Kultur : Wo es immer nass ist

Pop kommt aus der Provinz: In Lütjenburg an der Ostsee wird ein Nichtskönner zum King

Rocko Schamoni

In der Einöde ist es still. Die von vielen gesuchte Ruhe in der Natur, auf dem Land, für uns damals 16-Jährige, die wir sie uns nicht ausgesucht hatten, in die man uns mittels elterlicher Berufsentscheidungsgewalt gesetzt hatte, war sie ungeil. Um sich der Welt mitzuteilen, um das eigene Entstehen und Ankommen in der Erwachsenenwelt zu verkünden, muss man laut sein wie ein ankommender D-Zug. Alle sollen zur Seite springen, erschreckt sein, schauen und vielleicht bewundern.

Punkrock bot 1981 dafür die einfachsten Mittel. Hatte man noch 6 Jahre zuvor monatelang mühselig zu Hause Riffs und Notenläufe auf engen Gitarrenhälsen üben müssen, um in der affektierten, leistungsorientierten Rockcommunity etwas zu gelten, so gab es jetzt das Drei-Akkord-Wunder.

Es geht nicht ums Können, sondern ums Sein. Können ist Beiwerk, eitles Vehikel, das Entscheidende bist du selber, es geht einzig um deine wunderbare Person. Wenn du meinst, etwas zu sagen zu haben, stell dich auf die Bühne und sag es, wenn es gut ist, lieben wir dich dafür, wenn nicht, wirst du an den Ohren von der Bühne gezogen und kannst den Rest des Abends beleidigt sein. Das wäre dir zwar genauso gegangen, wenn du geübt hättest, nur hättest du dann viel Zeit verschwendet.

Wir übten nie. Im Gegenteil, es gehörte zum guten Ton, möglichst wenig Wert auf Technik und Können zu legen, sondern – ganz dem Impuls folgend – das unmittelbar Wilde in uns zu erwecken. Obwohl die meisten der englischen Vorbilder ihr Handwerk sehr wohl beherrschten, singen und ihre Instrumente spielen konnten, wurde in Deutschland ein entzückender Dilettantismus gepflegt, der international seinesgleichen suchte. Bands wie ZK, FSK, Mittagspause, S.Y.P.H., Male, die tödliche Doris und Andreas Dorau, um nur einige zu nennen, waren viel genauer in der Erfindung und Behauptung von Inhalt, Ausdruck und Style als die Profimusiker, die uns aus den Charts entgegendudelten.

Musik war nur ein Weg in die Kunst, Kunst war nur ein Weg in die Freiheit. Ich selbst hatte diesen Weg mit etwa zehn Jahren über den schmalen Pfad der Blockflöte eingeschlagen. Obwohl ich guten Willens immer wieder zu der sehr lieben, greisen Flötenlehrerin wanderte, merkte ich doch bald, wie eindimensional meine Zukunftsaussichten als Blockflötist gewesen wären. Irgendwann ging ich nicht mehr hin. Aber ich habe seitdem immer eine Blockflöte in Griffweite.

Mit zwölf sattelte ich auf Gitarre um und holte mir den obligatorischen Bursch, ein Lehrbuch, das einem alles Wesentliche beibringt, ohne dass Noten nötig wären. Zwar lernte ich alle Grundakkorde schnell und kam auch in der Barreewelt zügig voran, alle weiteren technischen Spielereien blieben mir jedoch wegen meiner großen Hände verwehrt. Ein gutes Ausgangstool für die spätere Punkwerdung.

In der Teestube spielten sie immer wieder „Wheels In The Sky Keep On Turnin“, und während der eine sang und Rhythmusgitarre spielte, gniedelte der andere unseres Freaksuperduos endlose Soli über den Notenteppich, während die restlichen Anwesenden im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen in einem Schleswig-Holsteinischen Hippiemantra vor- und zurückwippten. Ich beneidete die beiden Gitarreros, brachte aber selber nicht mal zehn Töne in eine sinnvolle melodische Reihenfolge und gab schließlich meine Hoffnung auf, ein begnadeter Sologitarrist zu werden.

Aber mein Können reichte aus um zu komponieren. Ich stellte fest, dass oft die Nichtvirtuosen etwas wirklich Originelles zu erschaffen vermochten, während die meisten Technikgenies, die ich kannte, eben genau das waren und blieben. So war ich froh, bei den Nichtskönnern gelandet zu sein. Denn wie Malcolm MacLaren sagte: „Es geht nicht um Können, es geht um Mut und Vision. Ich war immer ein Dilettant und genau das hat mich so weit gebracht.“

Nach der Schule verschanzte ich mich in unserem ehemaligen Gästezimmer, nun mein Proberaum, der zum Resonanzkörper meiner Ablehnung wurde. Während ich mit meinem Schlagzeug zu Tapes mit David Bowie und Buzzcocks jammte, verkündete unser Heizungssystem die unfrohe Botschaft auf eisernem Weg durch’s ganze Haus. Wenn dann die anderen von unserer Band Warhead kamen, wurde der vernagelte Bockmist doppelt so laut. Wir spielten uns vor uns selbst um Kopf und Kragen.

Als Funpunk 1983 auf leichten Schwingen über die Provinz geflattert kam, flog er bei uns offene Türen ein. Er bedeutete gleich mehrfache Abwendung, zum einen vom Sklavendasein des Üben- und Könnenmüssens, zum anderen von der eitlen Wichtigkeit der immer ernster werdenden Musikerzeitgenossen, und sowieso von der erstarrten Erwachsenenwelt. Er entsprach zudem unserem Beachpunkselbstbild. Denn wir waren ja die vom Tellerrand, von ganz weit draußen, wo es immer nass ist. Also füllten wir die Form mit uns selber aus und verweilten in ihr. Für eine wichtige Zeit lang. Bis auch sie erstarrte und wir sie sprengen mussten.

Der Autor, Jahrgang 1966, wuchs in Lütjenburg an der Ostsee auf. Er lebt als Musiker, Schriftsteller, Filmemacher („Rollo Aller“) und Betreiber des Golden Pudel Clubs in Hamburg. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Dorfpunks“ (Rowohlt).

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