Kultur : Wo Milde fehl am Platze ist

Jubel um Grauns Operntragödie „Montezuma“ im Schlosstheater

Peter Buske

Kein aztekischer Folklorekitsch, kein barocker Kostümschwulst zeichnet diese Inszenierung von Carl Heinrich Grauns Opera seria „Montezuma“ auf ein Libretto von Friedrich II. aus, stattdessen stilisierte Empfindsamkeit, berührende Eindringlichkeit und schlichte Eleganz, die den Untergang des mexikanischen Herrschers und seines Reiches in ausdrucksstarken, „erzählenden“ Bildern auf die durch Anna Eiermann sparsam ausstaffierte Bühne bringt. Schlicht und fließend im stilisierten Krinolinenbarock sind die Damenkostüme geschneidert, militärmartialisch die für die spanischen Eroberer. Auch sie erzählen viel von ihren Trägern. Am Mittwoch erlebte die stimmungsdichte Musikfestspiele-Produktion im Schlosstheater im Neuen Palais ihre einhellig bejubelte Premiere. Ein namhaftes Sängerensemble mit der französischen Starsopranistin Mireille Delunsch (Eupaforice), die leider mit einer Indisposition angesagt wird, bürgt für den Erfolg genauso wie die Tatsache, dass alle vier Kastratenpartien originalgetreu mit Männerstimmen, vom Altus bis zum hohen Counter, besetzt sind.

Wie Regisseur Geoffrey Layton idyllisches Leben nur mit aus dem Schnürboden hängenden Schaukeln versinnbildlicht, ist so einfach wie genial. Auf einer von ihnen schwingt sich sorglos und zufrieden der Titelheld, nachdem zuvor sein Bediener Tezeuco (mit sehr klarem, biegsamem, höhenkräftigen Tenor: Makoto Sakurada) des Herrschers Güte in einer Arie gebührend lobgepriesen hat.

„Ist es ein Verdient, kein Ungeheuer zu sein?“ fragt philosophierend Montezuma in einem Rezitativ, um sogleich in einer betrachtenden Arie sich selbst zu antworten: „Nicht strebe ich nach Größe“. Altus Florin Cezar Oatu singt nicht nur biegsam, schmelzend und koloraturensicher, sondern sieht auch noch blendend aus: oberkörperfrei, athletisch gestählt, nur mit Goldketten um den Hals behangen. Fast wie im Paradies. Das wird gestört, als des Herrschers General und Vertrauter Pilpatoè (counterhell und kraftvoll: Mark Chambers) als weißgewandete Vogelgottheit mit vielen Federaccessoires an Hut und Manschetten von der Ankunft Fremder kündet, der spanischen Eroberungstruppe unter Cortés. Alles halb so schlimm, beruhigt Montezuma sich und seinen General. Dieser fordert per affektgeladener Arie – vom 2. Rang herab! – zum Widerstand auf, findet jedoch kein Gehör. Auch nicht die Eupaforice-Vertraute Erissena (mit leichten Koloratursopran: Laila Salome Fischer).

Mit Milde und Gold will Montezuma den Fremden gegenüber treten. Ein Fehler mit fatalen Folgen, wie sich später herausstellt. Aber viel wichtiger ist ihm, endlich seine Geliebte Eupaforice zu heiraten. Jäh wendet sich das Blatt, als der spanische Haudegen und Hauptmann Narvès – auch aus dem 2. Rang – stimmdonnernd und furchterregend die Kriegserklärung anstimmt (exzellent: Gerald Thompson). Vorm roten Vorhang singt Eupaforice eine affektreiche, kommendes Unheil vorausahnende Angst-Arie. Mireille Delunsch stürzt sich voller Furor in die Stimmattacke.

Den entfachen auch Mitglieder der Kammerakademie Potsdam, die, auf historischen Instrumenten spielend, sich unter blasdirigentischer Anleitung von Fagottmaestro Sergio Azzolini erneut als ein barockklangversiertes Begleitorchester der Extraklasse erweisen. Bereits in der Ouvertüre bürgen sie für einen straffen, forschen, temporasanten Klang, der mit der Szene in totalem Einklang steht. Sie wissen federnde Eleganz genauso zu musizieren wie Innigkeit, Liebessehnsucht, rasende Leidenschaften. Kurzum: von den Affekten und ihrer adäquaten Umsetzung wissen die Musiker eine Menge. So betten sie auch die erste Begegnung der Azteken mit den Spaniern auf der Vorbühne in „abtastende“ Klänge. Dann erneut eines jener hinreißenden Szenenbilder, als der selbstgefällige und selbstsichere, heuchlerisch wie brutal auftretende Cortés (ausdrucksintensiv und stimmvariabel: Paolo Lopez) und Narvès seitlich durch den Orchestergraben auf die Bühne steigen: ohne szenisches Brimborium wird Mexiko erobert und besetzt. Der Untergang vollzieht sich unerbittlich: ein Erschießungskommando mäht Montezuma und Gefolge hin. Die aztekischen Kultgegenstände werden im Müllsack entsorgt, dafür triumphiert das Kreuz des Abendlandes. Friedrichs II. Fazit: Milde zahlt sich nicht aus. Überzeugender lässt sich es nicht auf die Bühne bringen.

Für die Vorstellung von „Montezuma“ am Sonntag, 27. Juni, 16 Uhr, im Schlosstheater im Neuen Palais sind noch Restkarten unter Tel.: (0331) 28 888 28 oder an der Nachmittagskasse erhältlich

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