Kultur : Wo der Werwolf heult

Horror statt Humor oder Wenn Kinder heranwachsen: Alfonso Cuaróns „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“

Christina Tilmann

Nein, es ist keine Vision, als der dreistöckige lila Reisebus plötzlich am Bordstein hält. Auch dass am Steuer ein blinder Fahrer sitzt, dem ein Schrumpfkopf Hinweise gibt, dass im Bus ein Kronleuchter baumelt, unter dem ältliche Zauberer in ihren Betten schlummern: Im „Fahrenden Ritter“ scheint das normal. Und es kommt noch besser: Der Bus saust durch Londons Straßen, ungeachtet des Verkehrs. Kommen ihm einmal zwei Busse entgegen, hält er die Zeit an, macht sich dünne und schlüpft zwischen ihnen durch.

Spätestens jetzt wähnt sich der Zuschauer auf einem Drogentrip. Lila Busse, pickelige Schaffner und die wilde Fahrt durch Raum und Zeit – das könnte das London der Sechzigerjahre sein, fehlen nur noch die Beatles mit ihrem Yellow Submarine und „Lucy in the Sky with Diamonds“. Autorin JoanneK. Rowling ist allerdings Jahrgang 66, da hatten die Beatles gerade ihr letztes Konzert in Großbritannien gegeben. Doch Harry Potter, Rowlings pickeliger und inzwischen heftig pubertierender Hauptfigur, sind erste Drogenerfahrungen durchaus zuzutrauen. Die Bonbons, die er mit seinen Freunden im Schlafzimmer schluckt, lassen ihre Konsumenten in Tierstimmen sprechen – und vielleicht nicht nur das.

Wie ein Horrortrip wirkt „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“: eine Fahrt durch eine düstere Welt voller Monster, entsprungener Verbrecher und Angstgespenster. Nichts mehr von den grünen, satten Wiesen, dem blau verlockenden See, den geheimnisvollen Wäldern, die in den ersten beiden Potter-Filmen die Umgebung von Hogwarts prägten. Jetzt sind der Grund steinig und steil, der See kalt und grau, die Bäume kahl und die Zauberschule düster. Das Ganze macht einen verwahrlosten Eindruck. Auch das Wetter ist schlecht: Blitz, Donner, Dauerregen, Schnee. Da braucht es nicht einmal den eisigen Atem der Dementoren-Geister, um die Welt schockzugefrieren: „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ist der bislang düsterste, härteste, hoffnungsloseste Potter-Film.

Das liegt nicht nur an J.K.Rowlings Romanvorlage, die viele Potter-Fans für den bislang gelungensten Band halten und die ihren Helden konsequenter noch als in den beiden ersten Bänden mit Tod, Angst und Einsamkeit bekannt macht. Es liegt auch am neuen Regisseur. Nach zwei sehr erfolgreichen Potter-Adaptionen wechselte Chris Columbus ins Produktionsteam und überließ die Regie nun dem mexikanischen Regisseur Alfonso Cuarón. Ein Spezialist für Pubertätsgeschichten: Man denke nur an seine Verfilmung von Frances Hodgson Burnetts Kinderklassiker „A Little Princess“, an seine frech modernisierte Version von Charles Dickens’ „Great Expectations“ oder an seinen kürzlich auch in Deutschland erfolgreichen Coming-of-Age-Film „Y tu mamá tambien“. Und eine Pubertätsgeschichte ist auch die dritte Kinofolge des Kindermärchens um den Zauberlehrling mit den großen, runden Augen.

Das beginnt schon in der ersten Szene: Harry Potter ist längst nicht mehr der verschüchterte Junge, der sich von seiner Horrorverwandtschaft, den Dursleys, drangsalieren lässt. Aufsässig beobachtet er den Besuch der unmöglichen Tante Marge (Pam Ferris), provoziert sie regelrecht und verliert vollends die Geduld, als die Dame sich erdreistet, seine Eltern zu beleidigen. Die folgende Sequenz – Harry benutzt verbotenerweise seine Zauberkraft, auf dass Marge sich aufbläht wie ein Ballon und über den Dächern von London entschwebt – ist eine der wenigen genuin komischen Szenen des Films. Und ein Meisterstück der Tricktechnik.

Doch schon mit der Ankunft im „Tropfenden Kessel“, der Zaubererpension in der Winkelgasse, ändert sich der Ton des Films. Der bucklige Wirt (Jim Taverne), der aalglatte Zaubereiminister Cornelius Fudge (Robert Hardy), der übereifrige Muggle-Freund Arthur Weasley (Mark Williams), der Harry vor dem ausgebrochenen Schwerverbrecher Sirius Black warnt – das sind Charaktere wie aus den Romanen von Dickens. Statt die Geschichte näher an die Gegenwart zu führen – immerhin tragen Harry und seine Freunde die Schuluniformen sehr leger und toben in der Freizeit am liebsten in Jeans und Sweatshirt herum –, hat Cuarón ihn atmosphärisch in die Vergangenheit versetzt, in viktorianische Düsternis.

Und er hat aus einem liebenswürdig- verschrobenen Kinderbuch einen finsteren Fantasystoff gemacht. Wenig ist geblieben von Rowlings unerschöpflicher Fantasie, die bissige Bücher ersinnt, pfeifende Taschen-Spiekoskope, Karten, auf denen jeder Bewohner von Hogwarts zu sehen ist, Irrwichte, die jeweils die Gestalt der schlimmsten Fantasie annehmen und nur zu besiegen sind, indem man sie lächerlich macht. Stattdessen ist Cuaróns Welt bevölkert von einer Unzahl von Raben, die krächzend ums Schloss schweben, von stolzen Hippogreifen, halb Vogel, halb Pferd, von bissigen Hunden und Werwölfen – und, vor allem, von den Dementoren, die als Wächter gegen Sirius Black vor den Toren von Hogwarts postiert sind.

Überhaupt: die Dementoren. Michael Maar, der gebildetste Harry-Potter-Fan der Welt, hat die Gefängniswärter Askabans als eine der Schöpfungen bezeichnet, „die in den Mythenfundus der Literatur eingehen werden“ – auch, wenn sie deutlich an die Schwarzen Reiter aus J.R.R.Tolkiens „Herr der Ringe“ angelehnt sind. Körperlose Wesen in langen, schwarzen Umhängen, die scharf-zischend Atem holen und eine unangenehme Kälte verströmen. Es heißt, sie nähren sich von den glücklichen Gedanken der Menschen und entziehen sie ihnen nach und nach. Im Gefängnis Askaban wird das als Foltermittel eingesetzt, bis die Gefangenen vor lauter Elend den Verstand verlieren. Und wenn ein Dementor küsst, ist das schlimmer als der Tod: Man verliert seine Seele.

Doch an diesen Geschöpfen des Grauens, scheitert Cuaróns Fantasie. Seine Dementoren sind lumpige Umhänge und skelettartige Krallen, und wenn sie den Menschen die glücklichen Gedanken entziehen, verzerren sich deren Gesichter. Die Tricktechnik soll kaschieren, dass der Regisseur mit der Idee nichts anzufangen weiß: damit, dass die Dementoren ihre Macht über Harry daraus beziehen, dass sie ihn seine schrecklichste und zugleich glücklichste Erfahrung wiederholen lassen, die Erinnerung an Liebe und Tod seiner Eltern. Solche inneren Kämpfe verleihen Rowlings Werk Tragik und Tiefe. Cuarón hat nur Monster gesehen.

Kein Wunder, dass der Film erst ab zwölf Jahren freigegeben ist: Diese Monster sind nichts für Kinderaugen. Die Bücher allerdings auch nicht: Mit jedem Schuljahr verlagert sich der Kampf mehr ins Innere der Hauptfigur – und weitet sich gleichzeitig zum finalen Kampf zwischen Gut und Böse. Nicht mehr „Die kleine Hexe“, sondern „Der Herr der Ringe“ steht hier Pate. Verrat, Folter, Tod sind die Grundmotive, um die Rowling ihre Saga spinnt – und dabei hat die Liebe, abgesehen von einem scheuen Händchenhalten, noch nicht einmal Einzug gehalten. Wie es weitergeht? Für den nächsten Teil, „Harry Potter und der Feuerkelch“, ist der britische Komödienregisseur Mike Newell verpflichtet. Sein Kollege Alfonso Cuarón hat die Weichen jedenfalls in die falsche Richtung gestellt.

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