Kultur : Wo die Musik spielt

Neue Querelen, alte Probleme: Die Reform der Opernstiftung ist die größte Herausforderung für die Berliner Kulturpolitik

Jörg Königsdorf

Vermutlich steckt Michael Schindhelm zur Zeit nicht gerne in seiner Haut. Als wäre es nicht schon frustrierend genug, dass sein Job als Generaldirektor der Berliner Opernstiftung fast ausschließlich aus dem Vorbereiten und Umsetzen von Sparkonzepten besteht. Als wären die nächsten Querelen mit den Opernhäusern nicht schon vorprogrammiert, wenn er am Tag nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus das Reformkonzept vorlegt, zu dessen Erstellung ihn der Stiftungsrat im Mai aufgefordert hatte. Und als würden diese Misshelligkeiten nicht ohnehin nochmals deutlich machen, weshalb nach der Stiftungsgründung anderthalb Jahre lang kein Kulturmanager von Rang für den Berliner Posten zu gewinnen war, hat jetzt Berlins Regierender Bürgermeister noch eins draufgesetzt: In einem Rededuell mit seinem Herausforderer Friedbert Pflüger attackierte Klaus Wowereit mit erstaunlicher Schärfe Schindhelms Arbeit (Tsp vom 12.9.). Schindhelm habe genau gewusst, worauf er sich einließ, und könne jetzt nicht sagen, das Geld reiche nicht, so Wowereit. Ein verblüffender Vorwurf, vergegenwärtigt man sich, dass die 2004 ins Leben gerufene Stiftung erst dank Schindhelm in diesem Sommer endlich eine Eröffnungsbilanz vorlegen konnte.

Wowereits Attacke ist mehr als bloßes Wahlkampftheater. Denn der Regierende sorgt vor – für die Zeit unmittelbar nach der Wahl. Denn schon jetzt ist absehbar, dass das Thema Opernstiftung in den nächsten Wochen für heftige Auseinandersetzungen sorgen wird, als das Berliner Kulturpolitikum schlechthin.

Grund ist natürlich das Geld. Bereits im April dieses Jahres, als hinreichend aussagekräftiges Zahlenmaterial vorlag, hatte Schindhelm darauf hingewiesen, dass die Opernstiftung bis 2009 einen Fehlbetrag von schätzungsweise neun Millionen Euro einfahren würde. Bei Verabschiedung des Stiftungsgesetzes 2003 seien sowohl die Einnahmesteigerungen wie auch die Einsparmöglichkeiten, mit denen die stufenweise Subventionsabsenkung von 115 Millionen (2003) auf 99 Millionen (2009) gerechtfertigt worden war, zu optimistisch kalkuliert worden. Mit anderen Worten: In ihrer derzeitigen Form – drei unabhängige Opernhäuser, dazu das Staatsballett und eine gemeinsame Service-GmbH – kann die Stiftung nicht wie gewünscht sparen. Die Überführung in das Stiftungsmodell konnte die schmerzhafte Umstrukturierung der Berliner Opernszene zwar verzögern, nicht aber verhindern.

Tatsächlich ist von dem größten Erfolg, den Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) für seine Amtszeit verbuchen konnte, nicht mehr viel übrig geblieben. Denn dass die Häuser jetzt in der Patsche stecken, hat nichts mit Schindhelm zu tun, sondern damit, dass die ersten anderthalb Jahre seit Gründung der Opernstiftung verschenkt wurden. Anderthalb Jahre, in denen der Opernkoloss unter kommissarischer Leitung dahindümpelte. Statt Weichen für die gemeinsame Zukunft zu stellen, arbeiteten die drei Opernhäuser nach wie vor nebeneinanderher. Das fiel deshalb nicht weiter auf, weil die moderaten Zuschussminderungen von 115 auf 112 Millionen Euro für 2004 und 2005 von den Häusern noch durch Einsparungen im Personalbereich aufgefangen werden konnten. Noch Ende 2005 wiegelte Flierl ab, als die Grünen-Kulturexpertin Alice Ströver darauf hinwies, dass die Opernstiftung die gravierenderen Etatabsenkungen der Jahre 2007 bis 2009 um weitere 13 Millionen Euro nicht würden kompensieren können.

Jetzt jedoch geht es ans Eingemachte: Weil die Opernhäuser aus eigener Kraft nichts mehr wegsparen können, steht die Unabhängigkeit der drei Häuser zur Disposition. Das hat unangenehme Fragen zur Folge: Braucht Berlin tatsächlich drei Opernensembles, -chöre, -orchester und -intendanzen? Und lässt sich, wenn man den Hebel hier ansetzt, durch strukturelle Veränderungen am Ende nicht sogar ein künstlerisch und ökonomisch besseres Ergebnis erzielen?

Möglich wäre das durchaus – die Krise birgt auch eine Chance in sich. Denn schon beim ersten Blick auf Platzkapazitäten und Auslastungszahlen fällt auf, dass in Berlin die attraktivsten Veranstaltungen nicht im größten Haus stattfinden. Während die Staatsoper für etliche Abende 500 Karten mehr verkaufen könnte, bleiben eben diese Plätze an der Deutschen Oper leer, die nach wie vor nicht über eine Zweidrittelauslastung hinauskommt. In Berlin laufen, zugespitzt formuliert, die falschen Vorstellungen an den falschen Häusern. An der Lindenoper läuft großes Startheater mit Anna Netrebko und Daniel Barenboim, das sich in dem Haus mit knapp 1400 Plätzen (davon ein Viertel sichtbehindert) jedoch nicht so auszahlt, wie es sich auszahlen könnte. Dagegen zeigt die Deutsche Oper mit ihren knapp 1900 Plätzen Raritäten wie Alberto Franchettis „Germania“, als erste Saisonpremiere der Intendantin Kirsten Harms. Doch voll ist das Haus auch dort nur, wenn Stars wie die Tenöre José Cura und Juan Diego Florez auftreten.

Die Profile von Deutscher Oper und Staatsoper lägen zu dicht beieinander, hat Schindhelm denn auch mehrfach in den vergangenen Monaten verkündet. Und tatsächlich bietet die Stiftungskrise zumindest die Chance, die Berliner Opernszene künstlerisch zu entzerren und die Frage nach der besten Verwendung der Subventionen endlich einmal nicht bloß nach institutionellen Gesichtspunkten zu beantworten. Müssen beispielsweise die Häuser und ihre Kollektive zwangsläufig aneinander gebunden sein? Oder könnte nicht Publikumsmagnet Barenboim mit seiner Staatskapelle in der Deutschen Oper spielen – und damit 500 zahlenden Besuchern mehr die Chance geben, seine Wagner-Interpretation endlich einmal in einem akustisch erstklassigen Saal zu hören? Und könnte nicht am gleichen Abend im Staatsopernhaus eine spannende Opernausgrabung mit dem Orchester der Deutschen Oper endlich einmal vor gut gefüllten Rängen laufen? Und braucht die Stadt tatsächlich drei getrennte Opernchöre?

Der Versuch einer solchen Optimierung dürfte allerdings einen gewaltigen Widerstand bei den Betroffenen auslösen. Die Opernstiftung war ja auch deshalb als Befriedungsschlag begrüßt worden, weil sich die Chefs und Orchester der beiden großen Opernhäuser einen jahrelangen Kampf um Tarifzulagen und Gehaltsstufen geliefert hatten. Ein zweijähriges Moratorium, wie es Alice Ströver fordert, um den Häusern die Chance zu geben, das in den ersten Stiftungsjahren Versäumte nachzuholen, hat angesichts der angespannten Haushaltslage nur wenig Chancen.

Berlins nächster Kultursenator muss sich jedenfalls warm anziehen – egal ob dieser Senator nach der Wahl Thomas Flierl heißen wird, ob Ströver den Sprung auf den Senatorensessel schafft oder ob André Schmitz, Chef der Senatskanzlei und ehemaliger Verwaltungsdirektor der Deutschen Oper, den heiklen Posten übernehmen wird. Mehr noch: Ein solches Reformvorhaben kann ein Kultursenator nur dann durchstehen, wenn der Regierende Bürgermeister ihm den Rücken stärkt. Angesichts von dessen jüngster Stiftungsattacke sieht es allerdings nicht danach aus.

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