Kultur : Wo die Liebe endet

SILVIA HALLENSLEBEN

Walzerklänge.Draußen auf dem nachtschwarzen Wasser gleitet ein glitzerndes Hotelschiff den Fluß hinunter, auf dem Oberdeck drehen sich unter dem Sternenhimmel die Silhouetten der Tänzer zum Takt.Wir sind an der schönen blauen Donau, nicht auf einem Lustschiff, sondern zwischen wackeligen Holzbauden am jugoslawischen Wiesenufer.Auch hier klingt Musik.Im Augenblick hört die sich so an, als würde eine Zigeunerkapelle Tom Waits covern.Getanzt wird auch, so heftig, daß die Gänse in Schwärmen davonstieben.Und eine reichlich korpulente Sängerin knackt mit ihrem Arsch Nägel aus der Wand.

Viel Ärger hatte sich Regisseur Emir Kusturica mit seinem letzten Film, der Jugoslawien-Parabel "Underground", eingehandelt.Serbenfreundlichkeit hatte man ihm vorgeworfen.Warum, ist kaum nachzuvollziehen.Der gekränkte Kusturica, so heißt es, wollte daraufhin nie wieder einen Film drehen.Er hat es doch getan.Und sich mit einem Werk zurückgemeldet, dem man die Wut noch anzusehen kann, mit der der Regisseur sich von allen konkreten Bezügen ferngehalten hat, um sich trotzig dem hinzugeben, was man das schlichte Leben nennt: Geld, Tod und Liebe.Kusturica pur also.Die Welt, zum Zigeunermärchen destilliert.

Das Walzerschiff spielt dabei nur eine kurze kontrastierende Gastrolle, von den Männern am Flußufer bestaunt: "So etwas können nur die Deutschen fertigbringen." Dann wenden sie sich ihren Alltagsgeschäften zu: Kartenspielen oder dem Warenaustausch mit der Besatzung eines russischen Frachters.Die Deutschen schweben vorüber, mit den Russen läßt sich handeln: Computer und Kühlschränke, von denen schon mal einer beim Transport in die Fluten stürzt.

Der Inhalt ist schnell erzählt, soweit er sich überhaupt erzählen läßt.Aber wie die Energie, mit der dieser Film geladen ist, in Worte fassen? Da ist der Traum vom großen Coup, und der Kleingangster Matko, der sich mit dem Raub eines ganzen Güterzuges voll Benzin übernimmt.Geldgeber ist ein Zigeunerpate, der von seinem Elektro-Rollstuhl aus bis Genua und Marseille Geschäfte abwickelt.Eigentlich aber versucht er nur, seinen Enkel an die Frau zu bringen.Und auch Dadan hilft Matko, auch Dadan hat eine Schwester zu verkuppeln.Sonst ist Dadan ein Gangster, ein Kriegsgewinnler, der sich wie ein Popstar hinter getönten Scheiben durch die Gegend kutschieren läßt und dabei vom einfachen Leben träumt.



Mit Geschäften fängt es an, in Liebe endet es.Das Schwesterlein wehrt sich mit so heftigem Gestrampel gegen ihr Schicksal, daß der Bruder sie in den Brunnen werfen muß.Und auch der auserkorene Bräutigam liebt eigentlich eine andere.Doch bevor am Schluß doppelte poetische Gerechtigkeit in Form zweier sehr ungleicher Paare hergestellt wird, müssen noch viele Gänse, einige Männer, Pappschachteln und Baumstümpfe auf die Wanderschaft gehen.Aber dann funkt es gewaltig: Könnten Sie etwa einer Zwergenfrau im hellblauen Brautschleier, die mitten im Wald unter einer Baumwurzel hockt, widerstehen?

Die Musik zieht alle Register, von der Technoparodie bis zum Schmalz.Die Kamera steht an strotzender Vitalität ihren Helden nichts nach.Das Leben tobt in praller Fülle vorbei.Nur sollte man nicht versuchen, tieferen Sinn hinter all dem Treiben zu suchen.Schließlich gibt es Dinge, die so absurd sind, daß ihnen nur mit gesteigerter Absurdität beizukommen ist - und mit Liebe natürlich.Das ganz normale Menschenleben zum Beispiel: Funktioniert es nicht ähnlich als Energieverschleuderungsmaschine wie dieser Film? Muß man auf Hochtouren laufen, immer dem Durchdrehen nah, um zu sich zu finden? Und ist nicht die einzig wahre Lebenslust die, die mit verzweifelter Kraft gegen ihre Vergänglichkeit anrennt?

Nicht nur Hochzeiten, auch Todesfälle und eine doppelte Wiederauferstehung gibt es in diesem Film.Die Klischees werden ebenso saftig bedient wie sie dann auf den Kopf gestellt werden.Die Großmutter, die in ihrem Restaurant ein eisernes Regiment führt, bittet die Enkelin, den Telefonmast zu wässern, wenn das Handy nicht funktioniert.Und der Goldkettchen-Pate ist süchtig nach dem Ende von "Casablanca", dem mit der wunderbaren Männerfreundschaft.Ja, selbstverständlich hat Kusturica auch hier wieder einen slibowitzgetränkten Männerfilm geschaffen, in dem es nur so wimmelt von verbandelten Brüdern, Onkeln und Söhnen.Aber man mag ihm das gar nicht übelnehmen, vielleicht auch, weil die wenigen Frauenfiguren ungewöhnlich kraftvoll besetzt sind.

Daß das durchgeknallte Inventar dieses Filmmärchens noch geerdet bleibt, ist wohl diesen Schauspielern zu verdanken.Viele der Figuren hat Kusturica mit Laien besetzt, mazedonischen Roma aus der Gegend um Skopje, Fabrikarbeiter und Kleindarsteller im echten Leben.Der Pate ist Rentner aus einem Dorf namens Sutka.

Wenn nur ein bißchen von der Lebensfreude dieses alten Mannes auf unseren Berliner Winter abstrahlt, dann wäre schon einiges gewonnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben