Kultur : Wohin die Liebe fällt

Paris, Provinz, Goldküste oder Wüste: Die 6. Französische Filmwoche in Berlin reist überallhin

Christina Tilmann

Nein, ein Happy End ist das nicht. Höchstens eine zarte Hoffnung. Dass noch etwas anders werden könnte in diesem Leben, das so festgefahren schien zwischen Büro und Bett. Zwei französische Filme, zwei unmögliche Liebesgeschichten. Und zweimal Protagonisten, wie man sie selten sieht. Jean-Claude (Patrick Chesnais) in „Man muss mich nicht lieben“ ist Gerichtsvollzieher: einer, der sein Herz, sein Mitleiden längst abgestellt hat angesichts des täglichen Elends, dem er begegnet. Und der in seinem grauen Büro verstaubt, im immer gleichen Tagesablauf. Bis er einmal das Fenster öffnet, und Tangoklänge dringen herein, von der Tanzschule gegenüber, und weil der Arzt ihm Bewegung rät, schreibt er sich ein und begegnet einer jungen, unglücklichen Frau, und ganz zart, eigentlich nur mit einer zärtlichen Berührung, entstehen Gefühle, blüht etwas auf, öffnet sich was, und am Ende steht: nur ein Lächeln und ein Tanz, ein Versprechen – oder mehr.

Und noch einmal Liebe, und noch einmal Hoffnung: die mittelalte Schauspielerin Irène (Theaterschauspielerin Yolande Moreau ist Protagonistin und Regisseurin gleichzeitig) tingelt durch die französische Provinz, mit einem Soloprogramm, sie spielt eine alte Frau, die sich zum krönenden Schluss jeweils einen jungen Mann, ein „Küken“ aus dem Publikum holt. Und einmal erwischt sie den Richtigen, einen belgischen Puppenspieler, der sich verliebt, auch das nur für eine lange gemeinsame Autofahrt, ein Frühstück mit Zwieback, einen Mittag am Strand, und kurz ist da die Überlegung, warum nicht weiterfahren, immer weiter, was hält einen schon. Am Ende siegt dann die Vernunft – und doch hat „Wenn die Flut kommt“ einen zauberhaft poetischen, schwebenden, offenen Schluss. Träumen bleibt immer erlaubt.

Beide Filme, „Man muss mich nicht lieben“ und „Wenn die Flut kommt“, werden im Sommer in den deutschen Kinos starten – und sind nun im Rahmen der Französischen Filmwoche in Berlin schon einmal vorab zu sehen. Wie auch „Malen oder Lieben“ von Arnaud und Jean-Marie Larrieu, eine mit Sabine Azéma, Daniel Auteuil, Sergi Lopez und Amira Casar prominent besetzte Vierecksgeschichte um eine Malerin und einen jungen blinden Mann und deren Gefährten und ein schönes, altes Haus.

Insgesamt 16 Filme sind bei dieser Filmwoche zu sehen, mit der die Französische Botschaft und das Bureau du cinéma nun schon zum sechsten Mal das junge französische Kino in Berlin vorstellen. Ein kleines Trostpflaster für alle, die sehnsüchtig nach Cannes geschaut haben – nicht wenige Filme haben dort ihre Uraufführung erlebt. Und gleichzeitig die Chance, Namen, Gesichter zu entdecken, von denen man später noch hören wird: Kaum einen der Regisseure kennt man bisher hierzulande.

Erstaunlich viele Filme stammen diesmal von Regisseurinnen, die oft eigene Erfahrungen umsetzen – so Fabienne Godet, die in „Sauf le respect que ja vous dois“ ein traumatisches Erlebnis verarbeitet. Was tun, wenn ein geschätzter Kollege plötzlich gefeuert wird, fragt ihr Film, und plädiert engagiert für Solidarität in der Arbeitswelt. „Jedes Mal, wenn ich nicht nein sage zu etwas, was mir nicht passt, stirbt etwas ab in mir“, erklärt die Regisseurin im Interview. Mehr Mut also, weniger Sicherheit.

Auch Karin Albou schöpft bei „La petite Jérusalem“ aus eigener Erfahrung: die Geschichte einer jungen Jüdin in einem Vorort von Paris, die sich gegen die traditionellen Vorstellungen ihrer Mutter und für die Liebe zu einem jungen Algerier entscheidet, zeigt die Pariser Banlieue von einer anderen Seite: Ja, es brennt einmal die Synagoge nach einem Anschlag, ja, es ist eine geschlossene Welt, in der Ehen noch vermittelt und nicht geschieden werden – aber diese Laura (Fanny Valette) lebt ganz selbstverständlich ihr eigenes Leben.

Und weil französisches Kino nicht nur in Frankreich entsteht, gibt es diesmal eine Sektion „Francociné“, die zum Beispiel den in Berlin schon angelaufenen Dokumentarfilm von Idrissou Mora-Kpai über die nigerianische Wüstenstadt Arlit zeigt. Auch Kanada ist mit Francis Leclercs „Mémoires Affectives“ über einen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, dabei, und Belgien mit „L’Iceberg“, dem Selbstverwirklichungstrip einer jungen Frau zum Nordkap. „Snow White“ schließlich, der neue Film des in Bagdad geborenen Samir („Forget Baghdad“), spielt in der französischsprachigen Schweiz und erzählt eine Romeo-und-Julia-Geschichte: reiches Goldküsten-Girl liebt französischen Underground-Musiker. Die Liebe geht nicht gut, doch der gegenseitige Kampf gegen Vorurteil und um Anerkennung wird von den beiden Hauptdarstellern Julie Fournier und Carlos Leal ganz spielend leicht getragen. Kein Happy End. Aber ein starker Film.

Cinema Paris und Filmtheater am Friedrichshain, bis 7. Juni, Eröffnung heute 21 Uhr. Programm www.kultur-frankreich.de

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