Kultur : Wo Freuds Krater klaffen

Christine Lemke-Matwey

Bayreuth in Berlin, Ostern im Advent, Oper im Konzertsaal: Die legendären Kategorien von Raum und Zeit vermengen sich, durchdringen einander - oder sollen es an diesem Abend der erlesenen "langen Weile" (Dieter Schnebel) zumindest tun. Mystisches Wabern erstickt die Luft, Männerfantasien von Schleier wedelnden, duftige Röcke schwenkenden Blumenmägdelein spuken umher, freudianische Krater klaffen, mal wähnt man sich in einer Kathedrale, mal im Freudenhaus, mal ist die Messe, die hier bereitet wird, pechrabenschwarz, mal ganz weiß und karfreitäglich-kathartisch. Fünfeinhalb Stunden "Parsifal", fünfeinhalb Stunden konzentrierte "Kunst-Weihe" in der Philharmonie: Gralshüterin Cosima, mit Verlaub, hätte ihre Freude gehabt. Ein Wechselbad von Ekel und ritueller Ergriffenheit, von Ungeduld und Hingabe. Ein Härtetest auch für den orthodoxen Wagnerianer.

Dass man beim Verlassen der Philharmonie kurz vor Mitternacht trotzdem wusste, wer man ist und wo man war, hatte verschiedene Gründe. Zum einen durfte (im Gegensatz zu den Gepflogenheiten auf dem Grünen Hügel) nach dem ersten Akt heftigst applaudiert werden. Dieser Jubel steigerte sich am Ende, fast furchterregend, ins Orkanartige. Der Reminiszenzen nämlich kamen viele zusammen: Abbados Abschiedssaison bei den Philharmonikern; "zum Raum wird hier die Zeit" als Motto der Spielzeit; das vielgeliebte Scharoun-Gebäude mit dem ihm eingeschriebenen Humanismus und, last but not least, Wagners "Parsifal" als das prophetische Spätwerk, um mit Nietzsche zu reden, eines "morsch gewordenen, verzweifelnden décadent".

Zum anderen trug die heikle halbszenische Umsetzung des Abends bisweilen Züge Brechtischer Geisteshelle: Die Philharmoniker weit in die Horizontale gestreckt und faktisch im Dunkeln spielend (Bässe links, schweres Blech rechts), Sängersolisten und Chöre wechselweise auf den Podiumsstufen wie auf den obersten Emporen des Saals agierend, und eine Lichtregie (Yorck Koch), die das Ganze in Stimmungen tauchte. Gewiss, das Arrangement schwankte zwischen Abstraktion und Lächerlichkeit, zwischen eurhythmischer Selbsterfahrung und jener Werktreue, wie Inszenierungen Wolfgang Wagners sie praktizieren (nein, ein ausgestopfter Schwan fiel nicht aus dem nicht vorhandenen Schnürboden). Ein Sich-Verlieren im Strudel der Rituale jedoch, ein kulinarisch-lüsternes Sich-Identifizieren mit dem reinen Toren und Retter des Systems war auf diese Weise kaum zu befürchten. "Parsifal" - ein Machwerk nicht zuletzt der Theatermoderne? Diesen Beweis müsste die Regie bei den Salzburger Osterfestspielen wohl erst erbringen.

Während sich die Solisten eher von der gemischten Seite zeigten (Robert Gambill als ansehnlicher, jedoch nur mäßig differenzierter und kaum je naiv-heldischer Parsifal, Kurt Moll als Gurnemanz aller Gurnemanze, Linda Watson als blasse, einfältige Kundry, Albert Dohmen als Amfortas, Richard Paul Fink als Klingsor, Elena Zhidkova als hinreißend timbrierte Stimme aus der Höhe), wussten die Chöre zu glänzen: die Herren des Rundfunkchors mit einer samtigen, elegischen Tongebung, die Tölzer Knaben mit herzzerreißenden Engelsstimmen.

Auch die Philharmoniker hatten einen großen Abend, leuchteten in allen nur erdenklichen Farben des Holzes und breiteten fluoreszierende Streicherteppiche aus, wie Debussy oder Skrjabin sie nicht impressionistischer hätten komponieren können. Es waren diese Meditationsebenen der Partitur, die Claudio Abbado interessierten - wobei die letzte Durchhörbarkeit noch nicht erreicht schien, vieles in den Gurnemanz-Passagen, im Karfreitagszauber auch fad blieb und bloß nobel musiziert. Die Abstürze der Kundry, ihr "Lachen" und Kuss etwa implodierten eher, als dass sie in Richtung "Emanzipation der Dissonanz" ausuferten. Im dritten Akt schließlich riefen mächtige Tutti samt der eigens neu gegossenen Aluminium-Glocken mit morbidem Klang zum jüngsten Gericht. Bewusstsein statt Entseelung: ein Versprechen.

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