Kultur : Wo Neo Rauch hängt, ist auch Feuer

Kaufen, solange ein Werk entsteht: Das Museum Junge Kunst in Frankfurt/Oder behauptet sich mit Qualität und Fantasie

Peter Herbstreuth

Natürlich habe sie „Halbe Treppe“ gesehen, sagt Brigitte Rieger-Jähner, die Direktorin des Museums Junge Kunst in Frankfurt/Oder. Alle hier hätten den Film gesehen. Leider seien die Bilder so trist wie manche Neubauviertel. Nie sähe man die Sonne, was ja nicht stimme. Aber wie im richtigen Leben sei immer etwas los, und es gäbe auch immer jemanden, der sich kümmere.

Sie zitiert den Kunstkritiker Peter Sager, der 1994 im „Zeitmagazin“ geurteilt hatte, das Museum Junge Kunst hätte die „differenzierteste und anregendste Sammlung von Kunst der DDR und der neuen Bundesländer“. Welch ein Superlativ – selbst wenn Sager das Dresdner Kupferstichkabinett übergeht, dessen Direktor in repressiven Zeiten unabhängig von politischen Vorgaben Kunst erwarb, während die Direktoren in Frankfurt strikt auf Parteilinie blieben. Als Stefan Plenkers, ein zu lyrischer Abstraktion neigender Künstler, 1984 von Dresden nach Frankfurt fuhr, um seine Werke zu zeigen, meinte der damalige Direktor: „Sehr schön, aber wissen Sie, wir sammeln Kunst.“ Die Demütigungen der Macht waren groß, um so mehr, als Plenkers als Vorzeigekünstler gleichwohl zur Kunst-Biennale nach Bagdad reisen durfte.

Was aber galt als anregende Kunst in jenen Zeiten? Das Museum Junge Kunst wurde 1965 gegründet, um die Theorie des sozialistischen Realismus mit Bildern und Skulpturen zu belegen. Für das Museum hieß die Faustregel bis weit in die späten 80er Jahre hinein: keine nonfigurative Kunst. Sie stand im Ruch bürgerlicher Dekadenz und individueller Beliebigkeit. Kunst im Dienst des realen Sozialismus sollte beispielgebend sein, den Machtanspruch von Partei und Staat für das breite Publikum erlebbar machen. Damit konnten Künstler wie Hermann Glöckner, Wilhelm Müller, Eberhard Göschel, Karl-Heinz Adler, Manfred Luther, Hartwig Ebersbach, Penck, Hans-Hendrik Grimmling, Altenbourg, Max Uhlig und eben auch Stefan Plenkers nicht dienen. Sie wurden erst nach Lockerungen der Ankaufspolitik ab 1987 und dann zügig in den 90er Jahren nachgekauft. Doch das Museum besitzt qualitativ hervorragende Portraitbilder von Heisig, Mattheuer, Querner, Tübke. Ganz offensichtlich bot das Genre Portrait einen Freiraum des Ausdrucks.

Als Brigitte Rieger-Jähner 1991 Direktorin wurde, änderte sich alles. Elf Mitarbeiter wurden entlassen, die Stellen gestrichen. Seither arbeitet sie mit einem Stellvertreter, einem Handwerker und einem Hausmeister. „Wir kommen zurecht“, sagt sie, „auch wenn es schwierig ist, ohne Ankaufsetat eine Sammlung weiterzubauen und für jede Ausstellung nur 3000 Euro inklusive Portokosten zur Verfügung zu haben.“ Die Ausstellung „Picasso, Hogarth, Goya“ hatte sie bekommen, weil sie die Leihgeber so lange bezauberte, bis sie sie frei Haus hängen konnte. Schließlich, so die Direktorin, „waren von den Großmüttern bis zu den Enkelkindern alle begeistert.“ Einige hätten gemeint, da seien auch „so pornografische Sachen dabei; aber das habe ich nicht so gesehen, weil im Kunstrahmen doch alles anders aussieht.“

Durch diese Altmeister-Ausstellung habe sie Besucher für die zeitgenössische Kunst gewonnen. Daran arbeitet sie. Manche Ankäufe lässt sie sich durch Banken oder Unternehmen schenken und schreibt ihnen im Gegenzug eine Einschätzung von deren Sammlung oder hält Vorträge. Ihr wird auch allerlei als Schenkung angeboten. Aber sie nimmt nur, was sie ausstellen würde und zum Bestand passt. Auf eine ständige Sammlungspräsentation in beiden Häusern, der Rathaushalle und dem Kabinett, mit insgesamt 1300 Quadratmetern Schaufläche legt sie keinen Wert. „Wir zeigen neben den zehn Wechselausstellungen jedes Jahr eine Auswahl der Bestände und müssen jedes Mal neu darüber nachdenken.“ Sie hat auch kein Interesse, kleine Werke von großen Namen nachzukaufen. „Wir kaufen, wenn das Werk noch im Entstehen ist. Deshalb besitzen wir Bilder und Skulpturen von Neo Rauch, Olaf Nicolai, Via Lewandowsky, Norbert Bisky. Unsere Mäzene konnte ich immer überzeugen.“

Das Museum kauft nur Werke von Künstlern, die entweder auf dem Territorium der DDR oder im angrenzenden Polen leben. Polen? Da gäbe es, so die Direktorin, erstens eine im Westen unterschätzte Grafik-Szene. Zweitens hätten viele Frankfurter familiäre Bindungen an das Nachbarland. Die administrative Fusion mit dem Stadtmuseum wird im Juli vollzogen. Dann unterstehen Rieger-Jähner auch 17 barocke Räume mit Blick auf die Oder. Im Museum Junge Kunst hatte der Berliner Maler Norbert Bisky letztes Jahr seine bisher größte Schau, ebenso die Allround-Künstlerin Mariola Brillowska. Kürzlich stellte der Supra-Avantgardist Balavat aus. Jochen Gerz und Klaus Staeck werden im Herbst in Kooperation mit der Berliner Akademie der Künste eine politikorientierte Schau erarbeiten. Der Sommer ist für die 750-Jahrfeier von Frankfurt reserviert. In der neugotischen Rathaushalle dokumentieren Zeichnungen und Fotografien die Entwicklung der Stadt (bis 24. 8.). Im Kabinett der Villa lief bis vor kurzem „Vergessene Werte“, ein Schau mit lyrischen Zeichnungen. Auch dieses Haus widmet sich nun der Feier der Stadt. Die Imbissbude von „Halbe Treppe“ liegt nur wenige Meter entfernt.

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