Kultur : Wörter des Jahres: Meine Sprache

Rudolf Walter Leonhardt

Wissen Sie, was Glykol ist? Aber wissen Sie auch, warum "Glykol" das "Wort des Jahres" 1985 war? Weil die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache es so wollte.

Es schien zunächst ein hübscher Gedanke der Wiesbadener, für jedes Jahr (seit 1977) ein Wort festzuhalten, das als besonders typisch und markant die Medien beherrschte. Leider hat die anonyme Jury es versäumt, uns wissen zu lassen, was sie für "typisch", "markant", ja sogar, was sie für ein Wort hält. Scheinbar gewissenhaft wurden als Wörter des Jahres 2000 zehn Kandidaten zur Wahl gestellt. Ich kann nur drei von ihnen akzeptabel finden. Sehen wir sie uns in der Wiesbadener Rangordnung an

1.) "Schwarzgeldaffaire": War dieses politische Kampfwort für den normalen Bürger wirklich von so überwältigender Wichtigkeit - wenn man es zum Beispiel mit dem nächsten vergleicht?

2.) "BSE-Krise": Gäbe man ihr den deutschen Namen Rinderwahn, dann wäre es ein deutsches Wort und mein Kandidat Nummer 1.

3.) "Greencard": Ein amerikanisches Wort, das dort schon seit Jahren für Arbeitserlaubnis steht.

4.) "Gegen Rechts": Das ist zwar eine höchst wünschenswerte Einstellung, aber kein Wort.

5.) "SMS": Ist kein deutsches Wort, sondern die Abkürzung der englischen Worte "short message service".

6.) "Kampfhund". In Ordnung.

7.) "brutalstmöglich": Sollte man an die hessische Quelle zurückschicken.

8.) "Leitkultur". Da es hier nicht nur um sympathische Wörter geht, müssen wir auch dieses gelten lassen.

9.) "Big-Brother-House": Schlecht gebautes Wort von minimaler Bedeutung.

10.) "Basta": Wieso wird es zum "Wort des Jahres", wenn der Bundeskanzler einmal sagt, was Millionen von Italienern Jahr für Jahr sagen?

Sehen wir uns die Wörter der Jahre von 1977 bis 1999 an, dann finden wir eine Menge, die sich auch anderen Jahren zuordnen lassen: "Szene" (1977), "konspirative Wohnung" (1978), "Holocaust" (1979), "heißer Herbst" (1983 - erinnern Sie sich?), "Gesundheitsreform" (1988, früher auch, später auch).

Es ist nur fair, auch einige gelungene und passende dieser Wörter des Jahres zu nennen: "Multimedia" (1995), "Politikverdrossenheit" (1982).

Was die Wiesbadener gekonnt hatten, ließ den Frankfurtern keine Ruhe. 1991 erfanden sie an der Universität als Konkurrenz "Das Unwort des Jahres". Das ist schlicht ein Plagiat und ohne erkennbaren Nutzen. Dazu machten die Frankfurter dann auch noch ihr eigenes "Wort des Jahres". Irgendwie will es mir bekannt vorkommen. Es heißt "Spendenaffäre".

Schließen wir mit dem Wiesbadener Kandidaten Nummer 10. Er ist zwar nicht so neu, aber mir sehr lieb: "Basta!"

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