Kultur : Wo der Himmel weit ist

Meditation in Beton und Glas: Tadao Andos „Langen Foundation“ auf einer stillgelegten Raketenstation bei Neuss

Christina Tilmann

Wer Tadao Andos Bauten kennt, hätte eigentlich einen Asketen erwartet: einen Mann weniger Worte, mit buddhistischer Ruhe. Stattdessen tritt ein gut gelaunter Charmeur auf den Plan: Erzählt Anekdoten über seinen (unlängst verstorbenen) Hund Corbu, den er so genannt habe, weil er das gleiche Fellmuster habe wie die berühmte Liege Le Corbusiers, über sein Atelier in Osaka, in dem die Bücher inzwischen so überhand nehmen, dass die Treppen immer schmaler werden. Gewichtigere Besucher wie der Architekt James Stirling oder Richard Meier seien schon mal steckengeblieben.

Der 64-jährige japanische Stararchitekt, der international schon so ziemlich alle Preise erhalten hat, die es gibt, hat beim Vortrag in Hombroich ein Heimspiel: Rund tausend Zuhörer, Architekturstudenten, Künstler, Anzugträger quer durcheinander, sitzen ihm zu Füßen. Ando, der in Deutschland bislang mit einem Bau für die Vitra-Foundation in Weil/Rhein, in Europa nur mit vier Bauten vertreten ist, gilt als Purist unter den Architekten. Am Ende ist der Andrang so groß, dass er verspricht: „Ich halte meinen Vortrag gleich noch mal.“

Am anderen Tag ein anderes Bild: Das Kunstmuseum „Langen Foundation“ auf der Raketenstation in Hombroich bei Neuss zeigt sich so bescheiden, zurückhaltend, unaufgeregt, wie man es von Ando kennt. „Bilder der Stille“ hat Kuratorin Elena Kotrouzinis die erste Ausstellung im neuen Haus genannt, und ein „Museum der Stille“ ist Andos ganzer Bau geworden: eine Meditation in Beton und Glas, in der die umgebende Natur eine Hauptrolle spielt. Denn auf den niederrheinischen Rübenäckern bei Neuss ist schon die Landschaft still: weit, mit viel Himmel und wenig spektakulären Ausblicken. Am Horizont rauchen die Kühltürme, das Feld kreuzt ein Traktor, und auch wenn der Himmel zur Eröffnung septemberblau strahlt, kann man sich dieses Land gut düster umwölkt vorstellen, im Winter, wenn der Boden feucht und schwer an den Schuhen klebt. Eine Landschaft für Melancholiker, für Dichter, Träumer und Künstler.

Das hatte auch der Industriekaufmann, Sammler, Künstler und Mäzen Karl-Heinrich Müller begriffen, als er 1982 begann, ein versumpftes Gelände zum einmaligen Kunstprojekt „Insel Homboich“ zu entwickeln. Inzwischen reiht sich dort Museumspavillon an -pavillon, haben Gotthard Graubner, Anatol Herzfeld und Norbert Tadeusz dort ihre Heimat gefunden, ist das Terrain erweitert worden bis hin zu einer ehemaligen Nato-Raketenstation, wo bis 1992 Pershing-2- und Cruise-Missile-Raketenköpfe gelagert wurden.

Hier, auf dem lange verbotenen Gelände, dem weißen Fleck auf der Landkarte, hat nun auch Tadao Ando sein kongeniales Bauwerk errichtet, nach zehnjähriger Planungszeit. Geschützt von den Erdwällen, die einst als Windfang für die Raketenexperimente gedacht und nun, Deichen ähnlich, an die niederrheinischen Flusslandschaften erinnern, gräbt sich der Bau bunkergleich in die Erde. „Japanisch“ nennt Ando die Anlage, die zwischen Schutz und Ausblick, Enge und Weite vermittelt. Wer Bilder des mit Hochhäusern zugeklotzen Osaka, der Heimatstadt des Architekten, kennt, versteht die Faszination, die das weite, leere Land auf den Japaner ausübt.

Japanisch erscheint auch die Zugangssituation, die drei Kirschbäume, die den Besucher im weiten Betonhalbkreis empfangen. Japan war das Stichwort, auf das auch die Museumsstifterin, Marianne Langen, ansprang: Ein Schwerpunkt ihrer Kunstsammlung, von ihrem 1990 verstorbenen Mann Viktor Langen auf Geschäftsreisen zusammengetragen, ist die japanische Kunst, speziell Rollbilder und religiöse Skulpturen. Ihnen hat Ando im Herzen des Museums einen Schrein errichtet, einen langgestreckten, von oben beleuchteten Saal, um den ringsum eine Glasveranda führt. Schon hier, typisch für Ando, drei Elemente: die Konzentration nach innen, im Schrein, der Blick nach außen, durchs Glas und über das Wasser, welches das Licht nach allen Seiten spiegelt und zurückwirft – und eine Materialgenauigkeit, wie sie selten ist.

Allein der Beton, Andos bevorzugter Baustoff: die stehengelassenen Schalungslöcher bilden ein Ornament, die Fugen sind exakt gesetzt, und das Ganze ist poliert, bis es seidenweich wirkt. Unwillkürlich nähert sich die Hand der Wand, wie einem kostbaren Stoff, möchte fühlen, schmeicheln, drüberstreichen. Wer weiß, wie etwa bei Stephan Braunfels’ Bundesbauten der Beton schlampig und billig ausgeführt ist, wie er schon jetzt bröckelt und fleckig wird, weiß zu schätzen, was Tadao Ando aus diesem Stoff gemacht hat: den Marmor der Moderne.

Angesichts der exquisiten Ausführung, der meditativen Blick- und Lichtführung hat es die Kunst, eine nicht unbedeutende Sammlung von Gris, Miro, Ernst, Dali, Fontana, Feininger, Cezanne und Kiefer, schwer, gegenüber dem Bau zu bestehen. Das Museum, das sie für rund neun Millionen Euro bauen ließ, sei das größte Kunstwerk dessen Entstehung sie jemals beiwohnen durfte, hat die Stifterin, Marianne Langen, einmal gesagt. Die Eröffnung am gestrigen Sonntag hat die alte Dame, die es sich nicht nehmen ließ, alle zehn Tage auf der Baustelle zu erscheinen, nicht mehr erlebt: im Februar ist sie 92-jährig gestorben.

Langen Foundation, Raketenstation Hombroich, Neuss. Informationen unter www.langenfoundation.de

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