Kultur : Wo die schwarze Sonne scheint

Willkommen in der Welt der Verlorenen: Hommage an Jason Rhoades im Hamburger Bahnhof

Nicola Kuhn

Die Versuchung ist groß: Nur zu gerne wird das Werk eines Künstlers auch zur Typologisierung seines Sammlers gebraucht. Bei Jason Rhoades und Friedrich Christian Flick waren ihr die meisten schnell erlegen. Denn überwältigend, den Raum sprengend, eine Schwäche für Pornografie und Pferdestärken verratend wie in so manchem anderen Werk und bei all dem eine leere Mitte umkreisend, war auch Jason Rhoades Mega-Installation „Schöpfungsmythos“ gewesen. Mit seiner gigantischen Ansammlung aus zusammengeschraubten Baumarkt-Elementen, Plastikmüll, gefundenen Gegenständen hatte der kalifornische Künstlers bei der Erstpräsentation der Flick-Collection 2004 die Historische Halle des Hamburger Bahnhofs fast völlig okkupiert. Dieser Doppelauftritt bleibt unvergessen.

Das Bild vom Sammler hat sich seitdem in der Öffentlichkeit gewandelt. Längst wird seine eigene Manie der Anhäufung von Kunstgegenständen differenzierter gesehen. Dazu hat beigetragen, dass sich aus seinem überreichen Bestand eine komplette Ausstellung zum Thema Minimalismus widmen ließ (2005) und sich die darauffolgende Schau ausschließlich auf das Motiv der Projektion in der Kunst konzentrierte (2006). Der überraschende Tod von Rhoades mit 41 Jahren im letzten Sommer legte es nun nahe, einerseits diesen für die Flick Collection so wichtigen Künstler zu würdigen, andererseits wie schon bei den vorausgegangenen Ausstellungen eine breiter angelegte kunsthistorische Fragestellung zu entwickeln, die sich jedoch aus seinem Werk herleiten lässt.

Kuratorin Gabriele Knapstein fand diese Schnittmenge zwischen Rhoades, weiteren Künstlern der Sammlung und einem aktuellen Phänomen der Kunst unter dem Stichwort „Trash“. Die Auswahl fällt diesmal allerdings weitaus weniger ästhetizistisch, weniger kulinarisch als in den letzten beiden Jahren aus: als Requisiten nun Müll, als Landschaften Schimmelberge, als Protagonisten gescheiterte Comicfiguren. Willkommen in der Welt der tragisch Verlorenen, willkommen im Kosmos der Obsessionen!

Für die Wiener muss es ein Schock gewesen, als Rhoades vor neun Jahren in ihr Allerheiligstes, den Raum mit dem Beethoven-Fries in der Secession, eine Phalanx aus Spielautomaten platzierte und alle gleichzeitig dudeln ließ. Für den Künstler hatte der Klang eine sinfonische Qualität, der vergebliche Kampf der computerisierten Superhelden eine tragische Dimension. Nun ist das Werk in Berlin angekommen. Nur lässt sich Klimts berühmter Fries nicht einfach translozieren. Der Berliner Besucher bekommt ihn als Fototapete zu sehen, die über den quäkenden Spielautomaten an einem Gerüst aus silbrigem Chromgestänge aufgehängt ist, wie man es aus diversen Rhoades-Installationen kennt.

Dem ansonsten Überbordenden, üppig Entgrenzten bei Rhoades wird diesmal ein strenger Rahmen gesetzt. Auch die aberhundert Synonyme für das weibliche Geschlecht, von Rhoades akribisch gesammelt und für seine Installation „My Medinah“ in Neon-Schrift gesetzt, sind in den Rieck-Hallen nur mit wenigen Beispielen präsent. Wer sich von der Hommage-Ausstellung an diesen Maniac eine Steigerung seines 2004 für die Flick-Eröffnung geschaffenen „Schöpfungsmythos“ versprach, wird enttäuscht. „In memorian Jason Rhoades“ führt vor, wie das Museum einen Wilden postum auf kuratorisches Maß zurechtstutzt. Wer sich eine Einordnung dieser Ausnahmeerscheinung erhofft, bekommt das Rüstzeug dafür an die Hand, denn der kalifornische Künstler rückt hier in die oberen Ränge der offiziellen Wertschätzung auf, wird in einen Zusammenhang mit Paul McCarthy, Otto Mühl, Dieter Roth, Isa Genzken, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Raymond Pettibon gestellt und zieht den Newcomer Andreas Hofer nach.

Die Nähe ist evident, denn wo Roth genauso besessen seinem Werk Abfall einverleibt, die Wertigkeit seines Schaffens hinterfragt, indem er den Schimmel in seinen Lebensmittel-Assemblagen zum unberechenbaren Mitgestalter macht, ist er vom gleichen anarchistischen Geist beseelt. Ist es bei Roth surrealistische Nonchalance, bei Kippenbergers und Oehlens „Bad Paintings“ offene Revolte gegen die Gesetze der Kunst, so verleihen Pettibon und Hofer den gestrauchelten Gestalten von B-Movies, Underground-Comics endgültig Bleiberecht in der Hochkultur. Sie alle vereint der Exzess, die Überproduktion, die Entauratisierung der Kunst durch die Masse Material. Dahinter steckt Opposition gegen den Tod, der den Dingen Bedeutung verleiht. Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten des Ausstellungsbetriebs, dass Rhoades’ eigener Tod, sein Verglühen für die Kunst, seinem Werk genau diese Subversion austreibt.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, bis 19. 8., Eröffnung heute 20 Uhr.

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