Kultur : Wo die Löwen wohnen

Königsstadt Naga: Das Kunstforum der Berliner Volksbank zeigt Grabungen aus der Wüste Sudans

Oliver Heilwagen
Schöne Göttin. Isis-Statue, 1. Jh. n. Chr. Foto: Naga-Projekt
Schöne Göttin. Isis-Statue, 1. Jh. n. Chr. Foto: Naga-Projekt

Davon träumt jeder Archäologe: eine versunkene Stadt auszugraben, die Jahrtausende lang unberührt geblieben war. Dem ehemaligen Direktor des Berliner Ägyptischen Museums, Dietrich Wildung, ist das gelungen. Sein Forscherteam hat ab 1995 Teile der Königsstadt Naga im Sudan freigelegt, die sich 130 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Khartum befindet. Nach Abschluss der Grabungen sind die spektakulärsten Funde nun im Kunstforum der Berliner Volksbank zu sehen. Die Ausstellung präsentiert eine völlig vergessene Mischkultur zwischen Europa und Afrika.

1822 entdeckten zwei Franzosen in der Butana-Steppe die Überreste von Naga. Bald zogen sie abenteuerlustige Nil-Reisende an: 1837 kam Hermann Fürst Pückler-Muskau und ritzte seinen Namen in eine Mauer der sogenannten Hathor-Kapelle. Sieben Jahr darauf folgte die Preußische Niltal-Expedition unter Carl Richard Lepsius. Sie vermaß den Ort, fertigte Karten an und kopierte Reliefs und Inschriften: die gründlichste Bestandsaufnahme für 150 Jahre. Politische Wirren und akademisches Desinteresse verhinderten Nagas weitere Erforschung. Wildungs Team fand das Gelände so unberührt vor, wie Lepsius es verlassen hatte.

Die etwa 350 v. Chr. gegründete Siedlung war der südlichste Vorposten des Königreichs von Meroë im Nordsudan; es verband das ptolemäische Ägypten mit Schwarzafrika. Vom Mittelmeerraum aus gesehen markierte die Stadt das äußerste Ende der bekannten Welt. Dafür trugen die Römer auf ihren Karten die Formel „Hic sunt leones“ ein: Tatsächlich durchstreiften Löwen den unwirtlichen Landstrich. Die Raubkatzen wurden von Nagas Bewohnern angebetet: Sie verehrten den Schöpfergott Apedemak in Löwengestalt und widmeten ihm den größten Tempel, dessen Wände riesige Löwenköpfe zieren. Die Ausgräber holten auch zahlreiche Katzenfiguren ans Licht: von Portalplastiken bis zu kleinen Opfergaben.

Ebenso häufig kommen Widder vor: Darstellungen von Amun, dem höchsten ägyptischen Gott. Auf den Amun-Tempel von Naga läuft eine monumentale Widder-Allee zu. Zwölf überlebensgroße Sandsteinskulpturen hielten zwischen den Vorderläufen Statuen des Königs Natakamani. Er und seine Gattin Amanitore ließen im 1. Jahrhundert n. Chr. die Sakralbauten von Naga errichten.

Wobei die Monarchin jeweils auf der wichtigeren rechten Seite abgebildet ist: Sie war dem König ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Die gleichrangige Stellung der meroitischen Frauen geht auf schwarzafrikanische Kulturen zurück. Ihr Einfluss zeigt sich auch im weiblichen Schönheitsideal: Körper mit üppigen Kurven und vollen Brüsten, nicht feingliedrig-schlank wie im Pharaonen-Reich.

Fremde Elemente prägen auch die Architektur von Naga, die römisch-hellenistische, altägyptische und lokale Bautraditionen kombinierte. Etwa bei der von Wildungs Team aufwendig restaurierten Hathor-Kapelle: Auf den ersten Blick ähnelt sie einem griechischen Tempel. Tore, Säulen und Kapitelle changieren wie viele der Exponate zwischen europäischen und afrikanischen Formensprachen.

Die rätselhafte Multikulti-Gesellschaft von Naga zerfiel etwa 350 n. Chr. Aus unbekannten Gründen wurde die Stadt verlassen. 1650 Jahre später rückten die Archäologen an: Bislang haben sie nur fünf Prozent des Terrains erschlossen. Dennoch könnten ihre Funde bereits ein Museum vor Ort füllen.

Baupläne dafür hat Stararchitekt David Chipperfield entworfen. Jetzt wird für die Umsetzung ein Sponsor gesucht. Er würde dem Sudan, der bis zur Teilung im Sommer Afrikas größter Flächenstaat war, eine bedeutende Komponente seines historischen Erbes zurückgeben – und damit seine fragile nationale Identität erheblich stärken. Oliver Heilwagen

Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Str. 35, bis 18.12.; tägl. 10-18 Uhr. Katalog 24,80 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben