Kultur : Wo die Toten wohnen

Warum die Ägyptische Revolution ein Desaster für die Antiken war: eine Reise zu Tutanchamun.

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Entrücktes Antlitz. Die Goldmaske des Pharaos darf Ägypten nicht mehr verlassen. Nach Berlin kommt eine Kopie. Foto: Semmel
Entrücktes Antlitz. Die Goldmaske des Pharaos darf Ägypten nicht mehr verlassen. Nach Berlin kommt eine Kopie. Foto: Semmel

Der berühmteste Wortwechsel in der Geschichte der Archäologie fand in der Enge eines Grabungsschachtes statt, elf Meter tief im Kalkgestein des Tals der Könige bei Luxor. Howard Carter, ein britischer Ägyptologe und Abenteurer, hatte sich am 26. November 1922 bis an den vermauerten Eingang zur Vorkammer eines Grabs vorgearbeitet, das – so war auf einem Siegel zu lesen – dem Pharao Tutanchamun gehört hatte. Carter stieß ein kleines Loch in die Mauer, hielt eine Kerze hinein und lugte in die Öffnung. „Können Sie etwas sehen?“, fragte Lord Carnarvon, der hinter ihm stehende Finanzier der Grabung. Und Carter, überwältigt vom Goldglanz vor seinen Augen, antwortete: „Ja, wunderbare Dinge.“

Neunzig Jahre später wird der Besucher des Königsgrabs am Westufer des Nils von Neonlicht statt Kerzengeflacker empfangen, und das Erste, was er erblickt, ist eine weiße Felswand, die noch die erstaunlich frisch anmutenden Meißelspuren der Erbauer trägt. Um 1320 vor Christus war Tutanchamun hier beigesetzt worden, und bei der Wiederentdeckung 3300 Jahre später sollte seine Ruhestätte sensationellerweise noch nahezu ihren kompletten Schatz enthalten. Außer „KV 62“ – so die Bezeichnung für die 62. im „Valley of the Kings“ gefundene Gruft – sind alle altägyptischen Pharaonengräber ausgeplündert worden, oft bereits in der Antike.

Howard Carter beförderte insgesamt 5389 verschiedene Objekte ans Tageslicht, darunter Tutanchamons Thron, mehrere zerlegte Streitwagen, ein in Golddraht gewickelter Rohrstock mit der Inschrift „Diesen Stab schnitt Seine Majestät mit eigener Hand“, ein Sträußchen aus Olivenblättern, Lotusblüten und Kornblumen, das vielleicht die Witwe in den Sarg gelegt hatte, sowie die berühmte Maske aus massivem Gold. Sie zeigt, wie der Kulturhistoriker Egon Friedell 1936 schwärmte, das „traurige und entrückte Antlitz des jungen Königs“, der im Alter von 18 oder 19 Jahren gestorben war. Heute befinden sich die Goldmaske und die anderen Stücke im Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz in Kairo.

Immerhin der Pharao selber ist in sein Grab zurückgekehrt, seine Mumie liegt seit ein paar Jahren wie Schneewittchen in einem Plexiglassarg. Tutanchamuns Körper ist mit einem Leinentuch umwickelt, aus dem nur der schwarz verschrumpelte Kopf und die Füße herausragen. Könnte der König seinen Kopf zur Seite wenden, dann würden sich seine leeren Augen auf den gegenüberliegenden Sarkophag aus rotem Quarzit richten, hinter dem Restauratoren damit beschäftigt sind, die prachtvollen Wandfresken von schwärzlichem Pilzbefall zu befreien.

Der Befall ist eine Folge der von den Besuchern mitgebrachten Luftfeuchtigkeit, die Restauratoren rücken ihm mit Tupfern und einer Art Staubsauger zu Leibe, dessen Röhren die stickige Luft erfüllt. Zum größten Teil sind die Malereien bereits gereinigt. Sie zeigen Tutanchamun im Dialog mit Osiris, dem grünlich-fahl dargestellten Gott des Jenseits. Auf dem letzten Bild umarmt der Pharao den Unsterblichen, eine Vereinigung, die ihn selbst zum Gott erhebt.

Jahrtausendelang haben in Ägypten die Lebenden die Toten genährt. Das Alte Reich soll einer Theorie nach um 2220 v. Chr. zugrunde gegangen sein, weil es vom Pyramidenbau und den täglich zu entrichteten Opfergaben ökonomisch überfordert war. Später kehrten sich die Verhältnisse dann um. Die Toten ernährten die Lebenden. Nachdem Napoleons Feldzug zu den Pyramiden 1798 in Europa eine Ägyptomanie ausgelöst hatte, kamen Millionen Besucher in das Land, um die Monumente zu besichtigen, die dort für die Toten errichtet worden waren. Doch seit der Ägyptischen Revolution vor zwei Jahren scheint das Geschäftsmodell nicht mehr zu funktionieren. Die Touristen, erschreckt von den Gewaltbildern im Fernsehen, bleiben weg, die Zahlen sind um zwei Drittel eingebrochen. Dass in der letzten Woche 19 Touristen bei einem Heißluftballonunfall in der Nähe von Luxor starben, wird die Ängste weiter wachsen lassen.

So trifft der Reisende, der in diesem ungewöhnlich heißen ägyptischen Vorfrühling unterwegs ist zu Tutanchamun, auf fast leere Hotels, halb verwaiste Basare und Luxusdampfer, die im Hafen liegen, statt über den Nil zu fahren. Bereits Agatha Christie hatte die fliegenden Händler an den Pyramiden mit einem „menschlichen Fliegenschwarm“ verglichen, doch die Vehemenz, mit der sie sich jetzt auf die wenigen Gäste stürzen, hat etwas Verzweifeltes an sich. „Für die Archäologie war die Revolution eine Katastrophe“, sagt der Wiener Ägyptologe Wilfried Seipel. Weil mangels Einnahmen die Sicherheitskräfte nicht mehr bezahlt werden können, bleiben viele antike Stätten sich selbst überlassen. Es kam zu Raubgrabungen und Diebstählen, selbst aus dem Ägyptischen Museum in Kairo sind im Chaos des Aufruhrs 55 Objekte verschwunden, darunter auch Stücke aus dem Tut-Schatz. 35 Objekte haben die Museumsleute bislang zurückholen können.

Auf der Eingangstreppe des Winter Palace Hotels in Luxor, einem kolonialen Prachtbau aus dem späten 19. Jahrhundert, hatte einst Howard Carter die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun verkündet. Zahi Hawass ist eigentlich gekommen, um im Bankettsaal sein Buch „Tutanchamun – die Legende“ vorzustellen, das im Sommer erscheint. Aber er redet sich in Rage: „Was gerade in Ägypten passiert, ist ein Desaster.“

Als Antikenminister hat Hawass die Altertümerverwaltung zehn Jahre lang mit harter Hand geführt. Er vertrieb Händler und Kamelverleiher aus den antiken Stätten, ließ das Tal der Könige mit einer Mauer schützen und Siedlungen abreißen, um die Sphinxallee ausgraben zu können, die einst den Karnak-Tempel mit dem Luxor-Tempel verband. Das machte ihm Feinde. Im Sommer 2011 wurde Hawass entlassen, die neue Regierung nennt ihn einen „Mubarak-Mann“. Jetzt sieht er sein Lebenswerk bedroht.

Mit bellender Stimme zählt Hawass archäologische Krisenherde auf. Die Tempel von Edfu sind von Neubauten bedroht. In Alexandria ist ein römisches Amphitheater überbaut worden. Bei Dahschur und Mit-Rahina sollen auf Grabungsfeldern islamische Friedhöfe entstehen. „Und gibt es erst einmal einen Friedhof, ist der Ort für Jahrhunderte für die Forschung verloren.“ Hawass’ Lieblingsprojekt war ein „Replica Valley“, das mit Nachbauten der Pharaonengräber im Maßstab 1:1 den Besucherdruck vom Tal der Könige nehmen sollte. Die Regierung der Muslimbrüder hat es abgeblasen. Sie forciert stattdessen den megalomanen Plan eines „Grand Egyptian Museums“ in der Nähe der Gizeh-Pyramiden, das einhunderttausend Exponate aufnehmen soll, darunter den Tut-Schatz. Bislang ist erst das Fundament gelegt und ein Forschungslabor gebaut, die Finanzierung stockt, aber Gründungsdirektor Hussein Bassir versichert: „Wir eröffnen 2015.“

Ausgerechnet Tutanchamun gilt heute als der berühmteste Pharao. Vergleichbar wäre es, wenn sich die Welt einst aus der deutschen Geschichte einzig an den Kurzzeitkanzler Kiesinger erinnern würde. Denn Tutanchamun war kein bedeutender, geschweige denn ein großer Herrscher. Den Thron bestieg er als Kind-König noch unter dem Namen Tutenchaton, „lebendiges Abbild des Aton“. Das Wort erinnert an den Kult um die Sonnengottheit Aton, mit dem sein Vater Echnaton den alten Vielgötterglauben durch den ersten Monotheismus der Weltgeschichte ersetzt hatte. Die Aton-Religion ging nach dem Tod von Echnaton und seiner Gemahlin Nofretete unter, hinterließ aber – davon zeugt derzeit die Ausstellung „Im Licht von Armana“ im Neuen Museum Berlin – erlesene Kunstwerke. Obwohl Tutanchamun die alten Götter zurückkehren ließ, wurde er als Ketzer verdammt. Seine Nachfolger ließen ihn aus der Königsliste streichen. Wohl nur deshalb überstand sein Grab unversehrt die Zeiten.

Seine Goldmaske darf Ägypten nicht mehr verlassen. Wenn nun dennoch die Ausstellung „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ nach Berlin kommt, ist das ein Fall von gelungener Augentäuschung. Gezeigt werden die Maske und weitere tausend Exponate als Repliken in Originalgröße. Bislang kamen vier Millionen Besucher, die Schau tourt inzwischen in dreifacher Ausführung durch die Welt. Berlin ist die 17. Station. Was es zu sehen gibt? Wunderbare Dinge.

„Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ ist vom 9. März bis zum 1. September in der Berliner Arena zu sehen, täglich 10–18 Uhr.

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