Kultur : Wo Himmel und Wasser sich küssen

Die neue Lust am Alten: Bei Christie’s in New York erzielt ein Gemälde Turners 29 Millionen Euro

Matthias Thibaut

Joseph Mallord William Turners’ Bestreben in seinen späten Venedigbilder war – abgesehen davon, dass er, mitten im Dampfzeitalter des 19. Jahrhunderts, noch einmal das „Erhabene“ seiner romantischen Anfänge rekonstruieren wollte – eine Synthese der Effekte von Aquarell- und Ölmalerei. Beides ist ihm in „Giudecca, La Donna della Salute und San Giorgio“ bestens gelungen. Die venezianischen Sehenswürdigkeiten, die da in schimmernder Ferne aus dem Meer auftauchen, sind schon nicht mehr von dieser Welt und doch sind die Details zum Greifen nah. Himmel, Wasser und Licht vermischen sich in dem mit dünnen Ölfarben auf papierweiß grundierter Leinwand gemalten Bild zu einer überirdischen Erscheinung. Das erinnert an Turners romantische, schnell gemalte Reiseaquarelle und weist voraus auf Impressionismus, gar Abstraktion. Und doch erfüllt Turner alle Aufgaben eines bravourösen Vedutenmalers: Eine stellenweise pastose Ölmalerei führt Venedig, „La Serenissima“ in ihrer ganzen Herrlichkeit vor.

Kurzum, es ist ein Meisterwerk erster Güte und es wurde Turner, als der es in London zum erstenmal zeigte, sogleich aus den Händen gerissen – für damals schon nicht ganz billige 250 Guineen. Es zierte die Wände wohlhabender Sammler, bis es in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als Geschenk, an den Wänden einer Franz-von-Assisi-Stiftung in New York landete. Da deren Aufgabe aber nicht die Kunstbetrachtung ist, sondern die Förderung von Franziskaner-Klöstern in aller Welt, kam das Gemälde in New York bei Christie’s unter den Hammer. „Ein solches Bild habe ich in den 27 Jahren meiner Laufbahn als Altmeisterhändler nicht verkauft“, schwärmte Christie’s-Spezialist Nicholas Hall und setzte die Taxe mit 15 Millionen Dollar an.

Doch niemand wunderte sich, als die Schätzung am Donnerstag in New York in den Wind geschlagen wurde. Robert Noortmann, der steinreiche Händler aus Maastricht, bot anfangs noch mit. Dann machten zwei amerikanische Sammler die Sache am Telefon unter sich aus: Bei 32 Millionen Dollar fiel der Hammer, mit der Provision lag der Endpreis bei stolzen 35,8 Millionen Dollar – 29 Millionen Euro: Ein Rekordpreis, für Turner so oder so, denn ein so feines Ölgemälde von ihm war seit 20 Jahren nicht mehr auf dem Markt. Gleichzeitig wurde die Venedigvedute zum zweitteuersten Altmeistergemälde der Auktionsgeschichte – nach Rubens Bethlehemitischem Kindermord, der 2004 in London 77 Millionen Dollar kostete, und vor jüngsten Superpreisen für Vermeer (30 Millionen Dollar) und Rembrandt (29,1 Millionen Dollar).

Christie’s hatte seine Altmeisterauktion im Alleingang vom bisher üblichen Januar in den April verschoben, damit sich die Spitzenauktionen in London und New York gleichmäßiger übers Jahr verteilen. Nun sah man, dass nach dem großen, jährlichen Schönheitswettbewerb der Altmeisterbilder in Maastricht schon wieder Appetit auf neue Ware besteht – auch wenn der Turner allein die Hälfte der 74,5 Millionen Dollar Einnahme in der Hauptauktion stellte.

Es gab noch andere Höhepunkte: Eine goldlockige Heilige Barbara von Lucas Cranach d. Ä., die Hermann Göring bei einem seiner Kunstraubzüge für sich beschlagnahmte und dann in einem Salzbergwerk versteckte, brachte nun, den rechtmäßigen Erben restituiert, die doppelte Schätzung – 5 Millionen Dollar. Für einen weiteren Weltrekord sorgte ein Blumenstillleben des mährischen Malers Georg Flegel (1566 – 1638). Das Bild, das eine Zinnvase mit einem Strauß aus Rosen, Tulpen, Iris, Akelei, Löwenmäulchen, Margeriten und Kräutern zeigt, erzielte vier Millionen Dollar. 1990 war es in New York für die Hälfte des heutigen Wertes versteigert worden.

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