Kultur : Wo wir uns finden

Steffen Richter

über deutsche Selbstvergewisserungen Eine Szene aus der alten Königsburg von Krakau, um 1940. Hans Frank, Polens Generalgouverneur von Hitlers Gnaden, logiert dort. Und er palavert: Man müsse die jüdischen Kinder „zur Lebensfreude“ erziehen, sie sollten „lachend durch die Straßen des Ghettos laufen“. Dann setzt er sich ans Klavier und spielt Chopin. Seine Frau, Maria Brigitte Frank, „dick, untersetzt“, haucht dazu, er sei ein „Künstler mit einer reinen und zarten Seele“. So erzählt Curzio Malaparte die Geschichte. Der italienische Autor und Kriegsberichterstatter war wie Hemingway ein „embedded journalist“ des Zweiten Weltkriegs. Sein großartiger Antikriegsroman „Kaputt" (1944) ist gerade neu aufgelegt worden.

Niklas Frank ist der Sohn des selbst ernannten „Königs von Polen“. Der langjährige „Stern“-Redakteur veröffentlichte 1987 ein schonungsloses Buch über seinen Vater. Mit „Meine deutsche Mutter“ (Bertelsmann) komplettiert er nun die finstere Familiensaga. Dass das polnische Luxusleben auf zusammengeklauten Kunstschätzen und dem Eigentum deportierter Juden beruhte, hat Frau Frank nie interessiert. Der Gedanke an Reue war ihr fremd. Frank liest am 11.4. (20 Uhr) im Jüdischen Museum .

Bücher wie die von Malaparte oder Frank erinnern daran, vor welchem Hintergrund sich die neue deutsche Gelassenheit und „Normalität“ abspielt. Dass wir 60 Jahre nach Kriegsende aus der Geschichte gelernt haben und längst viel „normaler“ sind, als politische Gedenkredner es oft wahrhaben wollen, bescheinigt uns Eckhard Fuhr . In „Wo wir uns finden“ (Berlin Verlag) unternimmt der Feuilleton-Chef der „Welt“ eine Standortbestimmung. Sein Fazit: Die Zeit seit dem letzten Kanzlerwechsel, die Debatten um Flucht und Vertreibung, den Irak-Krieg oder Filme wie „Der Untergang“ zeugen von solidem deutschen Geschichtsbewusstsein. Ob die „Berliner Republik“ gar zum „Vaterland“ taugt, diskutiert Fuhr am 6.4. (20 Uhr) im Grünen Salon der Volksbühne mit der Politologin Gesine Schwan sowie der „Zonenkinder“-Autorin Jana Hensel.

Solange man originellen Denkern wie dem Soziologen Wolfgang Engler lauschen kann (am 6.4. im Brecht-Haus , 20 Uhr), braucht der Republik nicht bange sein. Da die Arbeit nie mehr für alle reichen wird, meint Engler in „Bürger, ohne Arbeit“ (Aufbau), müsse ernsthaft über ein Leben ohne sie nachgedacht werden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, unser Selbstverständnis umzukrempeln, die eigene Person nicht über die Arbeit zu definieren. Das klingt wie die Utopie vom neuen Menschen. Folgt man Engler, wird es ohne ihn kaum gehen.

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