Kultur : Wo Kastanien nach Gurke duften

ELFI KREIS

Magdeburg investiert in die 25.Bundesgartenschau.Die Buga wiederum setzt auf zeitgenössische Kunst."Kunst behauptet sich auf der Jubiläumsschau als gleichberechtigter Faktor", verkündete deshalb der Geschäftsführer Klaus-Dieter Pantke bei der jüngsten Präsentation.Nur beim Blick in Faltblätter und Broschüren findet sich bislang kein einziger Hinweis auf die Kunst.Dennoch ließ man sie sich etwas kosten: Rund 2,8 Millionen Mark sind bei einem Gesamtvolumen von 210 Millionen Mark für die zehn dauerhaft im Elbauenpark installierten Arbeiten zur Verfügung gestellt.Die zehn dazugehörigen Künstler fand man mittels zweier Auswahlverfahren: Im ersten wurden fünf international bekannte Vertreter durch eine Jury geladen, die ihre für das Gelände entwickelten Konzeptionen ohne Auflagen umsetzen durften.Im zweiten wurde ein bundesweiter Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich 178 Künstler beteiligten; fünf konnten ihre Vorschläge realisieren.Zwischen Ober- und Regionalliga entschied man sich also für ein kompromißfähiges Halbe-Halbe.

In der Regionalliga spielen überwiegend Künstler aus den neuen Bundesländern.Nur die Frauenquote vergaß die Jury; gerade zwei Künstlerinnen berücksichtigte sie.Doch beide bekleckern sich nicht mit Ruhm.Astrid Weichelt verpflanzte Abgüsse einer kriegszerstörten Denkmalsgruppe aus dem Berliner Tiergarten an den Pappelsee.Die vier Figuren sollen die Ströme Oder, Elbe, Rhein und Weichsel personifizieren.Etwas verloren stehen sie auf der Wiese herum, wie Springbrunnenfiguren neben einem Schrebergartenteich.Rosa Brunners wolkenförmige Säulenstümpfe dagegen sollen in ihrer Wölbung das Regenwasser sammeln, damit sich Wolken darin spiegeln.Das vielversprechende Konzept bietet in seiner Ausführung jedoch ein trauriges Bild; peinlicherweise funktioniert es nicht einmal.Die klingenden Riesennotenständer des Dresdner Duos Ingo Güttler und Christian Späte überzeugt dafür eher.Hier darf sich der Spaziergänger seine persönliche Komposition zusammenstellen.

Für die Künstler war es insgesamt keine leichte Aufgabe, sich gegen die Fülle an Dekor-Elementen zu behaupten, die auf dem zum Erlebnisgarten gewandelten ehemaligen Schuttabladeplatz für Kriegstrümmer entstanden.Zudem befand sich rechterhand die zum Terassenhang umfunktionierte Erhebung einer einstigen Mülldeponie, linkerhand die Wälle des ein Jahrhundert lang als Truppenübungsplatz geschundenen Areals.Auf diesem mit Altlasten beladenen Boden betreibt die Künstlerprominez ihre Auseinandersetzung zum Verhältnis von Natur und Kunst.Der Amerikaner Dan Graham errichtete einen Spiegelpavillon aus Edelstahl und Eibenholz.Der Kanadier Robin Minard, mit Professur in Weimar, installierte seine an elektronische Flechten erinnernde Klanginstallation an rostigen Stahlplatten, mit denen Walldurchstiche gehalten werden.

Unter den "Top-Five" befindet sich auch der Berliner Olaf Nicolai mit seinem "Parfüm für Bäume"; es ist das originellste, aber auch beim Publikum umstrittenste Werk.Nicolai "beduftet" Kastanienbäume, doch die in Intervallen verstäubten Parfümwolken verflüchtigen sich rasch.Auch die schlichte Vorrichtung dazu macht optisch wenig her; sie erinnert eher an Straßenleuchten aus DDR-Zeiten.Dafür gab Nicolai ihr mit den Farben Hellblau und Rosa einen spielerischen Anstrich.Traut der Künstler der Natur also nichts mehr zu? "Natur ist heute längst ein Konstrukt", lautet seine Antwort.Aber ist es nicht absurd, gegen demnächst blühende Kastienbläumen "anstinken" zu wollen? Nicolai verweist im Gegenzug auf die längst gebräuchliche Praxis, öffentliche Räume mit Duftstoffen statt mit Frischluft auszustatten.Er treibt sie gewissermaßen auf die (Baum-)Spitze.Die von einem Parfümeur komponierte Geruchsmischung mit Komponenten wie Gurke und Melone riecht dezent.In "Vogue" und dem Lifestyle-Magazin "Park" erschienen vorab Anzeigen für das zugleich als Auflagenobjekt vertriebene Kunstprodukt Marke "Smell".Ob Flacon, Verpackung oder Werbung: vom Design der Kosmetikindustrie ist der Duft für Bäume nicht zu unterscheiden.

Internationaler Star ist auch der Schotte Ian Hamilton Finlay, der ein "Hirtenlied" beiträgt, mit dem er auf die Tradition des Pastorale, die idyllische Darstellung von Schäferszenen in der Kunst anspielt.Finlay, dessen Arbeiten stets um französische Revolution, Jean-Jacques Rousseau und die Naturphilosophen des 18.Jahrhunderts kreisen, fügt auf der Buga gefundene Trümmersteine zu einem Schafspferch.Dazu plazierte er Denkmalsplatten, die in die Jetztzeit zurückversetzen: "Einpferchen des letzten Schafes" steht dort etwa zu lesen.Auch Ludger Gerdes arbeitet auf der Buga mit Textfragmenten.Seine gelb leuchtende Neonschrift "Das, was nie sein wird" ist eine philosopische Feststellung.In kleinerem Schriftzug fügte er den Fragesatz "tatenlos zusehen?" hinzu.Mit "Sentimentalität", so Gerdes, blicke er am Ende des 20.Jahrhunderts auf die zahlreichen Utopien der Moderne zurück, von denen viele "in die Büsche gingen".Passenderweise eröffnet sich hinter seinem Schriftzug der Ausblick auf das Naturschutzgebiet "Steinwiese": als Übergang von gestalteter zu vermeintlich urwüchsige Landschaft, wie auch bei den englischen Landschaftsgärten des 18.Jahrhunderts üblich.In die Gegenwart versetzt will Gerdes nicht weniger zeigen, als die Wiederaneignung zuvor aufgegebenen Terrains in all seiner Widersprüchlichkeit.

25.Bundesgartenschau Magdeburg, Messegelände.Eröffnung Freitag, anschließend Frühlingsfest mit Veranstaltungsprogramm bis Sonntag.Insgesamt bis 17.Oktober.

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