Kultur : Wo die Küste Zukunft atmet

Die kalifornische Villa Aurora feiert in Berlin ihren 15. Geburtstag

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„Transatlantische Impulse“ – wie aktuell der Ausstellungstitel werden sollte, das hatte die Künstlerresidenz Villa Aurora, die damit Geburtstag in Berlin feiert, nicht ahnen können. Seit 15 Jahren reisen deutsche Künstler nach Los Angeles, um im ehemaligen Wohnhaus von Lion und Marta Feuchtwanger zu arbeiten. Transatlantische Impulse setzt zurzeit aber auch die Veröffentlichung wenig schmeichelhafter Dokumente der US-Botschaft über deutsche Politiker. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, in der die Ausstellung zu sehen ist, findet am Eröffnungsabend vergangenen Freitag klare Worte. „Bleiben Sie hier“, ruft er seinem Nachbarn vom Pariser Platz zu, dem mit Rücktrittsforderungen konfrontierten US-Botschafter Philip Murphy. „Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf heute gefreut habe“, sagt dieser. Auf einen Abend mit Musikeinlagen des Schauspielers Burghart Klaußner, Kunstperformances und Lesungen.

Bis zu 16 Künstler, Schriftsteller, Filmemacher und Komponisten wohnen jedes Jahr in der Villa Aurora. Schriftsteller wie Irina Liebmann, Tanja Kinkel, Durs Grünbein oder Ilja Trojanow waren unter ihnen, bildende Künstler wie Christian Jankowski, Via Lewandowsky, Thomas Florschuetz, die Filmemacher Wolfgang Becker, Marc Rothemund oder Christoph Hochhäusler. Gefördert wird das Programm vom Auswärtigen Amt und dem Beauftragten für Kultur und Medien. Die Villa Aurora ist ein Kulturdenkmal des Exils. Ein paradiesisch anmutender Ort mit Palmen, am milden Pazifik, der „Zukunft atmenden Küste“, wie es einst Thomas Mann formulierte. Doch wie paradiesisch kann das Exil sein? 1943 zogen die Feuchtwangers auf der Flucht vor den Nazis in die Hügel von L. A. Neben Thomas Mann gingen Albert Einstein, Kurt Weill, Charlie Chaplin, Theodor W. Adorno, Marlene Dietrich hier ein und aus. Die heutigen Stipendiaten müssen sich bei ihrer Bewerbung mit dem Ort auseinandersetzen, mit Fragen von Emigrationspolitik bis zum American Dream.

Das Reizvolle am Stipendiatenprogramm wie an der Ausstellung ist das Ineinandergreifen der verschiedenen Kunstsparten. Die experimentelle Musikerin Andrea Neumann häckselt Sprache und Gesten von Einwanderern, Asiaten, Afro-Amerikanern und Hispanics, sie mischt sie zu einer rhythmischen Multi-Kulti-Sound- und Videocollage. Die Filmemacherin Anna Faroqhi hat den Klassiker „Casablanca“ nachgezeichnet, immer jeweils das erste Bild eines Takes. Das fertige Werk wird zurück ins Stadium des Storyboards überführt. Faroqhi stellte fest, dass Ingrid Bergman offensichtlich eine Schokoladenseite besaß, denn eine Gesichtshälfte wendet sie bevorzugt der Kamera zu.

In der von Medienkunst, Installation und Fotografie dominierten Ausstellung blinken die Leuchtreklamen und gehen die Sonnen am Strand so unter, wie man sich das in Amerika vorstellt. Aber es zieht die Künstler auch hinaus in die Wüste. Olaf Nicolai tapst im Finsteren durchs Death Valley, die einzige Lichtquelle ist das Blitzlicht seiner Kamera. Albrecht Schäfer ruft in „Ocellus“ mit einfachen Mitteln das Gefühl von lähmendem, heißem Wüstenwind hervor. Eine hauchdünne Plastikfolie hebt und senkt sich über fünf Scheinwerfern, die die Luft aufwärmen und herumwirbeln lassen.

Ebenfalls poetisch und bedrückend zugleich ist das Video „Cover me“ von Christian Keinstar. Ein Flugzeug am strahlend blauen Himmel über weiter Gebirgslandschaft nähert sich dem Betrachter. Plötzlich wölkt purpurfarbener Staub aus dem Rumpf. Es ist eine Löschchemikalie, die die Feuerwehr im ständigen Kampf gegen Brände in dieser Region einsetzt. Das Rot färbt die Steppe ein. Gigantische Landschaftsmalerei. Anna Pataczek

Akademie der Künste Hanseatenweg, bis 2.1., Di-So 11-20 Uhr. Rahmenprogramm unter www.transatlantische-impulse.com

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