Kultur : Wo Telefone schmelzen

Aufbruch in die fünfte Welt: der amerikanische Künstler Matt Mullican bei Klosterfelde

Thea Herold

Matt Mullican beherrschte das visuelle Surfen schon zu Zeiten, als das virtuelle Surfen mit Hilfe des „world wide web“ noch gar nicht erfunden war. Der New Yorker Künstler (1951 geboren) ist ein alter Hase auf dem Feld der interaktiven Kunst. Das stete Wechseln der Medien, der Ebenen, der Sichten, der Geschlechter – im Bedarfsfall auch des Alters – ließ sich für ihn anfangs am besten als „Arbeiten unter Hypnose“ erklären. Seither funktioniert es als sprachliche Stilfigur, die niemand mehr genauer hinterfragt.

Er selbst beschreibt sein Vorgehen didaktisch. Nimmt dazu die Brille als eine Art Zeigestock. Für die aktuelle Werkgruppe bei Klosterfelde wurde eine labyrinthische Welt aus Baumwolllaken und Papier konstruiert. Alltag in Ausschnitten. Eine der zwei großen Rauminszenierungen, „Breakfast“ (80000 USD), nimmt nicht nur vergrößert geschriebene Speisekarten auf. Ein DVD-Loop zeigt 32:40 Minuten lang „that Person’s work“ , ausgeführt bei der Morgenlektüre mit Zeitung, Orangensaft, Mineralwasser und Kaffee. „Good moooooorning“ beginnt es. „Vieeeetnam“ geht es weiter, dann „zzzzz“ und schließlich endet ein Satz mit einem herzzerreißenden „hmmmm“. Mullicans Verkörperung wiederholt sich, schreit, schnauft, schmatzt oder sabbert. Er kaut seine Worte, verdaut jede Silbe, schlingt die Morgennachrichten hinunter, spült mit Wasser nach und psalmodiert die Tipps der Gesundheitsspalte. Dabei wird der Verszeile „Good Morning, Vietnam“ die Melodie von „Happy Birthday“ untergelegt. Alles ist Eins. Und Eins wird Alles.

Bei einer Vorlesung im Museum Ludwig in Köln sagte Mullican: „In meinem Werk führte eine Arbeit folgerichtig zur nächsten. Natürlich waren Hypnose und Trance dabei. Aber wir alle kennen eine Art Trancezustand. Wir erleben das mehrere Male am Tag, oder?“ Natürlich ist nicht jeder dabei so eloquent wie der amerikanische Künstler, der seit der Teilnahme an den Documenta-Ausstellungen 7 und 9 eine feste Adresse unter den Ikonografen ist. „Das Zeichen ist wichtig, aber wo das Zeichen ist, und deine Beziehung zum Zeichen ist viel wichtiger“ war seine Lieblingslektion.

Mullican schuf Scharen von Strichmännchen – Klosterfelde zeigt eine Auswahl aus den siebziger Jahren–, er stellte sie auf eine Art Bühne oder „Guckkasten“ und teilte sich mit Hilfe von „that Person“ die Welt auf: Es gab „Himmel“, „Hölle“ und „Welt dazwischen“. Er bevölkerte diese Welt, gab ihr einen eigenen Kosmos, eine eigene Zeit, entwarf für sie eigene Flaggen mit Signets und Zeichen. Die Signets mutierten bald zu Skulpturen. Als schließlich Signets und Skulpturen nicht nur als Lichtkästen, sondern als Modelle einer kosmologischen Stadtlandschaft im Computer an jedem Ort der Welt animiert werden konnten, hatte „that Person“ Sehnsucht nach handfesten Taten. Nach Echtsein. Nach „real life“.

Seither vereinfacht Mullican seine Selbst-Experimente wieder. Zeitungsausschnitte treten als Collagen auf. Details bekommen ihr Einzelschicksal als „bewegtes Bild“ (Animated Fictional Details, zwischen 4500 und 6000 USD) Mullican nummeriert, ordnet und strukturiert unsere Welt aus seiner Sicht. Alles dreht sich um die Relation zwischen objektiver Wahrnehmung und subjektivem Ausdruck. Neugierig wie eh und je, macht er am neuen Ort neue Tests: In Berlin stellte er drei alte Telefone aufs Feuer und ließ sie schmoren (Untitled, 3 melted phones modelling the 5th world, 18000 USD). Nervöse Frage: Wieso der fünften Welt? Relax. Wir werden surfen.

Matt Mullican, Galerie Klosterfelde, Zimmerstr. 90/91, bis 15. September, Dienstags bis Samstags 11 bis 18 Uhr. Katalog 15 €

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