Kultur : Wo der Dämon lauert

Animismus und andere Sinngebungen: der religiöse Umgang mit der Flutkatastrophe in Asien

Oskar Weggel

Der Golf von Bengalen, an dessen Ufern sich die Tsunami-Katastrophe abgespielt hat, ist Schnittstelle dreier großer Religionen: In Sri Lanka, Thailand und Birma herrscht der Theravada-Buddhismus vor. Er fordert die Gläubigen zur Selbsterlösung auf – anders als der in China und Japan beheimatete Mahayana-Buddhismus, der Erlösung durch göttliche Gnade verheißt. In Indien sind die Hinduisten in der Mehrheit. Und in Indonesien sowie Malaysia dominiert der Tropen-Islam, der sich im Vergleich zum arabischen Wüsten-Islam durch zahlreiche FremdElemente auszeichnet. Man pilgert beispielsweise weniger nach Mekka als zu den Gräbern lokaler Apostel und Märtyrer: Kratzt man am islamischen Lack, kommt sogleich wieder der Hinduismus zum Vorschein.

Bei der Deutung und Verarbeitung des Seebebens vom 26. Dezember bestimmen allerdings weniger theologische Differenzen das Interpretationsschema. Vielmehr sind es vortheologische und religionsübergreifende Muster, die das Denken der Küstenbewohner prägen. Diese Muster besaßen schon lange vor der Ankunft der drei Großreligionen Heimatrecht in Südasien: nämlich Fatalismus und unterschwelliger Animismus.

Überall in Asien, nicht zuletzt in der Golfregion, werden auch heute noch heilige Berge und Flüsse sowie heilige Tiere und Pflanzen verehrt. Überall auch bezeugen die Menschen heiligen Respekt gegenüber Vulkanen und anderen numinosen Kraftzentren, die man unmittelbar als Götter und Dämonen begreift. Man bringt ihnen Opfer und begegnet deren oft willkürlichem Verhalten mit religiösen Abwehrzeremonien.

In dieser Umgebung gibt es ein von westlichen Denkkategorien abweichendes Verständnis von Ursache und Wirkung. Wenn zum Beispiel eine Naturkatastrophe losbricht, können dafür mindestens fünf Ursachen maßgebend sein. Die westliche Erklärung für einen Tsunami wäre die Flutwelle als Folge eines Erd- oder Seebebens. Die animistische Erklärung wäre der Zorn der durch vielerlei Ereignisse beleidigten Wasser- oder Erddämonen. Drittens kann eine schlechte Regierung die Ursache sein, viertens ein karmisches Ereignis (Theravada-Buddhismus, Hinduismus), und fünftens, laut Islam, der Ratschluss Gottes nach dem Motto: „Es steht geschrieben.“

Unter all diesen Erklärungsversuchen ist das „Dämonen“-Argument bei den Bewohnern des Katastrophengebiets am weitesten verbreitet. Dies zeigen auch andere Fälle aus dem asiatischen Alltag. Wenn etwa ein indonesischer Taxifahrer auf eine gefährliche Straßenkreuzung zurast und dabei nicht die Bremse, sondern die Hupe betätigt, geht er offensichtlich davon aus, dass die früher dort stattgefundenen Unfälle nicht durch falsche Fahrweise verursacht wurden, sondern durch die Bosheit eines an der Kreuzung lauernden Dämons. Diesen gilt es, durch Hupen zu verscheuchen.

Gewiss haben die meisten Küstenbewohner das Seebeben vom 26. Dezember, das mit dem Abschluss der zwölften Vollmondphase zusammenfiel, als dämonische Botschaft begriffen, auf die man in erster Linie mit Besänftigungszeremonien antwortet – wie beispielsweise mit den Lichtopfern vom 5. Januar in Phuket. Erst an zweiter Stelle rangiert die Wiederaufbauarbeit. Anders als die Touristen, deren Mehrzahl so schnell wie möglich vom Ort des Geschehens geflohen ist, müssen die Küstenbewohner mit den Seemächten ja langfristig auskommen und für einen besseren Draht zu ihnen sorgen. Anderenfalls wäre jeder Neuanfang auf Sand gebaut.

Abwehrverhalten ist das eine, Sinngebung das andere. Wie soll die mysteriöse Heimsuchung eingeordnet werden, wie sollen vor allem ihre Folgen verarbeitet werden? Hier spielen die Großreligionen mit ihren Deutungsmustern eine Rolle, vor allem ihr Verhältnis zu Leid und Tod.

Allen drei in der Tsunami-Region verbreiteten Glaubensrichtungen gilt das Leiden als unvermeidliches Schicksal. Wie konnte Gott ein solches Unheil nur zulassen?: Diese Frage der Theodizee ist den meisten hier fremd. Der Buddhismus geht sogar so weit, Leben mit Leiden gleichzusetzen. Man kann ihm – und damit auch Naturkatastrophen – nicht entfliehen. Aber man soll ihm entgegentreten, indem man die Ursachen des Leids – nämlich Gier und Selbsttäuschung – bekämpft und dadurch positives Karma ansammelt. Hier kommt der Gedanke der Selbsterlösung ins Spiel: Es besteht die Möglichkeit, durch „gute Werke“, also etwa die Teilnahme an Rettungsaktionen Selbsterlösungsvorteile zu erlangen. Nicht aus Solidarität wohlgemerkt, sondern wegen des Karma! Aber auch hier kämpfen wieder zwei Seelen in einer Brust, nämlich einerseits der buddhistische Wille zur Karma-Vermehrung, andererseits die animistische Furcht vor einer Wiederholung des Willkürakts der Seedämonen.

Und der Hinduismus? Möglichst leidenschaftslose Erfüllung des Dharma, des Lebensschicksals, lautet der Imperativ dieser Kasten-Religion. Wie bei den anderen beiden Relitionen wird auch hier Hinnahmebereitschaft gefordert.

Der gläubige Moslem schließlich betrachtet sich als Sklave Allahs. Schicksalsschläge begreift er als obersten Willen, an dem nicht herumzudeuteln ist. Ein Postulat, das in diesen Tagen vor allem die Bewohner Acehs schwer ankommen dürfte, da sie sich seit Jahrhunderten als als „Santri“, als Bannerträger des wahren Islam, betrachten. Die Landsleute nennen sie „Peranakan“: Die Santri blicken auf sie als „unsichere Kantonisten unter den Glaubensbrüdern“ herab. Warum musste die Heimsuchung ausgerechnet sie, die wahren Gläubigen, treffen? Und warum wurde in Aceh das Epizentrum des Bebens ausgemacht – auf jenem Stück Boden, von dem aus der Islam seit 1300 Eingang in die südostasiatische Inselwelt gefunden hat?

Auch die Haltung der drei Religionen gegenüber dem Tod unterscheidet sich deutlich von der des christlichen Westens oder des konfuzianischen Asiens. Während der Tod nach konfuzianischer Tradition als endgültiges und Schrecken erregendes Ereignis begriffen wird, gilt er in allen indisch beeinflussten Religionen lediglich als Durchgangsstadium zur Wiedergeburt und zu einer neuen Existenz. Der Konfuzianismus hegt den Wunsch nach einem „langen Leben“, fürchtet den Tod, kennt lange Trauerzeiten und Ahnenkult. Die indischen Religionen hingegen zeigen sich gefasst gegenüber dem Ende, überantworten die Asche der Verstorbenen „heiligen“ Flüssen und verzichten auf Gräber oder Ahnenkulthandlungen.

Lediglich das islamische Asien kommt den westlichen Angst-Vorstellungen näher, insofern es die Zeit nicht zyklisch, sondern linear begreift. Das Leben gilt hier als einzigartig – ohne die Chance zu einem zweiten Anlauf und zu einer zweiten Selbstbewährung vor Gott. Allen Verschiedenheiten zum Trotz kommt es aber auch hier zu jener in Südostasien so häufig beschworenen Einheit in der Vielfalt: zur Rückbindung an Gott und zur Tröstung in der Glaubensgemeinschaft. Angesichts der Größe der Naturkatastrophe und des Leids, die sie verursacht hat, wird es selbst bei den Frömmsten nur ein schwacher Trost sein können.

Der Autor, einer der führenden deutschen Asienexperten, lebt in Hamburg und hat zahlreiche Standardwerke zum Thema veröffentlicht, u.a. „Die Asiaten“.

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