Kultur : Wo die Esel weinen

„Last & Lost“: ein Festival zu den Orten eines verschwindenden Europas

Joerg Plath

Am Samstagabend ist alles vergessen: die Melancholie und die Müdigkeit, alles, was einen bei der Beschäftigung mit verschwindenden Orten befallen kann. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch bringt der Band Vopli Vidopliassova und ihrem Sänger Skrypka im Roten Salon der Berliner Volksbühne ein langes Huldigungsgedicht dar: „Hört diese Töne!“ Dann legen Vidopliassova mit erdigem Gitarrenrock los, der weißhaarige Pilzkopf Skrypka tanzt über die Bühne, und die Fans unten tun es ihm nach. Skrypkas Akkordeon und Trompete steigern das Tempo, das Festival „Last & Lost“ rast auf sein Ende zu.

Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Vor dem Wochenendpotpourrimit Lesungen, Filmen, Performances und Konzerten, die aus der Anthologie „Last & Lost – Ein Atlas des verschwindenden Europas“ hervorgegangen sind (Suhrkamp Verlag, 326 S., 29,80 €) wurde im Literarischen Colloquium Berlin über „Literatur und Topographie“ nachgedacht. Die Initiatorinnen des Festivals, die Verlegerin Monika Sznajderman, zusammen mit ihrem Mann Andrzej Stasiuk Chefin von „Czarne“, dem wichtigsten polnischen Verlag für mitteleuropäische Literatur, und die Suhrkamp-Lektorin Katharina Raabe, sind zugleich die Herausgeberinnen des mit Fotografien reich illustrierten Bandes. In ihm schreiben unter anderem die Engländerin Lavinia Greenlaw, der Holländer Geert Mak, der Norweger Vetle Lid Larssen und die Russin Svetlana Vasilenko.

Europa wird seit dem Fall des römischen Reiches durch das „Pathos der Ruinen“ geeint, meint der italienische Archäologe und Kunsthistoriker Salvatore Settis. „Last & Lost“ geht der Anziehungskraft vergessener Orte in Ost wie West nach. Die Schwierigkeiten sind immens. Sie beginnen schon bei den Ruinen: Im Osten gibt es sie nicht nur aus den Zeiten des Realsozialismus reichlich, im Westen werden sie durch Bulldozer oder Musealisierung schnellstmöglich beseitigt.

Wohl daher erwähnten mehrere deutsche Teilnehmer des LCB-Symposiums Karl Schlögels 1984 erschienenes „Moskau lesen“. Osteuropäer dagegen treiben vor Ort, was Juri Andruchowytsch „Geopoetik“ nennt. In seiner Heimatstadt Iwano-Frankisk gab es Anfang der neunziger Jahre, so der ukrainische Essayist Jurko Prochasko, eine erstaunliche Blüte topographischer Literatur. Denn dort sei die Historie im richtigen, also die Imagination beflügelnden, nicht belastenden Maße vorhanden – anders als im geschichtsträchtigen Lemberg, das verglichen mit der „Zigarette Iwano-Frankisk“ eine „fette Zigarre“ sei.

Der Raum beflügelt die Imaginationskraft. Die Osteuropäer lesen die Ruinen des Sozialismus nicht romantisch als Bild gestürzter Macht – sie suchen hinter ihnen verschüttete Vergangenheiten, die es im monochromen Raum der Sowjetunion nicht geben durfte. „Ein Territorium mit einer so reichen Vergangenheit“, sagte der „ukrainische Rimbaud“ Serhij Zhadan zuversichtlich, „kann keine schlechte Zukunft haben“.

Auf der LCB-Tagung „Landschaften im Umbruch“ 2003 hatten osteuropäische Schriftsteller die Historie noch als Mittel der Fantasie begriffen. Nun scheint sie zum Zweck avanciert: Der Osten liest im Raum die Zeiten, um sich ideologisch zu entgiften. Der weißrussische Künstler Artur Klinau zeigte Minsk als schöne Architekturutopie einer schlechten Ideologie, nachdem er von der gewaltsamen Räumung der Protestler berichtet hatte. Dagegen sucht der von Virtualität verunsicherte Westen im Raum Authentizität. Raum sei aber, so der Leipziger Geograph Sebastian Lentz, eine kulturelle Konstruktion. Der Berliner Schriftsteller Richard Wagner zeigte das an den Karpaten: Wo Züge nur unregelmäßig führen, vermute die westliche Imagination schon die Nähe Gottes.

Raum sei zudem eine vergiftete Kategorie, warnte Lothar Müller. Während die Moderatorin Ilma Rakusa Geopoetik als Kombination aus Geografie, Poesie und Poetologie verstand, erinnerte sie Müller an Friedrich Naumanns „Geopolitik“ (1915), an vom Nationalsozialismus übernommene Lebensraumkonzeptionen und Carl Schmitts „Nomos der Erde“, worin das Recht dem Boden entspringe. Menschenrechte aber seien ortlos, mahnte Müller. Dazu passte die Beobachtung des Lyrikers Lutz Seiler, dass die verfallenden Landschaften häufig menschenleer geschildert würden.

Das gilt nicht für die Reisebeschreibungen von Andrzej Stasiuk. Er schildert die Paradiese des Verfalls in Osteuropa und die Menschen in ihnen mit solcher Intensität, dass die Ewigkeit nahe scheint. Einen Romantiker wollte er sich aber nicht nennen lassen. Er habe nichts gegen die Globalisierung, er schreibe nur nicht über sie. Warum auch? „Die globalisierte Welt sieht doch in Kürze so aus, wie die, über die ich jetzt schreibe.“ Rumänien solle jedenfalls nicht in die EU: „Ich liebe die Esel, die am Straßenrand weinen.“ „Last & Lost“ sei heute Weißrussland, da sollten Gerhard Schröder und andere Politiker doch mal hinfahren. Damit war das Festival in der Gegenwart angelangt.

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