Foyer hinab - eine gestalterische Finesse, die den weitläufigen Raum auf natürliche Weise belebt: Immer wenn eine der Archivarinnen schnellen Schritts über die Stufen eilt, ist sie mit einem Mal in der ganzen Halle präsent. Der Mensch steht im Mittelpunkt der Architektur.

Der optische Eindruck, das hier ein schweres Gehäuse auf einem zierlichen Unterbau ruht, entspricht den statischen Gegebenheiten: Der Archivtrakt mit seinen meterhohen, auf Schienen beweglichen Regalen, in denen sich hunderte Kilometer von Tonbändern und Schriftstücken reihen, ist mit extra dicken Decken und Wänden ausgestattet, nicht zuletzt, um die gleich bleibende Klimatisierung zu erleichtern. Im Keller lagern bei vier Grad unter Null die Filmrollen.

Die kleinteilige Glasfront und die effektvoll platzierten Öffnungen der Ziegelwand bewirken, dass die breitschultrige Baumasse keine Spur klobig erscheint. Vielmehr gibt ihr der Wechsel der Öffnungen eine angenehm skulpturale Note.

Warum die hohe Klinkerwand des Archivs drei Meter über dem Boden unvermittelt abbricht, um einer nach innen versetzten Glasfront Platz zu machen, ist schwer nachzuvollziehen. Backsteine sind vertraut als solider, Schicht auf Schicht lagernden Baustoff - dessen Charakter es eben nicht entspricht, in der Luft zu hängen. Zudem ließ das niedrige Sockelgeschoss unter der auskragenden Ziegelwand nur Platz für ein mickriges, im Halbdunkel verstecktes Entrée.

Gläserne Bürohausfronten verschwimmen oft in ein konturloses und blindes Ungefähr, vor allem bei trübem Wetter. Diese nicht, denn sie besitzt eine prägnante Oberfläche: Wo sich die Fenster öffnen lassen, treten sie plastisch hervor. Die Abstände der Fensterpfosten variieren mit den Etagen. Fassaden durch asymmetrische Fensterfolgen zu gliedern, ist zwar eine etwas strapazierte Mode, belebt aber in diesem Fall die homogene Fassade angenehm beiläufig. Und die vertikalen Sequenzen heller und dunkler Streifen erinnert an einen elektronischen Balkencode – ein motivischer Anklang an die Aufgabe des Hauses als Datenspeicher. Anfangs wollte der Architekt dieses Motiv plakativer herausstellen und die Glasfronten mit stark aufgepixelten Filmbildern bedrucken lassen.

Der Bauherr sprach sich dagegen aus – eine gute Entscheidung, denn das neue Rundfunkarchiv ist auch ohne Fernseh-Standbilder ein Haus mit vielen Gesichtern. Und das Sandmännchen kann von hier aus noch Jahrzehnte lang über den Äther gehen. Wenn es denn gewünscht wird.

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