Kultur : Wo ist die Party? Kathrin Röggla rast in ihrer Prosa durch eine Stadt namens Berlin

Nicole Henneberg

Ein Buch wie eine Achterbahn. Die Sätze rasen um Kurven, stürzen sich Abfahrten hinunter und werfen sich gleich darauf in Loopings. In Hochgeschwindigkeit schließen die Sprachbewegungen aneinander an; man kommt als Leser kaum nach. Mit Sprachpower, Vor- und Aberwitz führt Kathrin Röggla in ihrem neuem Erzählungband "Irres Wetter" durch eine Großstadt namens Berlin, was aber nicht viel zur Sache tut.

Die Autorin bleibt ihren literarischen Verfahren auch in ihrem dritten Buch treu: Slang, Schlagworte und Wendungen des täglichen Informationsrauschens werden kunstvoll miteinander verzahnt, so dass aus der gegenseitigen Reibung der Sätze ein intensives Kraftfeld entsteht. In diesem erscheinen die Befindlichkeiten einer ganzen Generation abgebildet; nun vielleicht etwas schwärzer gezeichnet als in dem Prosaband "Niemand lacht rückwärts" (1995) und dem Roman "Abrauschen" (1997).

Tatsächliche und imaginierte Fluchtpunkte dieses sich aller Techniken, vom Dialog bis zur essayistichen Reflexion bedienenden Erzählens, sind immer die so genannten zentralen Orte des Geschehens, "where the party is". Und dabei muss man selbst natürlich immer mittendrin sein, was naturgemäß misslingt, wie die Ich-Erzählerin halb genervt, halb amüsiert feststellt. Aber "sich immer Klasse finden, kann da ganz schön hilfreich sein", gerade dann, wenn man das Gefühl hat, nur am Rand zu stehen.

Aber vorerst streben Anna, Pieter, Martin oder Kerstin entschlossen ins Zentrum der Dinge, ohne es allerdings finden zu können. Sie fahren von einem Außenbezirk in die Neue Mitte, aber dort ist gähnendes Nichts; sie versuchen, sich zum Hauptevent der Love-Parade vorzuarbeiten, doch wo sie hinkommen herrscht gespenstische Stille.

Klar wird bei diesen Suchbewegungen und den vielen Gesprächen, die sie begleiten, nur eines: ob etwas existiert oder nicht, ist letztlich unwichtig; die tatsächliche Macht über unser Denken haben die gesellschaftlichen Fiktionen; und die sprechen sich immer auch in den Königsvokabeln der Zeit aus. Kathrin Rögglas Figuren werden von diesen allgegenwärtigen Wörtern ("temporär, ephemer, passager-prozessual! Na, bald ist die Stadt fertig, und dann bewegt sich hier nichts mehr!") angetrieben, die sich im Mund und im Kopf vergnüglich hin- und her drehen lassen wie glatte Kieselsteine. Doch die scheinbar glatte Wortoberfläche trügt. Es scheint im Belieben der Wörter selbst zu liegen, in welches Verhältnis zu den Dingen sie sich setzen; ob sie sich gegen die Sprachbenutzer mit der Realität verbünden; täglich wechselnden Bedeutungsmoden folgen oder sich nur noch um sich selbst drehen.

Die seit längerem in Berlin lebende Autorin ist 1971 in Salzburg geboren; wohl nicht zufällig sind ihre literarischen Wurzeln deshalb in der österreichischen Moderne zu finden. H. C. Artmanns Postulat: "Ich bin der Kuppler der Wörter und biete ihnen das Bett" trifft genau auf Kathrin Rögglas Schreiben zu: Wörter und Sätze zeigen sich als ganz Andere, wenn sie aus dem genormten Zusammenhang herausgelöst und nach allen Regeln der Kunst neu gemischt werden. Und unter der Hand erweist sich das sprachkritische Verfahren auch als sehr politisch; nicht nur wenn Ausflüge ins neue Berliner Umland mit dem sarkastischen Fazit enden, der Einfallswinkel sei gleich dem Ausfallswinkel. Kathrin Röggla kennt die österreichische Avantgarde, von Artmann bis Jelinek, genau, aber dieses Wissen beschwert die spielerische Leichtigkeit ihrer Prosa keine Sekunde. Die Verknüpfung von höchster Reflektiertheit und poetischem Spiel macht diese Lektüre so einprägsam und spannend.

Ein wunderbarer Platz für Geschichten ist also, Artmann beim Wort nehmend, eine "bettgeschichte": "wenn man fickt, vermeint man doch was zu erleben, da muss doch was weitergehen, man meint, aus dem vögeln kommen immer zwei raus und nicht nur einer, immer zwei, die was zu erzählen haben, die aber dann mal ordentlich loslegen und loserzählen. Keiner bleibt darin zurück. Doch wie gelogen, was für eine unterstellung, liegt er im bett und sieht gegen die decke." Und so muss die Erzählerin sich selbst unterhalten, denkt über gelesene Geschichten nach und den Sony-Himmel vorm Fenster, während der Leser teilnahmsvoll das Ausloten der Fallhöhe zwischen de Sade, Hubert Fichte und den Ereignissen dieses Nachmittags verfolgt, die durch den enervierenden Kreissägenlärm im Hinterhof auch nicht gerade kleiner wird.

Man sollte das Buch mindestens zweimal lesen (man kann es sich auch von der Autorin auf CD vorlesen lassen), um Sprachreichtum, Wortwitz und die Balance zwischen Schnoddrigkeit und Melancholie, Situationskomik und Tristesse auskosten zu können.Kathrin Röggla: Irres Wetter. Residenz Verlag, Salzburg 2000. 168 S., 38 DM. Die CD ist bei Audiobuch, Freiburg erschienen.

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