Kultur : Wo Männer geradeaus gehen

THEATER

Christoph Funke

Weltgeschehen, Menschenschicksal auf einen Grundkonflikt gebracht? „Nicht bewegen“ nennt der 1963 in Paris geborene französische Erzähler und Dramatiker Emmanuel Darley einen theatralischen Versuch, dem lastende Bedeutungsschwere und äußerste Sparsamkeit zugleich eigen sind. A und B, die beiden Helden des 60-Minuten-Stücks, reden nur über Möglichkeiten des Verhaltens im Raum. „Ich gehe immer geradeaus“, sagt A, und B erwidert: „Ich, nicht gehen.“ Der eine wartet auf die Begegnung mit einem Radfahrer, der andere auf ein Zeichen. B, in einer Stummelsprache redend, hat zudem eine familiär-ideologische Zugehörigkeit – er ist ein Ming, und als er sich, nicht mehr derselbe wie am Anfang, aus der Erstarrung gelöst hat, kein Ming mehr. Lavinia Frey hat den Dialog im Studio des Maxim Gorki Theaters inszeniert (wieder am 9., 18. und 29. Oktober), und sie hält ihn in der Schwebe zwischen gewichtigem Ernst und lässiger Überlegenheit. Norman Schenk zeigt die zwanghafte Lust des flott Ausschreitenden, Rainer Kühn die stoische Gelassenheit des ragend Unbewegten. Es gelingt ihnen, das Gefangensein von A und B durch eine ungreifbare Macht mit einem Hauch Ironie deutlich zu machen. Alle Bewegungsabläufe auf dem Steg vor einer blau-weißen Wolkenlandschaft (Bühne und Kostüme Julia Kaschlinski) sind rhythmisch genau ausgearbeitet, mit überlegen gestaffelten Wiederholungen und schnellen Pausen. Nur wo die kleine Geschichte vom Gehen und Stehen hinwill, bleibt im Dunkel. Eine Metapher vom Nonsens aller religiösen, ethischen, politischen Standpunkte, die sich der Mensch für sein Verhalten je erdacht hat?

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