Kultur : Wo die Stunde zählt

Warhol, de Kooning, Judd: Bei den New Yorker Auktionen ist Nachkriegskunst gefragt wie nie

Matthias Thibaut

Gleich das erste Los erzielte einen Rekord: Neo Rauchs „Stunde“, eine 1999 gemalte Klassenzimmerszene mit einer bedrohlich den Rohrstock schwingenden Figur in attraktiven Bilderbuchfarben – 531 200 Dollar, das Doppelte seines Schätzpreises. Die Sotheby’s Contemporary Auktion in New York hatte damit einen glänzenden Auftakt. Die Begeisterung hielt bis zum letzten Los – einer Abstraktion von Sean Scully, die mit 912 000 Dollar ebenfalls weit über den erwarteten Erlös gesteigert wurde. Die Käufer waren durch die starken Preise der vergangenen Woche und den phänomenalen 95-Millionen-Dollar-Picasso offenbar in beste Stimmung versetzt. Wenn schon die Klassiker so gut abschneiden, mochten sie sich gedacht haben, was wird dann erst mit den Zeitgenossen passieren, die ihre Zukunft noch vor sich haben?

Sotheby’s erzielte mit 129 Millionen Dollar das beste Ergebnis seiner Geschichte für eine Contemporary Auktion. Und das war nicht einmal so viel wie bei Christie’s, wo die Tageskasse am Tag zuvor 143 Millionen Dollar betrug. Die Ergebnisse beeindrucken vor allem, weil sie weitgehend ohne Überflieger zustande gekommen sind. Manches Star-Los wirkte fast wie ein Schnäppchen: Für Roy Lichtensteins „Sinking Sun“ aus dem Besitz der Familie von Dennis Hopper waren bei Sotheby’s insgeheim 20 Millionen Dollar veranschlagt worden. Doch Händlerin Dominique Levy konnte sich die für das Pop-Zeitalter aktualisierte Version einer romantischen Landschaft – man könnte fast an Caspar David Friedrich denken – schon für 15,7 Millionen sichern. Sie bot für einen potenten Sammler und hatte genug Geld übrig, um ein wenig später den gleichen Preis für Willem de Koonings „Untitled XVI“ zu zahlen. „Die Sammler orientieren sich an ihrem Wohlstand, nicht am Markt“, erklärte Sotheby’s Auktionator Tobias Meyer und brachte das Geschehen wieder einmal pointiert auf einen Nenner.

Auch bei Christie’s lag de Kooning vorn: 10 Millionen Dollar für ein früheres Werk, 5,7 Millionen Dollar für eine Studie für die „Clamdiggers“, in denen de Kooning in den frühen Sechzigerjahren Abstraktion und Figuration verschmelzen wollte. Zum Spitzenlos avancierte bei Christie’s eine der handgemalten „Soup Cans“ von Andy Warhol mit 11,7 Millionen Dollar. 1962 malte Warhol für seine erste Ausstellung in Los Angeles 21 „Campbell Soup Cans“, von denen sechs abgerissene Papieretiketten haben und heute besonders begehrt sind. Der Händler Irving Blum hatte damals die Weitsicht, alle 21 selbst zu kaufen – und konnte davon bis heute ganz bequem leben. Dieses Exemplar dürfte sein letztes gewesen sein.

Nie zuvor gab es bei einer Auktion so viele Arbeiten von Donald Judd. Die Judd Foundation, die das New Yorker Studio des Künstlers in ein Museum verwandeln will, verkaufte 25 Werke des Minimalisten, der auch marktmäßig seit langem im Kommen ist. Insgesamt kostete der Block 24 Millionen Dollar – mit Einzelpreisen bis zu 2,7 Millionen.

Hinter diesen Spitzenwerten gab es Höchstpreise auf breiter Front. Bei Christie’s zahlte ein Sammler für Damien Hirsts in Formaldehyd eingelegtes Lamm „Away from the flock. Divided“ 3,3 Millionen Dollar und ein anderer für David Hockneys sonntägliches Gemälde „A neat lawn“ 3,6 Millionen Dollar. Bei Sotheby’s war Andreas Gurskys Fotografie eines „99 Cent“-Billigsupermarkts schon mit 1,5 Millionen Dollar auf Rekordniveau angesetzt – und erzielte am Ende sogar 2,2 Millionen Dollar. Es ist nicht nur farblich ein ganz besonderer Gursky. Und für Ausnahmearbeiten sind die Sammler heute bereit, Preise zu zahlen, so weit die Geldbeutel reichen.

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