Kultur : Wo gehobelt wird, da fallen Tränen

Die Ausstellung „Kafkas Fabriken“ zeigt den Dichter als Versicherungsbeamten und Unfallverhüter

Jörg Plath

Als Ernest Wichner eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte und in den Vorgarten des von ihm geleiteten Literaturhauses blickte, fand er dort ein ungeheures Ungeziefer. Es lag auf seinem panzerartig harten Rücken und bot, wenn er den Kopf ein wenig hob, einen flachen, schwarzen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch dar. Auf den Seiten des Käfers aber stand in weißer Schrift: „Kafkas Fabriken“.

Gregor II wird der abgewrackte, im Vorgarten des Literaturhauses auf seinem Dach liegende VW-Käfer von Klaus Wagenbach und Hans-Gerd Koch liebevoll genannt. Die beiden Kafka-Experten haben in ihrer Ausstellung zu Kafkas Büroleben nämlich einen weiteren verwandelten Gregor Samsa untergebracht: Gregor I ist klein und unscheinbarn – ein Aschenbecher aus „Tombak/Kupferlegierung“ und, wie die penible Beschriftung verrät, aus „Reichenberg, um 1910. Benennung aus späterer Zeit“. 1910, das ist authentische Kafka-Zeit, die „spätere Zeit“ aber, das ist die der „dienstältesten Kafka-Witwe“, des Verlegers Klaus Wagenbach.

Die Ausstellung „Kafkas Fabriken“, nach ihrer Eröffnung in Marbach nun in Berlin, danach in Prag zu sehen, nähert sich dem rätselhaften Heiligen der Weltliteratur mit spielerischer Souveränität. Sie holt den literarischen Mythos, der – wie Hans-Ulrich Treichel erinnert – der frühen Forschung nach unablässig schreibend einmal 39 Tage ohne feste oder flüssige Nahrung ausgekommen sei, in das Bureau und in die Fabriken seiner Zeit zurück. Der Mann hat ein Doppelleben geführt – kein sinistres allerdings. Der Jurist Franz Kafka war ein Beamter, der alsbald zur rechten Hand des Direktors avancierte. Der Clou der Ausstellung ist ihre These: Weil Kafka ein erfolgreicher Beamter war, war er ein überragender Schriftsteller der Moderne.

So wie der auf die Erzählung „Die Verwandlung“ verweisende VW-Käfer auf das Dach gelegt ist, so stellt die Ausstellung Kafka auf die Füße und mitten zwischen die Dinge seiner Zeit. Zu ihnen gehören eine Blechschachtel Ohropax, mit der sich Kafka der „Lärmhölle“ Familie erwehrte, ein Fahrrad der Firma Rösler & Jauernig, wie er es besessen haben könnte, ein Motorrad von Laurin & Klement, wie es der geliebte Onkel und Landarzt Siegfried Löwy besaß, bei dem Kafka mit der Technik, der Literatur und den lebensreformerischen Bewegungen bekannt wurde. „Ich fahre viel auf dem Motorrad, ich bade viel, ich liege lange nackt im Gras am Teiche, bis Mitternacht bin ich mit einem lästig verliebten Mädchen im Park“, schreibt er 1907 an Max Brod. Unter einem Modell des Flugzeugs von Blériot, dessen Erhebung in 20 Meter Höhe Kafka 1910 in „Die Aeroplane in Brescia“ bestaunte, schreitet man in den zweiten Raum, hinein in das Büroleben des Juristen mit ersten Veröffentlichungen. 1907 fängt Dr. Franz Kafka bei der Assicurazioni Generali an, 1908 wechselt er zur Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen in Prag. Bis 1922, als man ihn wegen der Tuberkuloseerkrankung pensioniert, wird er im vierten Stock des Gebäudes am Poric arbeiten, versehen mit all dem, was die Ausstellung inmitten von Briefen und Papieren zeigt: mit Soennecken-Schreibfedern, einem Bleistiftetui von Castell, einem Radierer in Form des Halleyschen Kometen und einer Schreibmaschine vom „Typ Oliver Modell 5“, auf der Kafka seinen ersten Brief an Felice Bauer schreibt. Die Frau, mit der er zweimal verlobt war, ist in einem kleinen Monitor zu sehen, wie sie an ihrer Schreibmaschine tippt und einen Parlographen, ein Diktiergerät, bedient.

„Dr. Kafka ist ein eminent fleißiger Arbeiter von hervorragender Begabung und hervorragender Pflichttreue“, heißt es 1909 in einer Beurteilung. Da ist der Jurist schon nicht mehr Hilfsbeamter, sondern Konzipist, obwohl ihn während der feierlichen Ernennung peinlicherweise ein Lachanfall überkam. Eine Entschuldigung im September 1912 zeigt seine Gewissenhaftigkeit: „Ich habe heute früh einen kleinen Ohnmachtsanfall gehabt und habe etwas Fieber. Ich bleibe daher zu Hause. Es ist aber bestimmt ohne Bedeutung, und ich komme bestimmt heute noch, wenn auch vielleicht erst nach 12 ins Bureau. Ihr ergebener Dr. Franz Kafka.“ In der Nacht zuvor hat er kein Auge zugetan und „Das Urteil“ geschrieben.

Kafka bereist die Fabriken in Nordböhmen, wo ein Drittel der österreichischen Arbeiter beschäftigt ist, und stuft sie in Gefahrenklassen ein. Der Preis des Fortschritts ist blutig: Transmissionsriemen skalpieren Arbeiter oder quetschen Gliedmaßen ab, Nadeln bohren sich in Finger und Hände, „was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppen werfen.“ Unfallverhütung, mahnt Kafka, tut Not. Die Versicherung bestellt ihn zum Unfallverhütungspropagandisten. Eine Sicherheitshobelwelle, für die sich Kafka einsetzt, präsentiert die Ausstellung gleich in zwei Modellen.

Doch die Unternehmer halten wenig von kostentreibenden Vorschlägen. Mit welchen Tricks sie kämpften, zeigt Hans-Gerd Koch, Herausgeber der Kafka-Briefe, an zwei Episoden. In einer bewegt ein Gablonzer Unternehmer seine Arbeiter, einen deutschradikalen Abgeordneten zu wählen, welcher nach der Wahl die Vorschriften zum Schutz seiner Wähler demontiert. Es ist Kafka, der Schüchterne, der Gehemmte, der nach Gablonz unter die „Schurken und Lumpenhunde“ reisen muss, um in einem Vortrag die Position der Anstalt zu vertreten. Ob die grausame Maschine in der „Strafkolonie“ an die tausend Nadeln der Webstühle gemahnt? Das Schloss des Grafen Clam-Gallas in Friedland jedenfalls war Kafka Vorbild für seinen Roman: Die am Fuß des Schlossbergs gelegene ausgedehnte „K.K. priv. Feintuch-Fabrik von Wilhelm Siegmund“ besuchte Kafka im Jahr 1911.

Literaturhaus, Fasanenstr. 23 (Charlottenburg). Die Ausstellung eröffnet heute um 17 Uhr mit einer Rede von Klaus Wagenbach. Bis 7. Mai, täglich 11–19 Uhr.

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