Kultur : Woher hat er das nur?

Die Eltern verstehen den Sohn nicht mehr. Er will nicht Mau-Mau spielen - er geht in die Bibliothek, ans Theater, studiert. Ein Parvenü erzählt

Tom Peuckert

In der Wohnung der Familie gab es ein schmales Bücherregal. Auf seinen Böden hatte sich im Lauf der Jahre Nippes angesammelt: Reiseandenken, Porzellanfiguren, Büsten aus Gips. Auf dem oberen Brett standen die Bücher. Ein knappes Dutzend gestrandeter Objekte. Ein Krimi von Dürrenmatt, ein Sachbuch über die alten Römer, eine Hand voll Julia-Romane, die hatte die Mutter mit in die Ehe gebracht.

Der Junge liest in den Büchern, die oben auf dem Regal stehen. Atemlos folgt er Dürrenmatts Verbrechergeschichte, ihn schaudert vor den blutigen Schlachten der Antike. Die Heftchenromane, in denen am Ende der Graf seine Sekretärin heiratet, hat er alle schon verschlungen.

„He, du Leseratte“, ruft der Vater, „verdirb dir nicht die Augen.“

Er sagt oft solche Dinge. In seinem Gesicht glänzt verständnisloses Wohlwollen. Er wirft ein Kartenspiel auf den Tisch.

„Wie wäre es mit einer Runde Mau-Mau?“

„Nein“, antwortet der Sohn, „ich will noch zu Ende lesen.“

Hätte er jetzt von seinem Buch aufgeschaut, vielleicht wäre ihm die Unruhe des Vaters nicht entgangen. Ob der schon ahnt, dass sein Sohn sich eines Tages in ein Alien verwandelt? Dass etwas mit ihm geschieht, das ihn vom Milieu seiner Herkunft entfremden, das Band zwischen den Generationen zertrennen wird?

Der Stammbaum der Familie, den der Vater liebevoll mit der Hand gezeichnet hat, versammelt Handwerker, Ladenbesitzer, Industriearbeiter. Auch unter den noch lebenden Gliedern der Familie finden sich keine Intellektuellen, keine Künstler. Nichts von Bohème oder Gelehrsamkeit. Solche Lebensformen existieren irgendwo weit draußen, hinter einer sozialen Grenze, die als unantastbar gilt. Eines Tages – wann hat es nur angefangen? Und warum? – beginnt der Sohn seinen langen Marsch auf diese Grenze zu. Er hat keinen Namen für das, was mit ihm geschieht. Kein Bewusstsein. Nur dunkles Begehren. Kein Entschluss wird gefasst. Es geschieht irgendwie. Er stürzt auf die Grenze zu.

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Was soll man aus seinem Leben machen? Was muss man daraus machen? Wenn die individuelle Freiheit grenzenlos scheint? Wer oder was will man sein, wenn man alles von seinem Schicksal verlangen kann? Man läuft voran, getrieben von Hoffnungen, gehetzt von Schuldgefühlen. Ein Kunstwerk, natürlich, will man aus seinem Leben machen, etwas Besonderes, Einmaliges und nie Dagewesenes. Auf den schiefen Ebenen der sozialen Pyramide geht es empor. An ihrer Spitze glänzt ein Bild. Lockend, erhaben, vollkommen. Das Bild einer neuen, selbsterschaffenen Identität.

So tritt der Parvenü in die Welt. Jemand, der von weither gekommen ist. Er ist schon da, aber nicht wirklich am Platz. Stirn und Augen nach oben gereckt, hat er die Grenzen seiner Welt herausgefordert. Er stützt sich nicht auf Traditionen, er missachtet die klassischen Hilfestellungen der Familie, die Sicherheiten einer Herkunft, die angestammten sozialen Plätze.

Konstanter, erbarmungsloser Druck lastet auf seiner Existenz. Dort, wo er hin will, wartet niemand auf ihn. Im Gegenteil: Man wird ihm den Zutritt ins gelobte Land verweigern, so lange es irgend geht. Diejenigen, die er um seiner Vision willen verlassen hat, reagieren gekränkt. Er kann nicht mehr zurück. Er muss vorwärts. Oder untergehen.

Der Parvenü führt das ruhelose Leben eines Exilanten. Sein Bildungsroman treibt ihn durch Abgründe der Verwirrung und des Schmerzes. Er polstert sein Inneres mit seltsamen Mixturen aus Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn, lebt in einer Welt bizarrer Tagträume, rächt sich auf fantastische Weise für erlittene Demütigungen. Oft genug fühlt er sich einfach nur zerfressen von einer ohnmächtigen Wut.

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Die soziale Pyramide, wie der Parvenü sie sieht, ist eine Pyramide der Bildung. Eine imaginäre Rangordnung des Geistigen. Ganz unten, in den trüben Niederungen, hausen die Menschen bewusstlos. Kein Licht des Erkennens reicht dorthin, keine Sprache steht zu Gebote, um das eigene Leben transparent zu machen, die Musen haben sich mit Schaudern abgewendet. Dort leben die Nicht-Leser, die nichts wissen vom Zauberreich der Literatur, die Nicht-Denker und Nicht-Spieler, die groben Sozialautomaten, deren biografischer Eigensinn zusammengeschnurrt ist auf ein Hobby zum Feierabend und ein paar Vorurteile des Geschmacks. Oben auf der fantastischen Pyramide wohnen die Dichter und Denker. Die Leser und Schreiber. Die geistreichen Deuter der Erlebnisse, die Erfinder von Erfahrung. Jene, die dem Drama der Existenz mit Kennerschaft gegenübertreten. Verführerische Bohèmien-Naturen, befreite Seelen.

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Was lässt einen Achtjährigen zum Stammgast einer öffentlichen Leihbibliothek werden? Zwei Mal in der Woche, nachmittags, durchwandert das Kind die Straßenschluchten der Vorstadt. Die Bibliothek befindet sich im Erdgeschoss eines schäbigen Hauses, draußen rauscht der Lärm einer Fernstraße.

Niemand hat ihm gesagt, welche Bücher hier sein Interesse verdienen. Er besitzt weder Karte noch Kompass, mit denen sich in der Welt des Wissens ein Ziel ansteuern ließe. Also wählt er ein krudes Sammelsurium an Gedrucktem: Märchen, Populärwissenschaft, Romane aller Art.

Er liefert einen hohen Bücherstapel ab und nimmt einen anderen mit hinaus. Schon auf dem Heimweg überfällt ihn kribbelnde Vorfreude. Der Nachmittag und der Abend werden der Lektüre gehören. Mit Hilfe einer unter der Bettdecke installierten Taschenlampe lässt sich der Genuss noch lange ausdehnen.

Ist alles Zufall? Läuft es nach genetischem Plan? Steckt eine Psycho-Logik dahinter, voll benennbarer Kausalitäten?

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Er ist 18 Jahre alt und frei. Er hat eine ganze Bibliothek ausgelesen und weiß nichts vom Leben. Ein Teenager aus der Vorstadt, dessen Bewusstsein sich nach Erweckung sehnt. Dass er Einser-Abiturient war, hat seine Eltern stolz gemacht. Bei Familienfesten haben die Verwandten ihm auf die Schultern geklopft – mit einer Neugier, der ein wenig ironisches Ressentiment beigemischt ist. Nun steht er vor seiner Pyramide und blickt nach oben. Das Glück ist oben. Es muss einen Weg für ihn geben, da hinauf.

Wenig später treffen wir unseren werdenden Parvenü auf der Bühne. Ein schäbiges Provinztheater hat ihn unter Vertrag genommen. Auf dem Papier, das seine Tätigkeit benennt, steht auch das Wort „Spielverpflichtung“. Dieses Wort interessiert ihn brennend. Es hat so einen verheißungsvollen Klang. Die Pflicht, ein Spieler zu sein. Ja, er würde gerne spielen. Sich in der Rolle des Spielers ausprobieren.

Eine seltsame Sache, diese Idee, ans Theater zu gehen. Der werdende Parvenü kennt Goethes „Wilhelm Meister“ noch nicht, aber gewisse Handlungsmuster liegen für einen wie ihn wohl in der Luft. Hieße dieses Spielen auf einer Provinztheaterbühne nicht schon: teilzuhaben an der erotischen Faszinationskraft des Schauspielers, diesem freien, enthemmten Wesen, der die kindlichen Passionen der Verstellung und Nachahmung in den Rang eines Berufes erhoben hat?

Ja, flüstert er sich zu, in der schlaflosen Nacht, bevor sein Engagement beginnt, ja, das hieße es wohl. Freiheit und Spiel – das wäre der denkbar größte Kontrast zu seinem bisherigen Leben. Die Gegenwelt zur düsteren Schwere, dem glanzlosen Verborgensein, der uneingestandenen Angst.

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Man geht nicht so einfach ans Theater. Ein Junge mit zäher Mundart und einem ungelenken Körper will das Geschäft der Musen betreiben. Voll Furcht und Hemmung, mit nichts anderem ausgerüstet, als diesem dunklen Drang, das Jenseits einer Grenze zu erreichen. Nie zuvor ist unser Parvenü mit einer artistischen Lebensform in Berührung gekommen, niemals vorher hat er einen Schauspieler aus der Nähe gesehen. Im Grunde fürchtet er sich vor dieser exaltierten Künstlichkeit. Vor den Seelennudisten. Den unmoralischen Existenzen.

Er stolpert durch den Probensaal des Theaters. Was ist das eigentlich, spielen? Er soll auf seine innere Stimme hören, sagt der Regisseur, aber da ist keine innere Stimme. Sein Name steht trotzdem auf den Besetzungszetteln. Unter den Schauspielern, den Imitatoren, den öffentlichen Menschen, fühlt er sich fremd und einsam. Die Prägungen der Kindheit, der Ballast der Herkunft. Man kann sich nicht selber machen. Das Leben hat immer schon angefangen.

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Der Vater grollt. Er kann das Treiben seines Sohnes nicht mehr begreifen. Er vergleicht das Geschehen mit den Hobbys des Kindes. Mit dem Theater, sagt er, wird es auch nicht anders als mit den Briefmarken, dem Goldhamster und der Steinsammlung. Der Sohn solle die Ansichten des Vaters bitte schön in Ruhe bedenken und nicht gleich so aufgeregt sein.

Aber niemand ist aufgeregter gegen seine Herkunft als der Parvenü. Der Vater verkörpert für ihn das zu Überwindende, die alte Welt, die wie Blei an den Füßen hängt. In seiner typischen Vaterhaftigkeit verteidigt er seinen eigenen Lebensentwurf. Die Mutter schmiegt sich an, fürchtet sich nicht, liebt bedingungsloser. Der Vater reagiert aggressiv auf die plötzliche Fremdheit des eigenen Kindes. Er fühlt sich verlassen und bedroht, hintergangen und beleidigt. Er muss kämpfen.

Auf seinem Weg über die Grenze verliert der Sohn einen Vater und der Vater einen Sohn. Noch Jahrzehnte später werden sie einander wie gereizte Tiere umschleichen, misstrauisch, getrennt durch eine endlose Geschichte von Verdacht, Vorwurf, Verletzung.

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Bisher, so scheint es unserem in der Theaterkunst dilettierenden Parvenü, hat er unter glanzlos-langweiligen Figuren gelebt. Jetzt sind strahlende Helden um ihn. Reife, welterfahrene Menschen mögen das Leben der Bohème nüchterner betrachten. Sie belächeln die Attitüden einer konservierten Kindlichkeit, das ewig Verspielte, die vielen eitlen Posen. Aber das ist dem Parvenü ganz egal. Mit klopfendem Herzen sitzt er im örtlichen Künstlercafé. Die alten Männer, seine väterlichen Freunde, halten nachmittags dort Hof. Im Stadttheater war Premiere, einer gibt mit tönender Stimme Interna zum Besten. Irgendwer hat den neuen Roman von XY gelesen, der manchmal am Nebentisch sitzt, aber jetzt, als Abwesender, gnadenlos verrissen wird. Ein kleiner, rothaariger Maler war mit seinen Bildern auf Tournee. Nun präsidiert er wieder und erzählt launige Geschichten aus der Ferne.

Der Parvenü ist immer noch keine 20 Jahre alt, ein hübscher Bursche, den man duldet, ohne groß auf ihn Acht zu geben. Zu reden traut er sich hier ohnehin nicht. Die Kunst der geistreichen Plauderei ist ihm fremd. Die Dinge, von denen die Bücher erzählen, hat er in seiner bisherigen Welt nie zur Sprache bringen können. Die Oralität seines Milieus beschränkte sich auf die Kommentierung unmittelbarer Lebensvollzüge. Aber Jugend hat grenzenlose Hoffnung. Immerhin sitzt er schon im Künstlercafé.

Es ist nicht der falsche Weg, dieser Wilhelm-Meister-Weg, aber es wird Zeit, dass er an eine Kreuzung kommt. Hatte sein Bild der sozialen Pyramide nicht von Anfang an zwei Seiten, die Kunst und die Gelehrsamkeit? Sie waren gleichermaßen Synonyme für ein geglücktes Leben.

Als Intellektueller, als Geistmensch, durfte man introvertiert sein, ungelenk, scheu und verborgen. Die Bücher verlangten stille Konzentration, nicht selbstgewisse Expressivität. Was für ein Tag, als er zum ersten Mal die Universitätsbibliothek seiner Heimatstadt betritt. Das geheimnisvoll raschelnde Leben in den riesigen Lesesälen. Der schweigende Betrieb vor den Katalogen. In diesem gigantischen Mausoleum vollzieht sich eine magische Initiation. Hier reifen Menschen zu Halbgöttern des Wissens.

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Jahre in den Bibliotheken. Fantastische Forschungen, die ins Nirgendwo führen. Keine Systematik, kein benennbares Ziel. Nur das Streben nach einem irgendwie gewaltigen Wissen. Er ist ein geistiger Vagabund, der in die Rolle des Universaldilettanten hineinwächst. Vielleicht treibt ihn weniger die Lust am Wissen als die Furcht vorm Unwissen. Die Angst des Parvenüs ist die Angst vor seiner Entlarvung. Eine zähe, zehrende Angst, die immerzu verborgen werden muss. Die Furcht, dass jemand kommen und ihm seinen Platz streitig machen könnte. Er würde der Unkenntnis überführt, stünde nackt da wie in jenen Träumen, in denen man unbekleidet durch eine Menschenmenge geht. Das Exil begänne von vorn.

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Vielleicht ist es kein Zufall, sondern Logik der Rettung, wenn er sich nebenbei für die Biografien der Denker zu interessieren beginnt, deren Werke er in langen Nächten studiert. Er untersucht ihre existentiellen Leidensgeschichten, die das hohe Wissen paradox grundieren. Das ewige Drama zwischen Körper und Intellekt, die nie aufgehenden Rechnungen von geistiger Freiheit und biografischem Zwang. Es ist der ungefügige Rest, der ihn stärker zu interessieren beginnt. Die Wissenschaft ist eine Leiter, und es kommt darauf an, sie im richtigen Augenblick wegzustoßen.

Texte entstehen. Erste zaghafte Übungen zu einer neuen Lebenskunst. Äußere Formen, die er sich nun selbst erschafft. Materielle Gebilde, die seine Rolle in der Welt bekräftigen können. Die ihm Halt geben. Die eine Heimat sind.

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Der lange Marsch des Parvenüs. Seine Zunge gehorcht ihm nun mühelos, auch komplizierte Argumentationsketten kann er geschickt entfalten. Die Erweckung ist nicht mehr rückgängig zu machen. Sogar weltliche Erfolge stellen sich ein. Als er das erste Mal im Fernsehen interviewt wird, zeichnet sein Vater alles auf. Er spielt das Band auf Familienfeiern vor, wo die Verwandten nun lange still sitzen müssen. Wie schön der Junge redet, lautet das einhellige Urteil. Wo er das wohl her hat?

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