Kultur : Wo es keine Tragödien mehr gibt

Christina Tilmann

Kurz lacht die Abendsonne über dem Gartenteich, die Akademie der Künste brummt, wie immer zur Langen Nacht, die ihre halbjährliche Mitgliederversammlung krönt. Man kann es György Konrád nicht verdenken, dass er vor dem Hintergrund der jüngsten Diskussionen um den Umzug an den Pariser Platz eine Lanze für den "freundlichen Hanseatenweg" bricht. Die Enten im Teich, die Hasen aus dem Tiergarten, und hinter der Akademie spaziert ein leibhaftiger Bundespräsident durch den Park - eine solche Idylle mitten in der betriebsamen Stadt gibt man als Akademiepräsident nicht freiwillig auf: "Ich habe keinen Augenblick ein schlechtes Gewissen, dass die Künste in der Hauptstadt demnächst zwei Häuser haben werden". Staatssekretärin Krista Tebbe, die Kultursenator Flierl vertritt, hüllt sich in Schweigen. Auch sonst scheinen die Ereignisse der letzten Tage die Akademiemitglieder nur am Rande berührt zu haben: Man schwämt vom eleganten Bau, den Günter Behnisch um die Reste der alten Akademie am Pariser Platz gelegt hat, nur im Vorübergehen hört man Satzfetzen wie "Wowereit", "Bund" oder "Wer soll das zahlen?", die davon zeugen, dass die akuten Finanzprobleme nicht ignoriert werden.

Stattdessen parlieren Dietrich Fischer-Dieskau und Manfred Osten in freundschaftlichem Schlagabtausch über Goethes Verhältnis zu Berlin und zur Oper, rekonstruiert Manfred Schnelle mit dem "tanztheater aus der zeche" Marianne Vogelsangs Barlach-Impressionen von 1956, lesen Claudio Magris, Volker Braun und Christian Grashof. Wolfgang Thierse lauscht, Ferenc Darvas am Klavier schafft Kaffeehausatmosphäre; alles ist wie jedes Jahr. Die Bluttat von Erfurt sparte Konrád in seinen wohlgesetzten Worten aus und zog sich in seiner Rede lieber zurück in ein Familienidyll mit Frau und Kind am Küchentisch. Dass diese kleine Welt von der großen unbehelligt bliebe, ist ein frommer Wunsch - und vielleicht die Motivation hinter der Entscheidung, 2003 nicht mehr als Präsident zu kandidieren. Immerhin: "Wo die Haarfarbe eines Politikers Hauptthema der Medien sein kann, gibt es keine Tragödien mehr," endete sein Vergleich zwischen Budapest und Berlin. Wenn es doch nur wieder darum ginge.

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