Kultur : Wo die Musik spielt

Die Berliner Philharmonie wird zum „offenen Haus“

Frederik Hanssen

Langsam, ganz langsam vollzieht sich die Metamorphose der Berliner Philharmonie von der Heiligen Halle zum offenen Haus. Mit der Eröffnung des neuen CD- und Merchandising-Ladens kam der Umbau des Publikumsbereichs nun einen weiteren Schritt voran: Die Idee zu der gläsernen Verkaufsfläche im tiergartenseitigen südlichen Foyer nahe der Wendeltreppe stammt vom letzten Philharmoniker-Intendanten Franz Xaver Ohnesorg, der sich nach kurzer Amtszeit zum Jahresende 2002 schon wieder aus Berlin verabschiedet hat. Wie im Fall des zusätzlichen Getränke-Tresens zwischen den großen Stützpfeilern soll auch der Shop den Dienstleistungscharakter des Konzertsaals unterstreichen – beides wird daher vehement von den organisierten Schützern des Scharoun-Baus bekämpft. Im Fall des Ladens, für den einige Meter Garderobenplatz geopfert wurden, prophezeite der private Denkmalschützer-Verein sogar irreparable architektonische Schäden, da eine angeblich tragende Wand herausgerissen wurde, um einen alten Abstellraum auf rentable Geschäftsgröße erweitern zu können.

Noch steht die Philharmonie. Zum Glück. Und die Betreiber, die in den vergangenen Jahren schon den Foyer-Stand mit Büchern, CDs und Philharmoniker-Devotionalien gemanagt haben, sind mit dem neuen Domizil zufrieden. Wenn die Gäste abends eine Stunde vor Konzertbeginn eingelassen werden, ist der Laden schon geöffnet, ebenso in der Pause. Und wer nach einem gelungenen Abend das Werk auf CD mit nach Hause nehmen möchte, findet die Glastür auch nach dem Schlussapplaus noch offen.

Langfristig will der Betreiber mehr. Nicht nur baut er derzeit unter www.classic-cds.de einen Internet-Vertrieb auf, er möchte bald auch tagsüber präsent sein – was ganz im Sinn von Ohnesorgs Öffnungsstrategie und dank einer von Scharouns Hand visionär platzierten Außentür auch möglich wäre. Die versteckte Lage im „toten Winkel" zwischen Bushalteplatz und Eingang zum Musikinstrumentenmuseum lässt allerdings kaum auf Laufkundschaft hoffen. Andererseits fehlt in den diversen Arkaden des Potsdamer Platzes bislang ein Fachgeschäft für klassische Musik.

Während die Betreiber noch darüber brüten, wie sie ihr Nischendasein in einen Standortvorteil ummünzen können, dürfte der Nutzen für regelmäßige Konzertgänger sofort greifbar sein: Wer als Abonnent durch einen Philharmonie-Besuchen daran erinnert werden muss, dass er diese oder jene CD schon immer mal haben wollte, kann sie dort jetzt bestellen – und bequem beim nächsten Abo-Konzert abholen.

Zu Ohnesorgs Visionen vom „Treffpunkt Philharmonie" gehörte neben Ausschanktresen und CD-Shop übrigens auch ein Restaurant für das Souper nach dem Konzert sowie ein tagsüber geöffnetes Café. Alle Versuche, in diese kulinarische Diaspora eine nennenswerte Gastronomie zu verpflanzen, scheiterten bislang an den rigiden Auflagen der Behörden. Bis also in der Philharmonie Milch und Honig fließen, dürfte manche Saison vergehen. Warum sollte die Modernisierung der Konzertsäle schneller vorangehen als der Umbau der deutschen Gesellschaft?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben