Kultur : Wo Grass einst in der Badewanne lag

20 Jahre Döblin-Haus in Wewelsfleth

Norbert Kron

Hier hat Günter Grass vier seiner Klassiker geschrieben: den „Butt"“, „Das Treffen in Telgte“, die „Kopfgeburten“ und Teile der „Rättin“. Die barocke Kirchspielvogtei im Herzen des schleswig-holsteinischen Dörfchens Wewelsfleth ist eines der ungewöhnlichsten deutschen Schriftstellerhäuser. Anfang der siebziger Jahre hatte Grass das Gebäude mit seiner Familie entdeckt und bis Mitte der Achtziger bewohnt, bevor er es dem Berliner Senat schenkte – unter der Bedingung, dass man darin ein Stipendiatenheim für Berliner Autoren einrichte. Die Akademie der Künste, die das Haus verwaltet, sendet nun schon zwei Jahrzehnte lang Schriftsteller aus der Hauptstadt zum Arbeiten aufs Land.

Zum festlichen Jubiläum der Institition am letzten Freitag besuchte jetzt auch wieder der Stifter das gelb-rot-blau angestrichene Fachwerkhaus und unternahm mit seiner Frau Ute einen Rundgang . „Hier in der Treppennische“, erzählt er beim Hinaufsteigen, „hat immer die Katze geschlafen.“ Angekommen im ersten Stock: „Das ist das schönste Zimmer, der Kamin geht nicht, aber hat noch immer die alte Jahreszahl darauf.“ Und im Flur des ausgebauten Dachgeschosses: „Hier haben die Kinder eine Tischtennisplatte aufgestellt.“ Nein, Tischtennis habe er nicht mitgespielt, aber als sein fußballbegeisterter Sohn Bruno ihm sagte, dass für das Spiel der Wewelsflether gegen die Werftmannschaft noch ein Spieler benötigt werde, sei er, Grass, mit aufgelaufen – „als Linksaußen“, versteht sich, und völlig untrainiert. „Danach bin ich vier Tage in der Badewanne gelegen.“

Eine der schönsten Geschichten, die das Alfred-Döblin-Haus geschrieben hat, ist die des Schriftstellers Peter Wawerzinek. Der, lange so etwas wie die Orginalschnauze der Prenzlauer-Berg-Literatur, kam in das Deichdörfchen Wewelsfleth, verbrachte ein paar Monate in dessen Villa Kunterbunt und verliebte sich erst in den Charme des Ortes – und dann in eine Frau, so dass er sich dort in der Nachbarschaft ganz niederließ. So schreibt er nun seine Texte im Marschland an der Elbe und kehrt, wann immer es geht, zum Besuch ins Döblin-Haus ein.

Bei Kaffee und Kuchen stehen alle unter dem Walnussbaum zusammen, den der Autor einst zur Geburt seiner Tochter Helene pflanzte. Bindeglied von Wewelsflethern und Berlinern ist neben Grass die kleine, energische Hausgouvernante Hanne Keyn, die die Herzen aller mit selbstgemachtem Butterkuchen gewinnt und einen Stipendiaten nach dem anderen in die Arme schließt. Hausmeister Heinz Priebe ist von einer Erkrankung genesen. Und dann ist da die First Lady von Wewelsfleth, Mechthild Dietrich, die zu Grass’ engsten Freunden zählt und Teil jener Gesellschaften war, die sich in den 70ern regelmäßig in der Küche und vor dem Kamin im ersten Stock eingefunden haben, zu Lesungen, Abendessen und Diskussionen.

Das Anekdotische hat Vorrang an diesem Nachmittag und rahmt auch die Podiumsdiskussion ein: „Hat das Politische in der Literatur ausgedient?“ Mag zunächst alles ein wenig an eine Wahlkampfveranstaltung der SPD-Ortsgruppe erinnern: der vollbesetzte Wirtssaal der Mehrzweckhalle, der Ausblick auf den Fußballplatz und die beiden Astra-Bierkisten, mit denen Grass sich für das Eröffnungswort ein Lesepult gebaut hat – diskutiert wird konzentriert und präzis.

Stellvertretend für die fast hundert Stipendiaten, die nach Wewelsfleth kamen, zeigen Bodo Morshäuser, Julia Franck, Johannes Groschupf, Ralph Hammerthaler und Martin Jankowski Flagge. Und Deutschlands großer Levitenleser zeigt beim abendlichen Matjes-Essen in der Küche, wie nahbar und gutmütig er hier, im Kreis von Ex-Stipendiaten wie Peter Wawerzinek, sein kann.

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