Kultur : Wo die Nacht am tiefsten ist

Sind Sie viel unterwegs im Berliner Nachtleben?

Sind Sie viel unterwegs im Berliner Nachtleben?

Eberle: Mittlerweile nicht mehr.

Dubel: Ich schon. Regelmäßig zwei Mal die Woche. Wobei "Ausgehen" bedeutet: Nicht vor 6, 7 Uhr nach Hause zu kommen.

Gibt es einen aktuellen Lieblingsclub?

Dubel: Ich bin sehr gerne in die Maria gegangen, so lange das ging. Leider hat sie Silvester dicht gemacht. Und im Cookies kann man sich hervorragend besaufen.

Von den 25 Clubs, die Ihr Bildband "Temporary Spaces" versammelt, existieren nur noch 10. Ist die Blütezeit der Club-Kultur vorbei?

Eberle: Die besondere Situation, die sich in Berlin nach der Wende und parallel zum Aufblühen einer neuen elektronischen Musik ergeben hatte, geht dem Ende zu. Es gab viele Brachflächen, ungenutzte Gebäude, die für das Nachtleben erobert werden konnten. Es war leicht, einen neuen Club aufzumachen. Heute kommt gleich jemand Offizielles und sagt: "Auf der Speisekarte steht aber nicht, dass Coca Cola Farbstoff enthällt." Der Laissez-faire-Raum wird kleiner, Berlin passt sich schon im Stadtbild der Üblichkeit anderer Großstädte an. Die Gehwegverpollerung nimmt zu.

Berlin wird eine normale Großstadt?

Dubel: Berlin wird die normale Großstadt. Aber wir werden sozusagen die Infusion, die die neunziger Jahre diesem Stadtkörper gegeben haben, nicht mehr los. Die Bedeutung, die die Clubkultur in Mitte bekommen hat, wird jetzt durch kommerzielle Betreiber ausgebeutet. Berlin ist eine Reise wert, weil man die ganze Nacht feiern kann. Der Slogan gilt nach wie vor. Nur die Qualität des Feierns ist eine ganz andere geworden.

Ihr Buch schreibt die Geschichte einer abgeschlossenen Epoche?

Eberle: Eine Dokumentation, die ihren Reiz daraus bezieht, dass man in diesen Bildern noch einmal vor Augen geführt bekommt, wie es vor drei, vier, fünf Jahren an diesen Berliner In-Orten ausgesehen hat. Spürbar ist dabei immer auch das Gefühl einer Nichtwiederholbarkeit.

Das klingt melancholisch.

Eberle: Die Wehmut ist das Gefühl des Betrachters. Als Fotograf ging es mir darum, Situationen objektiv festzuhalten.

Die Fotos zeigen ausschließlich menschenleere Clubs im Zustand des Nichtbetriebs. Der Eindruck beim Betrachter ist zwiespältig: Das Ambiente wirkt oft schäbig, trotzdem haben die Orte eine Aura.

Dubel: Wo ist die Frage?

Ging es darum, eine Aura abzulichten?

Eberle: Ich wollte etwas sichtbar machen: Wie sieht denn der Club eigentlich aus? Normalerweise erlebt man so einen Club ja in einem angeregten Zustand, der Raum ist voll von Menschen, Musik, Rauch, Lichteffekten. Eine Raumerfahrung ist gar nicht möglich. Genau das zeige ich: den architektonischen Raum, in dem dieses Club-Erlebnis möglich wird. Deshalb entsteht beim Betrachter möglicherweise eine auratische Irritation, weil er in eine Situation kommt, die er nicht kennt.

Auratisch waren die Clubs auch deshalb, weil es schwer war, hineinzukommen. Das "Kunst und Technik" hatte nur an Kalendertagen geöffnet, die durch 6 teilbar waren. An der Tür des "Sniper" hing mal ein durchgestrichenes "E", und eine Touristengruppe aus Barcelona wurde abgewiesen, weil der Name ihrer Stadt ein "E" enthält. Während andernorts eine streng kommerzielle Türpolitik herrschte, wirkten die Ausschlussverfahren in Berlin eher spielerisch.

Dubel: Wenn eine Touristengruppe nicht in einen Club darf, weil ihre Stadt einen falschen Buchstaben hat, ist das ein Witz. Ich habe die Szene mitbekommen, weil ich zufällig auch da war. Das Sniper ist ein kleines, ultra privates Etablissement, es war einfach total voll. In der Hochphase der illegalen Clubs Anfang, Mitte der neunziger Jahre wollte man eine gewisse Exklusivität garantieren, die nichts mit ökonomischen Vorraussetzungen zu tun hatte. Man wollte unter sich sein. Wenn man Hipness garantieren will, lässt man nur hippe Leute rein.

Die Entscheidung, wer rein durfte und wer nicht, war Teil einer Art Konzeptkunst?

Dubel: Man wollte Leute, die das Gesamtkonzept nicht störten. Wenn Schlipsträger reinkommen, die mit Geld um sich werfen, oder die Touris gruppenweise herbeiströmen, ist in einem kleinen Laden die Stimmung ganz schnell hin. Man macht den Club ja für Leute, die man mag. Das ist die Idee des Privatclubs. Ich würde nicht darauf herumreiten, dass das illegale Clubs waren. Das waren in erster Linie private Clubs. Als der Fotograf eines Berliner Stadtmagazins in das damalige 103 nicht eingelassen wurde, hat er sich furchtbar aufgeregt und damit argumentiert, dass er eine Pflicht zur Berichterstattung hätte. Der Türsteher hat einfach gesagt: "Unsere Leute möchten nicht, dass über sie berichtet wird."

Eberle: Das Liebenswerte an den Berliner Clubs war, dass der Tür-Kodex nicht sonderlich streng war. Leute, die nicht besoffen waren und sich nicht völlig daneben benahmen, kamen in der Regel auch rein.

Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Herr Dubel, Sie sind Mitbetreiber des Sniper und Herr Eberle, Sie gehörten zu den Gründern der Galerie berlintokyo.

Eberle: Ich habe auch immer gerne an der Tür gearbeitet. Da passieren die unglaublichsten Dinge, weil Leute meinen, Sie müssten da unbedingt rein.

Zum Beispiel?

Eberle: Standardspruch ist: "Meine Freundin wartet drinnen auf mich." Phantasielos, keine Chance, damit reinzukommen.

Dubel: Es gibt für jeden guten Grund, den ein Gast am Einlass vorbringt, einen genauso guten Grund, diesen Gast eben nicht reinzulassen. Grundsätzlich kann jeder rein oder nicht. Es gibt keine Diskriminierung wegen Kleidung, Hautfarbe oder sonstwas. In der Boulevardpresse konnte man diese Berichte lesen: "10 Tipps, wie man auf jeden Fall in die Clubs reinkommt." Was die gebracht haben, waren 10 Sachen, die man auf jeden Fall vermeiden sollte. Zum Beispiel zu frech zu dem Türsteher oder angetrunken sein.

Eberle: Aber wenn man dem Türsteher eine gute Geschichte erzählt, die ihn unterhält, lässt er einen vielleicht rein.

Dubel: Der Türsteher hat eine Doppelfunktion: Er schützt die Leute drinnen vor unliebsamen Gästen, gleichzeitig ist er mitverantwortlich dafür, dass das stattfindet, was die Leute von dem Club erwarten, dass die Mischung der Leute richtig ist. Ich habe selber mal erlebt, wie eine Gruppe angesoffener Bauarbeiter unbedingt ins Sniper wollte. Die waren weit jenseits eines Zustands, in dem Argumentation noch gefruchtet hätte. Da wurde es eng. Ich habe sie dann einzeln angesprochen und gefragt: "Was wollt ihr denn da drin, das ist doch ein Schwulenclub!?" Die sind sofort abgehauen.

An der Tür abgewiesen zu werden, ist eine demütigende Erfahrung.

Dubel: Das ist eine Demütigung, aber man sollte sie nicht persönlich nehmen. Wenn ich nicht reinkomme, geht davon die Welt nicht unter. Der Türsteher hat nichts gegen mich, er hat halt seine Gründe. Der kennt mich nicht mal. Das ist wie dieses Rumjammern, wenn man im Halteverbot ein Knöllchen kriegt. Die abgewiesenen Besucher meinen, das Schicksal habe sich gegen sie verschworen. Das ist falsches Denken.

Okay, wir sind am Türsteher vorbei, die nächste Situation: Wir betreten den Club. Innen angekommen, hat man das Gefühl, nicht einfach bloß ein Bier zu trinken und vielleicht zu tanzen, sondern Teil einer verschworenen Szene zu sein und möglicherweise mitten in einem Kunstprojekt zu stecken.

Eberle: Deswegen ist es ja auch ein Club und keine Kneipe. Ich habe mir den Ort ausgesucht, weil dort eine bestimmte Atmosphäre herrscht, angefangen von der Musik bis zum Lichtdesign. Man geht da hin, um seinen Fantasien zu begegnen. Bei dem Buch habe ich eine sehr persönliche Auswahl getroffen. Einziges Kriterium war, dass ich die Clubs interessant fand.

Dubel: Das ist ein ganz und gar nicht programmatisches Buch. Es geht um den subjektiv interessierten Blick des Profis. Es war ja auch keine Auftragsarbeit, Martin wollte das unbedingt machen. So haben wir uns auch kennen gelernt. Er hat sich vorgestellt und gefragt, ob er das Sniper fotografieren dürfe. Bis dahin hatten wir niemanden fotografieren lassen, weil wir nur negative Erfahrungen gemacht hatten, sowohl bei der Qualität der Fotos als auch bei der dahinterstehenden Idee der Berichterstattung. Bis heute herrscht im Sniper Fotografierverbot. Viele haben es versucht, aber wir haben allen den Film weggenommen.

Eberle: Wichtig war mir eine möglichst große Mischung bei der Club-Auswahl. Hinter jedem Laden, den das Buch zeigt, steckt eine individuelle Idee.

Welche Idee steht hinter der Sniper-Bar?

Dubel: Sniper-Bar ist schon mal falsch. Es ist keine Bar, auch kein Club, es war von Anfang an eine Basis für meinen Partner und mich, ein Atelier und Studio. Wir arbeiten für Theater- und Filmproduktionen, in dem Raum lagern Ausstattungsstücke. Mein Partner ist außerdem Videokünstler. Seine Arbeiten entstehen dort und werden dort auch gezeigt. Sniper - der Scharfschütze - ist der passende Name. Der Sniper muss erst einmal das Ziel finden, bevor er schießen kann.

Angeblich sollte ein Nachbau des Sniper bei der letzten documenta installiert werden.

Dubel: Wir waren halb offiziell zur documenta eingeladen. Wir sind nach Kassel gefahren, man hat uns Räumlichkeiten gezeigt, wo man wollte, dass wir eine ähnliche Aktivität wie in Berlin entwickeln sollten. Aber sie haben uns nicht wie die anderen Künstler behandelt, sie wollten uns als schmückendes Beiwerk und ohne Gage haben. Deshalb haben wir die Teilnahme abgelehnt.

Und worum ging es bei der Galerie berlintokyo?

Eberle: Die Idee war, Ausstellungen der verschiedensten Art mit Musik in Form von Band-Auftritten und DJs zu verknüpfen. Der kleine Kellerraum sollte sich jedesmal völlig verwandeln. Das konnte Öl auf Leinwand sein oder jemand, der in den Fußboden ritzt. Weil wir nach drei Jahren das Gefühl hatten, alles gemacht zu haben, worauf wir Lust hatten, haben wir den Raum im Mai 1999 zugemacht. Vorher sind wir noch bei der documenta aufgetreten. Wir haben in einer leerstehenden Fabrik in der Nähe des Kasseler Bahnhofs zehn Tage lang eine Ausstellung gehabt und abends sind Bands und DJs aufgetreten. Für uns war die documenta eine schöne Erfahrung.

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