• Wo liegt Europa, was wird aus dem Kontinent? Für Timothy Garton Ash kommt die Gefahr von innen

Kultur : Wo liegt Europa, was wird aus dem Kontinent? Für Timothy Garton Ash kommt die Gefahr von innen

Werner Weidenfeld

Die Frage, wo Europa liegt, beschäftigt die politische und intellektuelle Welt wieder intensiver. War über Jahrzehnte das Thema vom Ost-West-Konflikt bestimmt, so ist heute der Rahmen wieder offen. Der Integrationsprozess strahlt magnetisch nach Ost aus. Verschiebt sich damit auch der kulturelle Focus und das politische Koordinatensystem Europas? Der Integrationsprozess wird intensiver durch die Wirtschafts- und Währungsunion und politische Reformverträge. Verändert sich damit auch die historische Agenda des Kontinents? Der Integrationsprozess hat mit dem Krieg auf dem Balkan Erfahrungen seiner Ohnmacht sammeln müssen. Wird dies den Zusammenhalt Europas beeinflussen?

Fragen über Fragen, die einen Leser neugierig zum neuen Buch von Timothy Garton Ash greifen lassen. Der in Oxford tätige Politikwissenschaftler und Historiker hat es in der Vergangenheit immer wieder verstanden, die Spuren der Umbrüche in Europa subtil und sensibel aufzuzeigen. Seine Bücher sind nicht abstrakte Ableitungen, eher Verbindungen von Beobachtungen vor Ort und kulturell-historischer Analyse. Auch sein neues Buch "Zeit der Freiheit" bietet eine solche Mischung aus Reisebericht und Geschichtsbetrachtung. Der Autor will eine Geschichte der Gegenwart bieten. Dabei erhebt er nicht den Anspruch, eine umfassende Darstellung des Europa der 90er Jahre zu geben. Vielmehr handelt es sich bei den einzelnen Kapiteln um Aufsätze, tagebuchartige Aufzeichnungen und themenorientierte Skizzen.

Man erfährt in dem Buch viel über das Ausmaß, die Tiefe und die Dramatik des Umbruchs in Ost- und Mitteleuropa. Man schaut sensibel auf die Vorgänge auf dem Balkan. Die Lektüre zu Europa wird auf eigenartige Weise zum spannenden Stoff. Eher enttäuschen müssen dagegen die Schlussfolgerungen im letzten Kapitel, in dem Timothy Garton Ash ein Resümee versucht. Bloß darauf hinzuweisen, dass die neue europäische Ordnung noch keinen Namen hat, erscheint zu wenig. Sein Plädoyer für eine liberale Ordnung in ganz Europa bleibt vage, auf merkwürdige Art dem alten Nationalstaat verhaftet.

Es ist uns untersagt, weiterhin über Europa im Stil routinemäßiger Rhetorik zu sprechen. Der Krieg ist auf den Kontinent zurückgekehrt - und mit dem Krieg sind die alten Mythen, Ängste und seelischen Verwundungen wieder da. Über Jahrzehnte konnte das Reden über Europa die Erfolgsgeschichte der Integration früher verfeindeter Nationen beleuchten, sogar dramatisiert durch die Überwindung der Spaltung in Ost und West, zuletzt lediglich relativiert durch bürokratische Verkarstungen im Organisatorischen. Heute ist die Erfolgsgeschichte der Einigung Europas nur noch die eine Seite der Medaille. Die andere besteht in hunderttausendfachem Mord, in hunderttausendfacher Vertreibung mitten in Europa. Der europäische Hort der Zivilisation hat dies alles nicht verhindern können, ja lange Zeit tatenlos zugesehen.

Die Europäer beruhigten sich, als nach Ende des Ost-West-Konfliktes die Zündschnur am südosteuropäischen Pulverfass wieder glimmte mit einer mythologischen Ausgrenzung, so als ob es sich mit dem Balkan um eine Region jenseits der Grenzen handele, deren Eigendynamik naturgesetzlich immer wieder zu aggressiven Explosionen führe. Der Kern des europäischen Selbstverständnisses sei davon nicht berührt.

Bei näherem Hinsehen erweist sich dieser Befund als Trugschluss. Der Balkan, umgeben von gegenwärtigen und künftigen Mitgliedern der Europäischen Union, wies in besonders dichter Form einen historischen Erfahrungsgrund auf, der in dieser oder jener Weise die Landkarte des gesamten Kontinents durchwebt: Kulturelle Vielfalt trifft in räumlicher Dichte aufeinander. Orte von hoher Symbolkraft für unterschiedliche Ethnien liegen nahe beieinander.

Nach Ende der künstlichen Fesselung durch den Ost-West-Konflikt brach das geschichtlich begründete Elend wieder auf. Und Europa hat die Zeichen der Zeit nicht wahrgenommen. Seit Beginn der 90er Jahre haben alle seriösen Analysen vor dem Ausbruch der kriegerischen Auseinandersetzungen gewarnt. Die Tagebücher der militärischen Aktionen lagen - symbolisch gesprochen - bereits Jahre vorher offen. Die Europäer hatten nur papierenen Protest zu bieten. Erst das Auftreten der Amerikaner nach den Massakern in Bosnien hat dort zu einem Szenenwechsel geführt. Auch im Kosovo ist unschwer auszumalen, was die Europäer zu Stande gebracht hätten, falls die Amerikaner bei ihrer früheren Haltung geblieben wären, dies ausschließlich als Angelegenheit unter Europäern anzusehen. Was soll geschehen, wenn mittelfristig die ethnische Explosivität des Balkans nach der Logik des Dominospiels weitere Nationen erfasst - Mazedonien, Albanien, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Griechenland, die Türkei?

Die langjährige Forderung nach europäischer Handlungsfähigkeit bekommt nun einen anderen Klang und eine andere Farbe. Ursprünglich in Kreisen akademischer Europa-Experten erhoben, wird sie nun zu einer elementar erfassbaren Kategorie europäischer Überlebensfähigkeit. Vor diesem Hintergrund blicken viele mit Unverständnis auf die diffuse Vorstellung des geeinten Europa. Die Herausforderung ist doch präzise zu greifen; das ökonomische und militärische Potenzial ist gegeben; die politischen Institutionen sind vorhanden. Worin liegt also das Elend der EU begründet?

Der Schlüssel zur Erklärung der Misere liegt in der Schwäche europäischer Identität. Dies alles bedeutet nicht, dass die Erosion der europäischen Ratio mit einer naturgesetzlichen Zwangsläufigkeit über uns gekommen wäre. Sie ist vielmehr auch der Reflex auf die jahrelange Vernachlässigung europäischer Orientierungsdebatten. Wo erzählen wir uns die europäische Geschichte und ihre Geschichten, so wie wir sie in dem Buch von Garton Ash erfahren? Wo reflektieren die intellektuellen Eliten Europas unsere Risiken und Chancen? Die Defizite an europäischer Identitätserfahrung werfen dunkle Schatten auf den politischen Alltag mit all seinen Details und all seinen Nuancen. Die Bedrohung Europas ist im Innern zu verorten.Timothy Garton Ash: Zeit der Freiheit. Aus den Zentren von Mitteleuropa. Carl Hanser Verlag, München 1999. 500 Seiten. 49,80 DM.

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