Kultur : Wo Epilepsie nur heilbar ist durch sexuellen Verzicht

ANJA KÜHNE

VON ANJA KÜHNEDie neue Gruppe "theatervorrat" spielt Strindbergs Groteske "Gläubiger" in den Sophiensälen - unaufdringlich, als beinah alltäglichen BeziehungswahnTücke, Haß und Qual - in zahlreichen Romanen und Dramen hat der Schwede August Strindberg die Ehe als einen Kriegsschauplatz dargestellt, auf dem der Vernichtungskampf der Geschlechter tobt.So auch in seiner Tragikomödie "Gläubiger" von 1889, wo er versucht, sein Verhältnis zu seiner Ehefrau und deren früheren Ehemann zu verarbeiten.Der Einakter zeigt, wie sich Gustav, der eifersüchtige Ex-Mann von Tekla, das Vertrauen seines Nachfolgers Adolf erschleicht.Um Rache an Tekla zu nehmen, will Gustav den Künstler Adolf psychisch zerstören.In der Inszenierung von Georg Scharegg, mit der die neugegründete Gruppe "theatervorrat" in den Sophiensälen debütiert, trifft Gustav (Jakob Kraze) als urbaner, glatter Beau auf sein leichtgläubiges Opfer, Strindbergs alter ego, den Maler Adolf, in kariertem Hemd und Cordhosen (Christian Kerepeszki).Beide Männer treten als moderne "Normalbürger" auf, ihre psychopathischen Abgründe, von Strindberg ins Monströse verzerrt, werden nicht als ungeheuerliche Anomalie dargeboten, sondern unaufdringlich, als beinahe alltäglicher Beziehungswahnsinn.Die Bühne ist keine dunkle Folterkammer, sondern ein in warmes Licht getauchtes Atelier mit roten und orangen Gemälden (den Installationen von Ilona Lenk).In komischen - manchmal zu schnell und monoton gesprochenen - Dialogen, überzeugt Gustav seinen Nachfolger davon, daß dessen Gefühle symbiotischer Liebe zu Tekla erste Anzeichen von Epilepsie sind, nur heilbar durch den Verzicht auf sexuellen Kontakt.Nach und nach beginnt Adolf zu glauben, Tekla habe ihn tatsächlich nie geliebt, er selbst sei nur "der Faszination der Röcke" erlegen.Adolf gerät in einen Psychokrieg mit der selbstbewußten Tekla (Birgit Schneider), die am Schluß die Intrige jedoch durchschaut.Bei Strindberg kommt diese Erkenntnis zu spät: Adolf stirbt mit Schaum vor dem Mund an seiner zerstörten Seele.Schareggs Aufführung bietet ein offenes Ende, das optimistisch auch andere Lösungen zuläßt. Vom 12.bis 15.3., 18.bis 22.3.und 25.bis 28.3., jeweils 21 Uhr in den Sophiensälen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben