Kultur : Wohin die Kunst rennt

Auf dem 10. Art Forum Berlin glänzen die Galeristen mit jüngsten Entdeckungen

Katrin Wittneven

Die Uhr an der Wand hat nur elf Stunden. Anfangs fällt es gar nicht auf: Die Zeiger laufen ganz normal, nur das Zifferblatt hat der junge Österreicher Markus Schinwald minimal verändert, und so ist am Ende des Tages eine Stunde eingespart. Zeit, das macht der Eröffnungstag des 10. Art Forums Berlin überdeutlich, ist auf dem Kunstmarkt momentan das kostbarste Gut. Denn sie rennt – wer nicht Schritt hält, ist schon überholt.

Für viele Sammler hat dieser erste Messetag daher bereits am Vorabend der Eröffnung begonnen: Kaum, dass die Werke von einem der begehrten Shootingstars ausgepackt sind, wird gesichtet und kurz verglichen – dann muss der schnelle Zuschlag folgen, sonst ist ein anderer schneller. Viele Verkäufe sind bereits Wochen vorher mit digitalen Bildern und Dossiers vorbereitet worden, doch der eigentliche Flash entwickelt sich nur vor den Originalen. Und so gibt es bereits am Vormittag des Vernissagentages viele zufriedene Gesichter, nicht nur am Stand von Georg Kargl, wo neben Schinwalds Elf-Stunden-Uhr (Auflage 3, 4400 Euro) nach kurzer Zeit auch Werke von Raymond Pettibon, Carol Bove und Clegg & Guttmann verkauft waren.

Doch das 10.Art Forum ist mehr als nur ein Marktplatz für heiße Waren. 1995 hatten sich 14 renommierte Kunsthändler zusammengetan, weil sie eine Alternative zur ausgeuferten Art Cologne suchten, und das neue Kunstmekka Berlin als Ort für ihre Messekonzeption gewählt. Ein Jahr später fand das erste Art Forum statt, eine Messe „von Galeristen für Galeristen“, die mit wenigen und hochkarätigen Teilnehmern auf hohe Qualität und Internationalität setzte. Doch obwohl die Rechnung zunächst aufging, musste in jedem Jahr weiter am Konzept gefeilt werden. Die Messe wurde größer, aber dann sprangen der Hauptsponsor und schließlich die jungen Berliner Kunsthändler ab. Zudem wurde der Druck durch konkurrierende Veranstaltungen wie die Londoner Frieze und die Art Basel Miami Beach größer. Erst 2003 fand die Messe nach einer erneuten Reduzierung der Teilnehmer und der klaren Fokussierung auf junge Gegenwartskunst eine stimmige Form. Auch der Umzug in die luftigen Ermisch-Hallen auf dem Messegelände half: Im Jahr drauf kehrten nahezu alle wichtigen Berliner Händler zurück.

Mit einem guten Drittel der 129 Teilnehmer aus 25 Ländern bilden die Berliner Galeristen auch im Jubiläumsjahr das Rückgrat der Messe. Wobei das Spektrum denkbar breit ist und von bekannten Größen wie Gerhard Richter oder Sigmar Polke bei Springer & Winckler bis zu Neuentdeckungen reicht: Da sind die Maler Michael Kalki und Axel Geis in der Galerie Jan Wentrup, die unglaublich verdichteten Zeichnungen von Simon Lewis in der Galerie Urlusa Walbröl oder die zu Papierschnipseln reduzierten Werke von Hayley und Sue Tompkins bei Giti Nourbakhsch; da sind die abstrakten Arbeiten von Rebecca Morris bei Barbara Weiss und die düster-absurden Skulpturen und Fotografien von dem Münchner Lorenz Straßl bei Christine Mayer.

Doch die größte Nachfrage gilt naturgemäß zunächst den „Happy Few“ des internationalen Kunstbetriebs wie Jonathan Meese, dessen Skulptur „Kampfkopf, Baby“ (40000 Euro) und sein mythenüberbordendes Gemälde „Shirkans Rückkehr verschoben bis morgen wegen Überflug“ (32000 Euro) bei Contemporary Fine Arts ebenso schnell verkauft waren wie Neo Rauchs Großformat „Der Vorhang“ bei Eigen+Art, das für 260000 Euro ans Stedelijk-Museum ging. Eine übermalte Fotocollage von Amelie von Wulffen fand bei der Galerie Crone Osarek für 20000 Euro einen Liebhaber und Thomas Zipps Arrangement „Propeller“ aus Zeichnungen und einem Gemälde hätte Galerist Guido W. Baudach an diesem Tag noch weit öfter verkaufen können. Gefragt bleibt Malerei: Für das atelierfrische Hurrican-Gemälde „Rita“ von Norbert Bisky zahlte ein Berliner Sammler 31000 Euro. Doch die viel zitierte Malerwelle ist vorbei, stattdessen ist wieder viel intelligente „Kunst über Kunst“ zu sehen, wie die mit webartigen Strukturen bespannten Keilrahmen von Henning Bohl bei der Hamburger Galerie Karin Guenther Nina Borgmann, die bei Preisen um 4000 Euro sofort verkauft waren.

Die enorme Nachfrage nach den immer gleichen Künstlern, die auf den Messen in Basel und London ebenso präsent sind, provoziert viele Händler gerade in Berlin dazu, Experimente zu wagen. Die Produzentengalerie aus Hamburg wechselt täglich ihr Programm und überzeugt zur Eröffnung mit den fragilen Wandarbeiten der jungen Hamburgerin Ulla von Brandenburg. Auch die Galerie Ropac (Salzburg/Paris) zeigt nicht das gesamte Spektrum ihres Programms, sondern Graphitzeichnungen des 1977 geborenen Kanadiers Paul P.: allerfeinste Zeichnungen und Schraffuren im Rembrandt-Style, die Pornostars aus den Siebzigern zeigen (3500 bis 6500 Dollar). Ein Wiederspruch, der zündet – der Stand war am Nachmittag ausverkauft, und die Zeichnungen von Paul P. werden demnächst in der Albertina und im MoMA zu sehen sein. Die Johnen Galerie überließ ihre Koje dem gebürtigen Schotten Martin Boyce, der seine Künstlerfreunde Jason Dodge und Tom Gidley dazu holte und eine Beton-Tischtennisplatte zum Parkmodell umfunktionierte (25000 Euro).

Gerade den internationalen Glanz, so hatte mancher befürchtet, würde das Art Forum in diesem Jahr vermissen lassen, angesichts einer Teilnehmerliste, auf der viele internationale Größen fehlen. Das Gegenteil ist der Fall: Statt globalem Einerlei bietet das Art Forum in seinem zehnten Jahr echte Entdeckungen.

Messegelände Berlin, Hallen 17-20, bis 3. Oktober, weitere Informationen unter www.art-forum-berlin.de

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