Kultur : Wo ist Gregor Samsa?

Unter den Fotografen der sogenannten Becher-Schule fällt Candida Höfer allein schon durch das geringe Format ihrer Abzüge auf.Anders als die wandfüllenden Großformate, mit denen Thomas Ruff, Thomas Struth, Axel Hütte und Andreas Gursky Furore machten, sind ihre Arbeiten bescheiden.Puristisch sind meist auch ihre Sujets.Candida Höfer bevorzugt banale Motive.Sie inszeniert nicht, sondern nimmt die Realität so, wie sie sich meist darbietet: als zufällige, die darum um so mehr über ihre Protagonisten verrät als alle arrangierten Bühnen.Denn Bühnen (im übertragenen Sinne) sind es zumeist, die die Fotografin im Zustand der Verlassenheit aufsucht: Theaterfoyers, Bibliotheken, Paläste, auf unserem Foto das Staatliche Museum für Naturkunde und Vorgeschichte in Oldenburg - mit einem an Kafkas "Verwandlung" gemahnenden Riesenkäfer.Es ist eine bis zur Surrealität wohlgeordnete, menschenlose Wirklichkeit.Oft genug aber verraten sich die auf Candida Höfers grundsätzlich abwesendenden Personen durch Gerümpel, das sie achtlos in den Ecken stehen lassen; Klapptische, Arbeitskittel, Abdeckplanen.Candida Höfer monumentalisiert die Alltäglichkeit ihrer Motive nicht - wie etwa Gursky -, sondern registriert sie.Gleichwohl sind es keine Schnappschüsse.Die Sorgfalt der Komposition erschließt sich erst dem genauen Hingucken, das das erste Interesse über die Motive hinter sich gelassen hat.Im Kunstverein Wolfsburg sind die stillen Aufnahmen jetzt in einem - leider - kongenialen Rahmen zu sehen (Schloß, bis 15.11., Katalog bei Schirmer/Mosel, 29 DM).Die im Nicht-Stil der siebziger Jahre ausgebauten Räume des Schlosses atmen genau jene Trostlosigkeit, die den Betrachter gewiß nicht aus allen, aber doch aus bemerkenswert vielen Fotografien anweht.Ist es womöglich nur die Verlassenheit? Machen diese menschenleeren Räume die Anwesenheit von Menschen nicht geradezu notwendig? Damit stünde Candida Höfer im Gegensatz zur Neuen Sachlichkeit, die so oft zum Vergleich mit den Becher-Schülern herangezogen wird, und deren Fotografien das Pathos der Dingwelt beschwören.Candida Höfer ist solches Pathos fremd.Sie ist ganz und gar das interesselos konstatierende Auge, das Objektiv der Kamera, und ihre Bilder sagen nichts anderes als ein "So ist es".Aber die Realität so zu sehen, bedarf es des Innehaltens, das in den Fotografien von Candida Höfer auf Dauer gebannt bleibt.

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