Kultur : Wo der Hammer drängt 124 Anschläge pro Minute: Jewgenij Kissin

spielt Beethovens Klavierkonzerte in Berlin

Frederik Hanssen

Daniel Barenboim dirigiert an solchen Abenden natürlich selber: Als der Maestro im März vergangenen Jahres 40 Jahre künstlerische Freundschaft mit den Berliner Philharmonikern feierte, spielte er nicht nur drei Beethoven-Klavierkonzerte hintereinander, sondern leitete das Orchester parallel auch vom Flügel aus. Jewgenij Kissin gilt zwar ebenfalls als Tasten-Tausendsassa, startete seine Karriere ähnlich früh wie Barenboim als Wunderkind und kann als nunmehr 33-Jähriger schon auf zwei Jahrzehnte Erfahrung im internationalen Musikbusiness zurückblicken – für sein jüngstes Berlin-Gastspiel brachte er sich dann aber doch den Dirigenten Lawrence Foster als Verstärkung mit. Am Montag präsentierte Kissin die Beethoven-Konzerte 1 bis 3 in der Philharmonie, am heutigen Mittwoch folgen Nr. 4 und 5.

Seit Oktober ist der Pianist mit dem Mammut-Projekt unterwegs, nach Stationen in Montpellier, Lissabon und Paris, London, Luzern und Rom, Madrid, Wien und München geht die Tournee nun in der deutschen Hauptstadt zu Ende. Die meisten der Doppelabende hat Kissin dabei mit Foster und dem Gulbenkian Orchestra aus Lissabon bestritten – zu Partnern sind sie allerdings nicht geworden: Auch wenn der amerikanische Dirigent alle nur erdenklichen Kapellmeistertricks anwendet, jedes Detail mit überdeutlichen Gesten anzeigt, verharren die Musiker in der Defensive, spielen einen Beethoven mit rundgeschliffenen Ecken, der so gar nicht zum scharfkantigen Stil des Solisten passen will.

Jewgenij Kissin nämlich ist ein prototypischer Steinway-Pianist, einer, der den gestochen scharfen, metallischen Klang dieser Instrumente voll ausreizt. Selten wird so klar, dass bei modernen Klavieren jede gedrückte Taste jeweils einen Hammerschlag gegen die Saite auslöst. Kissin ist als Interpret kein Klangmaler, sondern ein Bildhauer, der jeden Ton einzeln herausmeißelt. Und sein Material ist diesmal feinster klassischer Wiener Marmor. Aber er will kein Standbild schaffen, sondern ein Relief, seinen ganz individuellen Beethoven-Fries. So umschifft Kissin die ewige Frage, was dieser Komponist nun sei, Humanist oder Titan, Originalgenie oder gar bürgerlicher Freiheitskämpfer? Der Inhalt der beethovenschen Botschaft interessiert Kissin nicht, ihm geht es allein um die Form, um die Oberflächenstruktur dieser Musik.

Diese Fixierung aufs Motorische, diese Überpointierung des Rhythmischen hat allerdings überhaupt nichts Exaltiert- Künstliches. Kissin, das merkt man an seinem Minenspiel, an der Art, wie er geradezu nach manchen Klängen mit dem Mund schnappt, empfindet diese Partituren wirklich so. Und er kann es sich erlauben: Denn wie er die Töne poliert oder bürstet, wie er glatte und raue Flächen gegeneinander setzt, wie er Pralltriller zuspitzt und Doppelschläge plastisch hervorhebt, wie er riskante Läufe dahinhuschen lassen kann, das ist nicht nur brillant, sondern höchst anregend auch für jene Zuhörer, die eigentlich ein ganz anderes, feinnervig-analytisches Beethoven-Bild schätzen.

In Zeiten, da es bei den Interpreten en vogue ist, durch intensives Studium der Handschriften, der historischen Instrumente sowie der ästhetischen Moden der Entstehungszeit dem Geist der Werke möglichst nahe zu kommen, leistet sich dieser genialische Russe einen altmodischen Ansatz. Er überwölbt die Partituren einfach mit seinem Gefühl und Geschmack, macht Beethoven hemmungslos zur Privatangelegenheit. Auch das ist eine Form von Authentizität.

Ein Risiko birgt diese Geisteshaltung selbst für so freischwebende, aus der Zeit gefallene Persönlichkeiten wie Kissin dann doch. Es ist der Pygmalion-Effekt, von dem Ovids Künstler-Parabel aus den „Metamorphosen“ berichtet: Wer sich zu sehr den Reizen des Tastsinns hingibt, verfällt leicht dem Glauben, unter der von Menschenhand vollendet geformten Oberfläche könne ein Herz zu schlagen beginnen.

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