Kultur : Wo der Dämon tanzt

„German Masters“ in der Berliner Galerie Michael Schultz

Michaela Nolte

Paul Celan hat einmal geschrieben: „Wer auf dem Kopf geht, hat unter sich den Himmel als Abgrund“. So betrachtet stimmt wiederum die Flugrichtung des 1982 von Georg Baselitz gemalten „Adlers“(600 000 Euro). Matt und ein wenig zerfleddert erinnert er jedoch eher an Georg Büchners Lenz: „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ Baselitz’ Vogel flattert nun kopfüber gen Himmel - kein „König der Lüfte“ im sicheren Sturzflug, sondern ein mutiertes Federvieh mit drei Füßen, das fast sympathisch ratlos wirkt. Wenngleich Baselitz sich stets einer motivischen Festlegung verweigert, so kommt man nicht umhin, in diesem Adler eine Persiflage auf das deutsche Wappentier zu sehen, die heute so aktuell wie vor zwanzig Jahren ist.

Zu den „Master Paintings“ von Baselitz, Lüpertz und Penck gesellt die Ausstellung in der Galerie Michael Schultz Arbeiten des jüngeren und weniger arrivierten Stijn Peeters. Auch der 1957 geborene Niederländer stellt das Himmlische sinnbildlich auf den Kopf. Im großformatigen Bild # 818 (9500 Euro) verfinstert sich eine paradiesische Touristenidylle zum wütenden Inferno. Ebenso katastrophisch muten Peeters kleine Leinwände (je 1350 Euro) an. Wenngleich die hellen Farbnuancen zunächst Leichtigkeit versprühen und die Figuren, denen eine formale Nähe zu Baselitz’ Helden nicht abzusprechen ist, verspielt in der Landschaft verortet sind, erzeugt die extreme Nahsicht auf Häuser und Straßen einen klaustrophobischen Gesamteindruck.

Aus den frühen Siebzigerjahren, als der Malerfürst Lüpertz noch mit „Markus“ signierte, stammen die Bilder „Landschaft“, „Ähre“ und „Deutsches Motiv“ (Preise auf Anfrage). Gemeinsam ist den zwei Leinwänden und der Arbeit auf Karton die gebrochen erdige Farbgebung mit einem zerklüfteten Fond, der bisweilen den Blick auf den puren Malgrund freilegt. Lüpertz changiert zwischen Ratio und Emotion, zwischen Abstraktion und realem Gegenstand. Nicht ohne einen gewissen Witz schlängelt sich der Schatten einer Schaufel pittoresk durch das „Deutsche Motiv“, das von einem bei Lüpertz immer wieder auftauchenden Stahlhelm dominiert wird. Während die „Ähre“ in der Klarheit des monumentalisierten Gegenstands eine eindrücklich malerische Poesie entfaltet, wirken die „Landschaft“ und das „Deutsche Motiv“ in ihrer Direktheit seltsam überkommen und wenig kraftvoll; vielleicht aber auch weil sie im Galerieraum A. R. Pencks „Dämon“ (125 000 Euro) flankieren und gegenüber dessen kauziger Symbolik eine bleierne Schwere entwickeln. In der ihm typischen, anarchischen Systematik treibt Penck den Dämon mit einer tanzenden Frauenfigur und einem beschwingten Adlerwesen aus. Auf Füßen aus einem Hakenkreuz und dem Piktogramm für Blinde gibt der Adler den Rhythmus vor: Die Lage ist ernst, aber nicht humorlos.

Galerie Michael Schultz, Mommsenstraße 34, bis 11. Januar; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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