Kultur : Wo der Wolf kauft

Im Brit-Rausch: Die Londoner Kunstmesse Frieze expandiert, und Damien Hirst versteigert sein Werk

Magdalena Kröner

Wo Licht ist, ist auch Schatten, mag sich Adam Chodzko gedacht haben. Der britische Künstler lässt während der Messe für seine Aktion „Nightshift“ Wolf, Kröte, Dachs und weitere Tiere durch die nächtlich leerstehende Halle im Regents Park kriechen und krabbeln. Wer mag, kann die nächtlichen Wanderungen auf einer Karte verfolgen und spekulieren, warum die Schlange diesen Stand mied, während der Hirsch sich in den Gefilden jenes Galeristen aufhielt.

Für Animal Magic und dunkle Stunden ist ansonsten in der zweiten Ausgabe der Frieze, der einzigen britischen Messe für Zeitgenössische Kunst, kein Raum. Heller denn je bemüht man sich zu strahlen: mit einer auf 150 internationale Galerien angewachsenen Ausstellerzahl ist das Angebot nochmals deutlich größer als im Premierenjahr. Die spektakulären Artists Commissions wie Paola Pivis Grasrampe, die im Vorjahr der Frieze auch in der britischen Boulevardpresse jede Menge Aufmerksamkeit bescherte, hat man zurückgefahren, um mehr Platz für die Kunst und einen insgesamt ruhigeren Raum für Geschäfte zu schaffen.

Insgesamt bemühten sich die Macher – auch im stark reglementierten Zugang zur Vorbesichtigung am Vorabend des Messebeginns, der pünktlich um 21 Uhr beendet war, um danach in In-Locations wie dem Club „Sketch“ erst richtig zu beginnen – um Seriosität. Nachdem der Auftakt mit British Cool ein Erfolg war, setzt man nun auf Konzentration und Qualität – um London langfristig zur Marke neben Basel zu etablieren.

Gediegen präsentiert sich auch das äußere Erscheinungsbild des erneut von David Adjaye gestalteten Messezeltes mit hellerem Teppichboden sowie großzügiger und massiver wirkenden Ständen. In denen gibt es ein herausragendes Angebot, darunter auch viele Stars der Brit Art. Denn auch wenn Großsammler Charles Saatchi sich gegenwärtig umfassend von den Young British Artists trennt – als Geldanlage dienen sie allemal und bilden einen Schwerpunkt im Angebot der britischen Power-Houses.

Aber auch einige rare Entdeckungen halten die Aussteller für die mehr als 30000 erwarteten Besucher bereit. Patrick Painter aus Los Angeles hatte vier frühe Zeichnungen von Andy Warhol von 1958 im Gepäck (50000 bis 65000 Dollar), Sadie Coles zeigt Carl Andres „100 Sonnets“ von 1963, aber auch Arbeiten des polnischen Shootingstars Wilhelm Sasnal von 800 bis 9000 Pfund.

Daneben gibt es abermals viel Figuratives von jungen Malern, so einen Schwung frischer Neoromantiker bei den Australiern von Uplands Gallery aus Melbourne und der erstmals teilnehmenden New Yorker Reich Gallery. Doch auch die malerische Beschäftigung mit Abstraktem, mit Architektur und Modernismus ist ein Thema, so etwa bei den Dresdener Brüdern Lehmann, die ihre mit bis zu 14000 Euro erschwinglichen Arbeiten des Berliners Frank Nitsche bereits am Eröffnungsabend verkauft hatten. „Wir begleiten viele Künstler wie Nitsche oder Havekost seit mehr als zehn Jahren – und plötzlich explodiert die Aufmerksamkeit für ihre Arbeit. Hier in London sind es natürlich die britischen Sammler, aber auch viele Amerikaner, die anfragen“, berichtet Ralf Lehmann.

Auffallend auch die hohe Zahl an hochqualitativen Papierarbeiten renommierter Künstler und durchaus erschwinglichen Editionen so etwa bei Paragon Press, bekannt für exklusive Kommissionen. Die Chapman-Brüder zeigen hier ihr gruseliges, 21-teiliges „Colouring Book“, in einer 35er-Auflage für 16000 Pfund, das bei Jay Jopling als aquarelliertes Unikat für 157000 Pfund erhältlich ist.

Damien Hirsts Punkteraster „Methamphetamin“, in einer 115-er Auflage für je 9500 Pfund aufgelegt, war bis auf wenige Exemplare bereits lange vor Messebeginn vergriffen. Vielleicht nicht ganz zufällig – war doch die Versteigerung des 166 Lose umfassenden Inventars von Damien Hirsts Restaurant „Pharmacy“ das Gesprächsthema Nummer eins im Umfeld der Messe. Wer Ende der 90er nicht wagte, beim sündhaft teuren Dinner in des Künstlers Speiseapotheke einen Aschenbecher mitgehen zu lassen, kann jetzt ab 30 Pfund versuchen, ihn zu ersteigern. Hirsts Restaurant im hippen Notting Hill wurde 1998 eröffnet und entwickelte sich rasch zum prominenten-umschwärmten Mittelpunkt der Brit Art. Aber Missmanagement und nachlassende kulinarische Qualität machten der „Pharmacy“ 2003 den Garaus. Hirst kaufte seine gesamte Ausstattung zurück und lagerte sie ein. Nun ist alles zu verkaufen: vom Fußboden über den Salzstreuer bis zum dekorativen, menschlichen Skelett – und die Frage danach, was von diesen Gegenständen nun getrost als „Kunst“ angesehen werden kann, hat sich spätestens mit der Signatur des Künstlers erledigt, die auf jeder Kleinigkeit prangt. Ein garantiertes Millionengeschäft – nicht nur für den Künstler, sondern auch für das traditionsreiche Auktionshaus Sotheby’s an der New Bond Street.

Bis hoch zu den dekorativen Schmetterlingsbildern, für die bis zu 300000 Pfund erwartet werden, und für die es bereits zahlreiche Reservierungen gibt, wird alles, bis zur Tabletten-Tapete und zum Aspirin-Barhocker versteigert. „Das ist die umfangreichste Auktion eines zeitgenössischen Künstlers, die wir je ausgerichtet haben“, berichtet Cheyenne Westphal von Sotheby’s, „und sicher die spektakulärste. Hirst hat bereits jetzt, mit 39 Jahren, einen Status, den Warhol erst nach seinem Tod hatte, als wir bis hin zur Keksdose alles aus seinem Nachlass versteigern konnten.“ So dürfte es zwischen Medizinschrank, Pharmaziewein und Cocktailglas zu einiger Aufregung bei den Bietern kommen, die die arrivierte Frieze Art Fair in ihrer rapiden Mauser zum britischen Powerhouse des Zeitgenössischen ein wenig vermissen lässt.

DIE MESSE

Zum zweiten Mal findet die „Frieze Art Fair“ in diesem Jahr im Londoner Regents Park statt. Gegründet wurde sie von den Herausgebern des Kunstmagazins „Frieze“ . Das Ausstellungsgebäude entwarf David Adjaye. Rund 150 Galerien präsentieren bis 18. Oktober ihre Kunst. Infos unter www.friezeartfair.com

DIE AUKTION

Damien Hirsts legendäre „Pharmacy“ wird am Montag bei Sotheby’s versteigert. Der Künstler, der zu den Mitbegründern der Young British Artists gehört, hatte sich mit seinem Sammler Charles Saatchi überworfen.

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