Kultur : Wohin die Sprache nicht reicht

PAUL STOOP

Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem" löste 1963 eine Welle der Empörung aus.Im Potsdamer Einstein Forum stand das Buch im Zentrum einer Debatte über die Geschichtsschreibung des Holocaust.VON PAUL STOOP"Eigentlich höchst vergnügt" sei sie,"aus dem New Yorker Rummel wegzusein", schrieb Hannah Arendt Ende Februar 1963 aus der Schweiz an ihren Mann Heinrich Blücher.Der nahm Anrufe und Briefe entgegen, die ihr galten, und leitete Artikel an Arendt weiter."Ich schicke Dir alles nach", versprach Blücher einige Wochen später in einem Brief, "aber mit einfacher Post das nächste Mal.Die Sache könnte teuer werden, wenn es so weiter geht." Der "Rummel", das war der Beginn der Kontroverse, die mit dem Abdruck von Arendts Reportage im New Yorker begann und Monate später, als das Buch mit dem Titel "Eichmann in Jerusalem" als "Ein Bericht von der Banalität des Bösen" erschien, zum Skandal wurde.Die Sache ist Geschichte geworden, aber die Empörung klingt bis heute nach.Das zeigte die internationale Tagung des Einstein Forum in Potsdam über die Kontroverse und allgemeine Fragen der Geschichtsschreibung des Holocaust. An Illustrationen für die aufgeheizte Atmosphäre, die um das Buch 1963 enstand, mangelte es in den Potsdamer Tagungsbeiträgen nicht.Die Schärfe des Konflikts war nicht zuletzt auf das timing zurückzuführen.Die amerikanischen Juden hatten nach dem Krieg ein eher abgeschlossenes Leben geführt."Jewishness", berichtete Anson G.Rabinbach (Princeton), sei Privatsache, der Holocaust kein öffentliches Thema gewesen.Die jüdischen Intellektuellen New Yorks befaßten sich kritisch mit dem Kommunismus, nicht mit dem Faschismus.Das änderte sich gegen Ende der fünfziger Jahre.Juden schafften den gesellschaftlichen Aufstieg, Kampagnen gegen alte antijüdische Barrieren waren die Folge, nicht nur in der Wissenschaft.Der Holocaust wurde ein Thema - und genau da, sagte Rabinbach, "überschritt Hannah Arendt eine unsichtbare Linie", die ihr soviel Feindschaft einbrachte.Sie verletzte mehrere Tabus.Sie konstatierte das Scheitern der Anpassungspolitik jüdischer Führer angesichts der Verfolgung in Europa und zollte den Überlebenden keinen Respekt.So empfanden es die Kritiker. Nicht weniger harsch war die Ablehnung, die ihr aus Israel entgegenschlug."Hannah Arendt hatte ihre Agenda, als sie zum Prozeß fuhr", stellte die Historikerin Idith Zartal (Tel Aviv) fest, und die war anders als die von Ministerpräsident Ben-Gurion.Der sei dabei gewesen, "aus dem Staat eine Nation" zu schmieden.Der Prozeß gegen den aus seinem argentinischen Exil entführten Organisator der Vernichtung, Adolf Eichmann, sollte Israel zur Stärke mahnen und die Erinnerung an den Völkermord wachhalten, die in Israel kollektiv verdrängt worden war. Hanna Arendt empfand diese Instrumentalisierung des Rechts als ein Greuel.Nie um kräftige Begriffe verlegen, sprach sie von einem "Schauprozeß", auch wenn sie dem Staat Israel nicht das Recht absprach, über Eichmann zu richten, und das 1962 vollstreckte Todesurteil akzeptierte.Ihr ging es um etwas anderes: den Typus des Täters, die Frage der Entscheidungsfreiheit des Menschen in Extremsituationen, das Verhalten der Judenräte. Das war damals teilweise eine Kontroverse des Als-ob: Arendt-Aussagen wurden verzerrt, vom Hörensagen wiedergegeben oder zurechtgebogen für eine Attacke."Eichmann in Jerusalem" ist ebensowenig ins Hebräische übersetzt wie Raul Hilbergs Standardwerk über den Holocaust.Aber israelische Gelehrte beteiligen sich verstärkt an der Debatte; in Potsdam analysierte Stéphane Moses (Hebräische Universität Jerusalem) an Hand des Briefwechsels - "Schimpfbriefe" nannte er sie - die enorme Kluft zwischen Gershom Scholem, dem aus Deutschland nach Palästina emigrierten Wissenschaftler, und Arendt.Bei Scholem hinterließ der Prozeßbericht "Bitterkeit und Scham".Es waren nicht nur Arendts "hämischer Ton", ihre Ironie und ihr hartes Urteil über die Judenräte ("Ich maße mir kein Urteil an", entgegnete Scholem), sondern auch ihr Mangel an "Liebe zum Volk Israel", die den Historiker der jüdischen Mystik tief trafen. Scholem bezog sich dabei auf die talmudische Tradition, die die Liebe zu allen Mitmenschen - keine fremde Kategorie für die radikale Universalistin Hannah Arendt - nicht ohne Liebe zum Fremden und zum Nächsten, dem eigenen Volk kenne.Arendt dagegen habe nie ein Kollektiv geliebt.Eine Aussage Golda Meirs, sie glaube "nicht an Gott, sondern an das Volk Israel", habe Hannah Arendt als "furchtbaren Satz" bezeichnet, zitierte Moses. War "Eichmann in Jerusalem" Geschichtsschreibung? Im traditionellen Sinn wohl kaum.Zwar stützte sich Arendt auf die verfügbaren Darstellungen des Judenmordes, vor allem Raul Hilbergs "Vernichtung der europäischen Juden" (1961), das argentinische Vernehmungsprotokoll Eichmanns.Sie versuchte, den Ausschnitt des Vernichtungsprozesses darzustellen, in dem Eichmann eine Rolle spielte.Einen Themenkomplex umging sie dabei: die Vernichtung selbst, die Gaskammern im Osten.Arendt hielt inne im Moment der Juden-Deportationen aus den besetzten Ländern Europas.Sie sei "unfähig" gewesen, "sich diesem Geschehen auszusetzen", formulierte Gabriel Motzkin (Hebräische Universität), der darin die biographische Prägung sah.Die entwurzelten Emigranten, beheimatet im abstrakten Territorium universaler Werte, waren Arendt näher als die an Europa tödlich gefesselten Opfer der Vernichtung. Auch Moishe Postone (Chicago) bemängelte das Anhalten "vor der Schwelle des Holocaust".Auch die Einordnung des Judenmordes als Verbrechen gegen die Menschheit und damit die Leugnung des Spezifischen des Holocaust sowie das Ausblenden des Antisemitismus als eine treibende Kraft verzerrten die Wirklichkeit: "Und das gibt dem Vorwurf Gershom Scholems einen rationalen Kern." Der Berliner Historiker Götz Aly schloß sich der Kritik an.Das bei Arendt vorherrschende Bild vom "kühlen, bürokratischen Mord" könne er nicht akzeptieren.Vom täglichen Terror gegen Juden, von deren allgegenwärtigen Angst von 1933 an zeugten nicht zuletzt die Klemperer-Tagebücher. Die Potsdamer Diskussionen waren dicht, präzise.Auch die Exkursion auf das schwierige Gebiet der "Kollektivschuld" im Nachkriegsdeutschland, an der sich Dan Diner, Norbert Frei und Gesine Schwan beteiligten, waren nüchtern-analysierend: klare Blicke auf ein weiteres Stück politisch wirksamen Als-ob.Denn "Kollektivschuld" war ein Konstrukt zur Abwehr der Erinnerung und Verstrickung, nie ein Konzept alliierter Politik. Ein Referent konnte Hannah Arendt nicht distanziert betrachten: Raul Hilberg, Emigrant wie Arendt, unermüdlicher Erforscher des Holocaust.Was er in seinen 1996 erschienen Erinnerungen knapp darstellte, zeigte er in Potsdam in einer heftigen, teilweise polemischen Attacke: die tiefe Wunde, die ihm Hannah Arendt ihm zugefügt hat.Nie habe er über Arendt geschrieben, nie über sie gesprochen.Einen Brief hat er jedoch von ihr empfangen: 1958 lehnte die Princeton Univerity Press sein Buch-Manuskript ab.Der Brief, in dem Hilberg mitgeteilt wurde, das Thema Judenmord sei hinreichend publizistisch behandelt, war von Hannah Arendt unterzeichnet, jener Hannah Arendt, die sich wenige Jahre später auf Hilbergs Forschung stützte und die nach Auffassung nicht nur oberflächlicher Beobachter eine gewisse Nähe zu Hilberg Analyse des Juden-Mordes aufwies: die Bedeutung der Bürokratie, das kalte Mord-System. Doch das spiele keine Rolle, sagte Hilberg.Nein, Arendt habe aus Eichmann eine "Karikatur" gemacht."Eichmann war nicht banal.Hannah Arendt kannte Eichmann nicht.Drei Tage vor Beginn der Eichmann-Aussage im Prozeß verließ sie Jerusalem.Sie hatte keine Ahnung, sie hatte nur eine Idee." Auch Arendts Kritik an den Judenräten, die bei der Deportation mitzuwirken gezwungen waren, sei eine Karikatur.Jedes jüdische Kind habe seit 1800 Jahren gewußt, daß es nur eine Überlebensstrategie gebe: Anpassung, nicht Widerstand. Richard Bernstein (New School for Social Research, New York) konnte in einem fulminanten Schlußvortrag klarstellen, daß die "Banalität" des Untertitels in Arendts Buch nur einmal, im letzten Absatz, vorkommt, und Hilbergs Angriff auf diese vermeintliche Karikatur "unverantwortlich" sei; daß Hannah Arendt die Judenräte nicht moralisch verurteilte, sondern radikal an der Urteils- und Handlungsfähigkeit des Menschen glaube und deshalb fragen müsse; daß es ihr in erster Linie um das Problem des Gewissens gehe - Fragen also einer politischen Philosophin. Aber als tiefster Eindruck blieb der Abgrund des Unverständnisses, den Hilberg gezeigt hatte.Es ist nicht nur ein Problem des "Tons", der bis heute die Debatte schwierig macht und der auch den Goldhagen-Streit belastete.Es ist das Thema, das Ausweichbewegungen nahelegt, Als-ob-Diskussionen aufdrängt und den Ton färbt.Der Psychoanalytiker Hans Keilson, der lange mit Überlebenden der Vernichtungslager arbeitete, hat beschrieben, daß es für ihn im Gespräch mit diesen einen Bereich gebe, "wohin die Sprache nicht reicht".Das, was dort war, das, was hinter der Schwelle lag - Auschwitz, Treblinka, Majdanek - wirkt auf jeden Versuch des Verstehens, Analysierens, Beschreibens. In Potsdam forderte Dana Villa (Harvard), das Eichmann-Buch - und man möchte hinzufügen: Hilbergs Werk - "genau zu lesen, und zwar in einen kühlen Moment".Ein solcher Moment ist wohl noch lange nicht gekommen.Das zeigt ein unerwarteter Vorfall: die Weigerung einiger ausländischer Referenten, einen Vormittag in der Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz zu tagen.Das timing war ungünstig; die Mitteilung traf die Referenten unvorbereitet bei ihrer Ankunft.Der richtige Ton war wohl schwer zu finden: die Leitung der Gedenkstätte war tief erschüttert.Aber es ging nicht um einen Tagungsort.Es ging um Auschwitz.

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